Charlotte Planchou wurde im saarländischen Homburg geboren und zog mit fünf Jahren nach Paris. Die Académie du Jazz feierte sie 2024 als beste Nachwuchskünstlerin. Ihre Wandelbarkeit demonstriert sie bald beim Saarbrücker „fill in – International Jazz Festival Saar“.
Charlotte Planchou, Ihr Auftritt beim diesjährigen „fill in – International Jazz Festival Saar“ ist etwas Besonderes.
Ja, ich stehe zum allerersten Mal vor meiner Familie auf der Bühne! Das ist lustig, weil ich zu Hause nie der „Star“ war. Auf Familienfeiern wurde immer gesungen, aber ich war definitiv die Schüchternste.
Was erwartet die Zuschauer?
Lieder über Liebe, Freundschaft und alles, was Menschen zusammenbringen kann. Die größte Herausforderung unserer Zeit ist es doch, Gemeinsamkeiten zu finden. Mich stört zum Beispiel die wachsende Respektlosigkeit von Männern gegenüber Frauen. Ein solches Verhalten ist dumm und feige. Mit anderen wirklich in Kontakt treten, Freundschaft erleben, Liebe zulassen, DAS erfordert Mut und Kreativität! Davon möchte ich auf der Bühne erzählen.
Sie singen in fünf Sprachen: Französisch, Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Okzitanisch, einem galloromanischen Dialekt.
Ich liebe es, mit verschiedenen Sprachen verschiedene Dinge auszudrücken. Ich finde Deutsch ja poetischer als Französisch, die deutsche Kultur beeindruckt mich insgesamt sehr. Schubert, zum Beispiel seine Vertonung der „Schönen Müllerin“. Und wieder bin ich bei der Liebe: Ich habe nie verstanden, warum die Müllerin mit dem Jäger durchbrennt, wenn der Müllergeselle doch in Wahrheit der Held ist, weil er sie wirklich liebt.
Es gibt interessante Zusammenhänge zwischen Ihrem neuen Album „Le Carillon“ und dem Saarland. Sie interpretieren beispielsweise Léo Ferrés Chanson „Est-ce ainsi que les hommes vivent“ (dt.: „Ist so das Leben der Männer?“), welches auf einem Gedicht von 1956 basiert – es handelt von einem Saarbrücker Militärbordell.
Das wusste ich nicht. Es ist ein ganz wunderbarer, poetischer Text. Ich habe dieses Chanson in meinem Repertoire, weil mich die Frage beschäftigt: Welchen Nutzen hat käuflicher Sex für die Gesellschaft? Ist es noch ein Tabu, wenn alle es tun? Manche nennen es Freiheit, manche denken, es sei cool, subversiv. Aber dabei ist doch der wahre Akt der Rebellion, wenn ein Mann eine Frau von Herzen liebt und ihr treu ist.
Noch ein interessanter Zusammenhang: Mackie Messer gehört auch zu Ihrem Programm. Wussten Sie, dass Kurt Weills Melodie auf den St. Ingberter Albert Niklaus zurückgehen soll, der in den 1920er-Jahren damit an einem Wettbewerb für Seidenstrumpf-Werbung teilgenommen hat?
Nein, das ist ja spannend!
In Ihrer Interpretation tauchen die Namen zweier verurteilter Sexualstraftäter auf: Jeffrey Epstein und Harvey Weinstein.
(lacht) Ja, das Lied lässt großen Interpretationsspielraum. Es gibt zahlreiche Coverversionen, und viele Künstler nehmen kleinere Änderungen vor. Ella Fitzgerald soll bei einem Auftritt mal den Text vergessen und improvisiert haben, seitdem hat das Tradition. Louis Armstrong fügte der Liste von Mackies weiblichen Eroberungen zum Beispiel „Lotte Lenya“ hinzu – Kurt Weills Frau.