Die Degradierung von Red-Bull-Pilot Liam Lawson hat hohe Wellen geschlagen. Nach nur zwei Rennen haben die Verantwortlichen die Reißleine gezogen. Ein Rekord, eine neue „Bestmarke“! Die Teamkollegen von Starpilot Max Verstappen sitzen auf einem Schleudersitz.
Liam Lawson wollte aufsteigen – und wurde fallengelassen. Der 23-jährige Neuseeländer galt als neue Hoffnung im Red-Bull-Kosmos. Mit ruhiger Ausstrahlung und sauberem Fahrstil hatte er sich 2023 als Ersatzmann im Schwesterteam Racing Bulls empfohlen. 2024 ersetzte er Daniel Ricciardo, sammelte in wenigen Rennen Anerkennung – und erhielt schließlich zum Saisonstart 2025 den Zuschlag für das vakante A-Team-Cockpit neben Max Verstappen. Eine Beförderung mit Symbolkraft. Doch nur zwei Rennen später war alles vorbei: ein Ausfall in Australien, ein zwölfter Platz in China – null Punkte. Noch vor dem dritten Grand Prix zog Red Bull die Reißleine. Eine neue „Bestmarke“ in Sachen Ungeduld – und ein weiteres Kapitel im rotierenden System des Energiegetränketeams.
Auch Ricciardo fiel in Ungnade bei den Bossen
„Die Formel 1 ist eine Leistungsgesellschaft“, lautet das Credo von Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko. Der 81-jährige Österreicher ist seit 2005 die graue Eminenz im Hintergrund: verantwortlich für das A-Team Red Bull Racing, das Schwesterteam Racing Bulls (ehemals Toro Rosso) und das gesamte Nachwuchsprogramm des Konzerns. Der promovierte Jurist agiert kompromisslos und ist gefürchtet für seine knallharten Personalentscheidungen. „Wenn die Leistung nicht gut ist, sind auch bestehende Verträge nutzlos“, sagt Marko – und meint es genauso. Dass Red Bull mitten in der Saison Fahrer tauscht, hat Tradition. 2019 musste Pierre Gasly nach nur zwölf Rennen neben Verstappen gehen, Alex Albon schaffte immerhin 26. Daniel Ricciardo, der einst freiwillig ging und später als Rückkehrer scheiterte, wurde 2024 nach dem Grand Prix von Singapur trotz langfristigem Vertrag durch Lawson ersetzt. Sergio Pérez hielt sich noch am längsten: Von 2021 bis 2024 absolvierte er 90 Grands Prix als Verstappens Teamkollege, wurde 2022 Dritter und 2023 Vizeweltmeister – und musste trotzdem gehen. Ein unwürdiger Trennungsstreit in der Winterpause und eine kolportierte Abfindung über 15 Millionen Euro beendeten die Zusammenarbeit. Selbst seine Vertragsverlängerung im Juni 2024 erwies sich als wertlos. Red Bull war der Meinung: Die Leistungen reichten nicht mehr.
Liam Lawson hatte sich durch starke Leistungen in der japanischen Super Formula und als Testfahrer empfohlen. Bei seinem Debüt 2023 in Zandvoort sprang er kurzfristig ein – und fuhr prompt in die Punkte. Red Bull sah in ihm den stabileren Kandidaten gegenüber Yuki Tsunoda, der trotz größerer Erfahrung oft als zu unbeständig galt. Marko sprach von einem Fahrer mit größerem Potenzial und geringerer Fehlerquote. Ein Vertrauensvorschuss – verbunden mit der klaren Ansage: Wer nicht liefert, fliegt.
Lawsons Aufgabe war klar: Punkte sammeln, Verstappen unterstützen, den Konstrukteurstitel sichern. Doch während Verstappen mit Platz zwei in Melbourne und Rang vier in Shanghai souverän startete, blieb Lawson ohne Ergebnis. Christian Horner erklärte in einer Pressemeldung: „Wir können uns keine halbe Saison zum Einfinden leisten.“ Und weiter: „Liam hätte es wahrscheinlich geschafft, aber wir haben nicht so viel Zeit. Wir mussten handeln – zum Schutz des Fahrers, aber auch im Sinne des Teams.“
Lawson selbst zeigte sich überrascht. „Ich hatte meine ersten zwei Rennen auf Strecken, die ich nicht kannte, in einem Auto, das neu für mich war“, sagte er im Interview mit Sky. „Es war definitiv ein Schock. Das habe ich nicht kommen sehen.“ Horner betonte: „Liam diese Nachricht zu überbringen war schrecklich, denn du nimmst jemandem seine Träume und Hoffnungen. Aber manchmal muss man hart sein, um am Ende helfen zu können.“ Marko wählte drastischere Worte: „Lawson wirkte wie ein angeschlagener Boxer. Und wenn ein Boxer angeschlagen ist, nimmt man ihn aus dem Ring.“ Das System Red Bull zeigt hier ausnahmsweise Milde – denn Lawson bleibt im B-Team, soll sich dort stabilisieren. Aber: Noch nie hat ein Fahrer nach einer Degradierung den Weg zurück ins A-Team geschafft.
Verstappen steht im Zentrum
Dabei ist die Ausgangslage für jeden Red-Bull-Fahrer neben Verstappen besonders heikel. Verstappen ist nicht nur Weltmeister – er ist das Zentrum des gesamten Konstrukts. Die Entwicklung des Autos orientiert sich kompromisslos an seinem Fahrstil: spitz, instabil im Heck, technisch anspruchsvoll. Wer davon abweicht, hat es schwer. Michael Schmidt, langjähriger F1-Reporter, formuliert es so: „Max Verstappen hat sie alle hingerichtet. Und er wird das Gleiche tun mit Tsunoda oder Hadjar – egal, wer das Pech hat, gegen ihn antreten zu müssen.“
Der neue Mann an Verstappens Seite ist nun ausgerechnet Yuki Tsunoda – der Fahrer, den Lawson wenige Monate zuvor verdrängt hatte. Der Japaner durfte beim Großen Preis von Japan im A-Team starten, punktete jedoch nicht: Platz zwölf, während Verstappen erneut gewann.
Eine Konstellation mit Ansage. Zwar lobte Tsunodas bisheriger Teamchef Laurent Mekies dessen Entwicklung als „sensationell“, doch die Messlatte liegt höher. Der Einfluss von Motorenpartner Honda bei Tsunodas Beförderung gilt als gesichert. „Tsunoda wird die Saison zu Ende fahren. Wir gehen davon aus, dass er das meistern wird“, erklärte Marko gegenüber Formel1.de.
Die Frage aber bleibt: Hat sich Tsunoda mit seinem Aufstieg einen Gefallen getan? Verstappen duldet keine Nebenrolle – und wer nicht punktet, wird schnell ersetzt. Marko betonte, Tsunodas Leistungen seien „überraschend positiv“ gewesen, während Lawson eine „Abwärtsspirale“ erlebt habe. „Die Entscheidung hat sich als falsch erwiesen. Sie ging nach hinten los“, sagte Marko. Für Tsunoda beginnt nun ein Spiel auf Zeit – und auf höchstem Druckniveau.
Denn das nächste Talent steht bereits bereit. Isack Hadjar etwa, aktuell bei Racing Bulls aktiv, gilt als nächster Kandidat. Auch Ayumu Iwasa und Zane Maloney sind in der Red-Bull-Akademie weit oben auf der Liste. Red Bull betreibt eines der konsequentesten, aber auch härtesten Nachwuchsprogramme im Motorsport. Wer nicht sofort liefert, wird ersetzt. Es ist ein System, das Talente hervorbringt – aber ebenso schnell verheizt.
Enorme psychische Belastung
Viele Karrieren endeten dort, bevor sie richtig begonnen hatten: Alguersuari, Vergne, Buemi, Hartley – sie alle verschwanden aus der Königsklasse, weil sie im Schatten Verstappens verblassten.
Im Vergleich zu Teams wie Mercedes oder Ferrari wirkt Red Bulls Fahrerkultur fast schon gnadenlos. Während Mercedes etwa jahrelang auf Konstanz mit Lewis Hamilton und Valtteri Bottas setzte und Ferrari jungen Talenten wie Charles Leclerc Zeit zur Entwicklung einräumte, herrscht bei Red Bull ein anderer Ton. Hier zählt nur das Ergebnis – und das sofort. In dieser Umgebung wird aus einem Testeinsatz rasch eine Karrierechance, aber genauso schnell eine Sackgasse. Für viele Nachwuchsfahrer bedeutet ein Scheitern bei Red Bull das Ende der F1-Karriere.
Auch die psychische Belastung ist enorm. Wer neben Verstappen fährt, muss nicht nur sportlich mithalten, sondern auch medial bestehen. Jeder Fehler wird seziert, jede Schwäche öffentlich diskutiert. Die Atmosphäre ist von Erwartungen geprägt, die kaum jemand erfüllen kann. Ein Rennen ohne Punkte kann bereits das Karriereende einläuten – so wie bei Lawson. Und auch Tsunoda wird sich dieser Realität täglich bewusst sein. Für Red Bull ist dieses Modell kalkuliert. Der permanente Druck soll die Besten herausfiltern. Und solange die Titel kommen, stellt niemand das System ernsthaft infrage. Doch es bleibt die Frage, wie viele Talente auf der Strecke bleiben – und ob sich der Preis am Ende lohnt.
Das System Red Bull funktioniert – sportlich. Vier Weltmeistertitel in Folge, dominierende Siege, ein über Jahre konkurrenzloser WM-Zyklus. Aber es funktioniert auf Kosten der Fahrer. Wer nicht Verstappen heißt, lebt im Dauertest. Wer einbricht, wird ersetzt. Wer aufbegehrt, geht. Stabilität gibt es nur an der Spitze – und dort sitzt einer: Max Verstappen.
Für Liam Lawson ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Er bleibt Teil des Systems, fährt im B-Team, bekommt eine zweite Chance. Doch die Tür ins A-Team ist schwer zu öffnen – und bislang wurde sie für niemanden ein zweites Mal aufgestoßen. Für Tsunoda wiederum ist es der letzte große Test. Auch er weiß: Ein Wackler genügt – und der nächste steht bereit. Der Schleudersitz neben Verstappen rotiert weiter.