American Football ist längst Teil des Berliner Sports. Das angekündigte Gastspiel der NFL im Herbst wird jedoch für einen zusätzlichen Hype sorgen. Davon möchten die Berlin Rebels und die Potsdam Royals profitieren. Beide Teams starten jetzt in die neue Saison der German Football League.
Die Ursprünge des American Footballs in der Hauptstadt liegen im Jahr 1979. Am Anfang standen die Bären, die Berlin Bears. Sie waren seinerzeit auch Mitbegründer der American Football Bundesliga, die 20 Jahre später in German Football League (GFL) umbenannt wurde. Aus Bären wurden Adler und mit der Namensänderung begann ihr Höhenflug. Sechsmal gewannen sie die deutsche Meisterschaft. Zuletzt 2009. Dazu kamen internationale Erfolge wie die Eurobowl-Titel 2010 und 2014. Daran konnten die Adler danach nicht mehr anknüpfen. Im vorigen Jahr mussten sie sich sogar während der Saison aus der GFL zurückziehen, weil kein spielfähiges Team mehr zur Verfügung stand. Jetzt versuchen sie in der drittklassigen Regionalliga einen Neubeginn.
Die Hoffnungen der Football-Fans tragen nun die Berlin Rebels. Sie sind das einzige Team der Hauptstadt in der höchsten deutschen Liga. Im 1987 beim SC Charlottenburg gegründeten Verein trainieren fünf Mannschaften, von der U14 bis hinauf zum Seniors-Team. Das spielt seit 2012 ununterbrochen in der GFL. In dieser Zeit schafften es die „Hauptstadt-Rebellen“, wie sie sich selbst gern nennen, zweimal bis ins Playoff-Viertelfinale, zuletzt vor zwei Jahren. Nach einer eher durchwachsenen Saison 2024 sollen jetzt wieder bessere Zeiten folgen. „Wir können uns keine Ups und Downs mehr leisten“, formuliert Dogan Özdincer, der Sportdirektor im Gespräch mit FORUM. „Wir wollen oben mitspielen und die Play-offs erreichen.“ Dafür haben die Rebels das Team weiter verstärkt. Aus dem Ausland wurden acht neue Spieler nach Berlin geholt. Dazu kommen weitere aus dem Nachwuchs oder von anderen Vereinen in der Region. Durch diese Spieler bieten sich den Trainern mehr Alternativen. „Ich glaube unser Kader hat jetzt mehr Qualität als im letzten Jahr“, fasst Dogan Özdincer die Entwicklung zusammen.
Als eine wichtige Personalie gilt die Verpflichtung von Aaron Jackson. Experten zählen ihn zu den besten Wide Receivern Europas. Der 30-jährige US-Amerikaner ist seit sechs Jahren in Deutschland und spielte bereits für die Cologne Crocodiles und Berlin Thunder. Auch Head Coach Douglas Fryer, der früher selbst auf der Position des Wide Receivers spielte, schätzt seine Qualitäten „Ich freue mich sehr, ihn in unserer Offensive zu haben, er wird eine großartige Bereicherung für die Rebels auf und neben dem Spielfeld sein“, formuliert der 38-Jährige. Besonders froh ist man im Mommsenstadion, wo das Team auch weiterhin seine Heimspiele austragen wird, über die Rückkehr von Quarterback Connor Kaegi, der schon 2023 für die Rebellen spielte. „Er kann unserem Spiel eine höhere Qualität geben“, beschreibt Özdincer die Erwartungen an den 2,01 Meter großen US-Boy. „Er ist ein toller Typ, kann Trainer und Mitspieler motivieren und überträgt sein Know-how auf die ganze Mannschaft“. Zum ersten Mal zu erleben ist das an diesem Wochenende im Heimspiel gegen die Paderborn Dolphins.
Die Kehrseite des Erfolges
Auch der aktuelle Meister, die Potsdam Royals, mussten auf der wichtigen Position des Spielmachers einen Wechsel vornehmen, weil der bisherige Quarterback, der Kanadier Jaylon Henderson zu den Paris Musketeers in der EFL wechselte. Die Nachfolge tritt sein Landsmann Tyrrell Pigrome an, der zuletzt in der kanadischen Liga für die Ottawa Redblacks und Winnipeg Blue Bombers spielte. „Ich bin begeistert und dankbar für diese Chance. Ich kann es kaum erwarten“, erklärte der 27-Jährige auf der Webseite der Royals.
Es ist nicht die einzige Veränderung im Kader der Potsdamer. Rund ein Drittel des Teams ist neu dabei. „Wir hatten diesmal relativ viel Aderlass“, sagt Eberhard von Lobenstein, im Vorstand des Vereins für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Damit lernt der erst 2009 gegründete Club auf schmerzliche Art die Kehrseite seines Erfolges kennen. Dreimal in Serie standen die Potsdamer in den vergangenen Jahren im Finale. 2023 und 2024 gewannen sie den GFL Bowl. „Dadurch wurden natürlich andere Vereine, auch zahlungskräftigere aus dem Ausland, auf unsere Spieler aufmerksam“, erzählt Eberhard von Lobenstein. „Finanziell können wir da oft nicht mithalten“. Dennoch ist das Ziel für die Königlichen auch in dieser Saison die Titelverteidigung. Hinter der Entwicklung der Royals steckt viel Leidenschaft und Enthusiasmus. Am augenscheinlichsten wird das in der Person des Coaches deutlich. Michael Vogt übt diesen Job quasi „nebenbei“ aus. Der 49-Jährige ist im Hauptberuf Arbeitsvermittler. Nach dem Auftakt an diesem Wochenende gegen die Kiel Hurricans geht es eine Woche später gleich zum Regional-Derby zu den Berlin Rebels.
Vom NFL-Spiel der Indianapolis Colts (der Gegner steht noch nicht fest) erhoffen sich sowohl die Royals als auch die Rebels mehr Aufmerksamkeit für ihren Sport. „Das wird uns helfen, mit Leuten in Kontakt zu kommen, die vielleicht Interesse haben, uns als Sponsor zu unterstützen“, hofft Eberhard von Lobenstein. Auf Rückenwind hoffen auch die Berlin Thunder, die am 18. Mai ihr erstes Spiel in der European Football League austragen. Die semiprofessionelle Liga startet bereits in ihre fünfte Spielzeit.
Der Verein hat sich in vielerlei Hinsicht neu aufgestellt. Nach dem Rückzug von Sportdirektor Björn Werner wurde im Oktober Ulrich Kramer als neuer Generalmanager präsentiert. Als Headcoach kehrt der Kanadier Jag Bal zurück. Da die bisherige Spielstätte im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark neu gebaut wird, zieht Berlin Thunder ins Stadion des BFC Preussen in Berlin-Lankwitz.