Nach dem Abstieg formiert sich die Düsseldorfer EG neu. Die DEL trauert dem Club nach, die DEL2 freut sich auf eine große Attraktion. Doch wie lange bleibt sie dort?
Alle, denen das Schicksal der Düsseldorfer EG am Herzen liegt, hatten reichlich Zeit, sich auf das Horrorszenario vorzubereiten. Bereits Anfang März machte sich Abstiegsstimmung breit. Im engen Saisonfinale verlor die DEG das Fernduell mit den Augsburger Panthern aufgrund der schlechteren Tordifferenz und beendete die Hauptrunde als Tabellenletzter.
Straßenbahn-Derby in Liga zwei
Die letzte Hoffnung trug einen Namen: Ravensburg Towerstars. Der Zweitligist war der einzige der sechs Topclubs in der DEL2, der die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Aufstieg nicht erfüllte. Tatsächlich erreichten die Towerstars das Playoff-Finale und zwangen die favorisierten Dresdner Eislöwen in ein entscheidendes siebtes Spiel – doch die DEG hoffte vergeblich. Dresden siegte, stieg auf und besiegelte damit den Abstieg des rheinischen Traditionsclubs – ausgerechnet im 90. Jahr seines Bestehens. Die Deutsche Eishockey Liga verliert damit vorerst eines ihrer Aushängeschilder, während die DEL2 sich auf einen prominenten „Neuzugang“ freut. „Eishockey, verdammte Hölle“, schrieb die DEG auf ihren Social-Media-Kanälen, als der bittere Gang in die Zweitklassigkeit nach 53 Tagen des Hoffens Realität wurde. Der Club gratulierte den Eislöwen zum Aufstieg und sprach von einem „verdienten sportlichen Abstieg“. Gleichzeitig versuchte er, Aufbruchstimmung zu erzeugen: „Jetzt atmen wir kurz durch – und freuen uns dann auf die Saison! Denn eine neue Liga ist auch immer wie ein neues Leben.“
Zur Untermauerung dieser Haltung begrüßte die DEG auf humorvolle Weise alle neuen Ligakonkurrenten namentlich. Die Lausitzer Füchse wurden gefragt, ob sie „Kartoffelbrei wirklich ‚Mauke‘ nennen“ – und warum. Zum EC Bad Nauheim schrieb man: „Elvis lebt.“ Der „King of Rock’n’Roll“ hatte dort als US-Soldat von 1958 bis 1960 gelebt. Und dem Ex-Meister Krefeld Pinguine, der nach langer DEL-Zugehörigkeit bereits zuvor abgestiegen war, ließ man ausrichten: „Vielleicht fragen wir mal nach, wie das alles in der DEL2 so läuft. Ihr kennt euch ja schon aus und macht das gut.“ Die Antwort aus Krefeld: „Ruft einfach an. Und wenn niemand ans Telefon geht, setzt euch in die U76 und kommt vorbei!“ Das sogenannte Straßenbahn-Derby dürfte eines der Highlights der kommenden Saison werden. Die Teilnahme der DEG wertet die Liga deutlich auf. Die Vorfreude der anderen Clubs auf Duelle mit dem achtmaligen deutschen Meister und dessen großer Anhängerschaft ist entsprechend groß. „Mit dem Sonderzug nach Düsseldorf, wir freuen uns, liebe DEG“, posteten etwa die Starbulls Rosenheim.
Aus der DEL kamen wehmütige Abschiedsgrüße – so etwa von den Adler Mannheim: „Wir werden euch vermissen – euch und euer Altbierlied – und hoffen auf ein schnelles Wiedersehen. Für euren Kurztrip in die DEL2 wünschen wir alles Gute und viel Erfolg!“
Der Rücktritt von Wirtz ist eine Befreiung
Doch wird es wirklich nur ein Kurztrip? Der Abstieg bringt weitreichende sportliche und finanzielle Folgen mit sich. Auch für einen Club mit rund 9.000 Zuschauern im Schnitt kann das existenzbedrohend sein. Um im kommenden Jahr unabhängig von der sportlichen Qualifikation aufsteigen zu können, müssen zunächst 250.000 Euro bei der DEL hinterlegt, später 1,4 Millionen Euro gezahlt werden. Doch woher soll das Geld kommen? Harald Wirtz ist als geschäftsführender Gesellschafter zurückgetreten – von vielen im Verein als Befreiung empfunden. Im Sommer zuvor hatten er und andere Gesellschafter Haushaltslöcher aufgedeckt und Sportdirektor Niki Mondt durch einen rigiden Sparkurs massiv eingeschränkt. „Was soll man da machen? Als Manager kann man so nicht arbeiten“, kritisierte der norwegische Nationaltorwart Henrik Haukeland offen.
Für Mondt, gebürtiger Düsseldorfer, war der Abstieg besonders bitter. Er sprach von einer „Katastrophe“ und der „bittersten Stunde, die ich je im Eishockey erlebt habe“. Das will etwas heißen bei über 1.000 DEL-Spielen. Schon 1998 trug er das DEG-Trikot, als der Club aus finanziellen Gründen abstieg. Heute sei die Lage komplizierter. „Das wird extrem anspruchsvoll“, sagte Mondt – den Neustart muss jedoch ein anderer verantworten. Der Verein trennte sich vom Ex-Nationalspieler. Auch Cheftrainer Steven Reinprecht und dessen Assistent Saku Martikainen mussten gehen.
Den Neuanfang übernehmen nun die Ex-Profis Rick Amann und Andreas Niederberger, zunächst als Berater geholt, seit dem 1. Mai als Doppelspitze für Geschäftsführung und Sport zuständig. Ziel sei eine „gesicherte und solide Saison“, so Amann. Leistungsträger wie Haukeland, Brendan O‘Donnell oder Tyler Gaudet sind nicht zu halten, andere nur bei drastischem Gehaltsverzicht. „Wir haben bereits mit Spielern gesprochen, die bereit wären, unter anderen Bedingungen eine Mission in der 2. Liga mitzutragen“, sagte Niederberger, dessen Sohn Leon zuletzt in Krefeld ebenfalls in der DEL2 aktiv war.
Als Trainer kommt ein Routinier: Der Kanadier Rich Chernomaz übernimmt. Er führte 2002 die Kölner Haie und 2004 die Frankfurt Lions zur Meisterschaft und kennt auch die DEL2: Mit den Ravensburg Towerstars wurde er 2019 Zweitligameister. „Uns war wichtig, in dieser Umbruchphase einen erfahrenen Headcoach zu verpflichten“, sagte Niederberger. „Rich Chernomaz kennt das deutsche Eishockey, die DEL und die DEL2 sehr genau.“ Auch sein Netzwerk soll bei der Kaderplanung helfen.
Übergangssaison geplant
Spieler zeigen Interesse, wie Niederberger betonte: „Stadt, Halle, Fans und Umfeld sind attraktiv. Das kommt der DEG zugute.“ Ein offizielles Aufstiegsziel gibt es dennoch nicht. Vielmehr gehe es darum, „leidenschaftliches Eishockey zu zeigen, die Fans zurückzugewinnen und einen Play-off-Platz – also einen Rang unter den ersten Zehn – zu erreichen“.
Es soll eine Übergangssaison werden, in der der Verein im besten Fall wieder gesundet. „Wir sehen diese Phase auch als Chance, die DEG wieder auf ein stabiles Fundament zu stellen – sportlich, organisatorisch und finanziell“, so Niederberger. Die drohende Insolvenz und damit ein Neustart in der Oberliga konnte erst am 25. April abgewendet werden.
An diesem Tag verkündete die DEG eine Einigung mit Gesellschaftern und der Stadt Düsseldorf, die die Zukunft des Clubs im Profi-Eishockey vorerst sichert. Die Etat-Lücke von rund 1,5 Millionen Euro wurde geschlossen.
Laut „Rheinischer Post“ brachten vor allem die Gesellschafter Daniel Völkel und Jens Thiermann frisches Kapital ein. Auch die Stadt soll einen erheblichen Beitrag geleistet haben. Oberbürgermeister Stephan Keller sprach von „wochenlangen, teils herausfordernden Verhandlungen“.
Am Ende aber wurde man sich einig – und die DEG geht nicht unter. Schon in der Vergangenheit stand der Club mehrfach am Abgrund, meist wegen finanzieller Probleme. Der Zusammenhalt an der Brehmstraße sorgte stets für die Rettung – oft mit Unterstützung von Edelfans wie Campino und den Toten Hosen.
Ihr Lied „Alles noch mal von vorn“ in der DEG-Version läuft bis heute vor jedem Heimspiel. Es könnte das Motto dieser neuen Phase sein. „Die DEG wird sich verändern. Wir werden ein neues Team aufbauen, wir werden kämpfen – und wir werden in der nächsten Saison Eishockey spielen. Mit allem, was dazugehört“, schrieb der Club an seine treuen Fans – verbunden mit einem demütigen Appell: „Die DEG hat in ihrer Geschichte viele schwierige Zeiten überstanden. Gemeinsam sind wir stärker als jede Krise.“
Beim letzten Hauptrundenspiel – einem 3:0 gegen die Grizzlys Wolfsburg – war der Abstieg bereits besiegelt. Die Wut der Fans war spürbar: Pfiffe, Buhrufe, Gesten. Nur Torhüter Haukeland wagte sich in ihre Nähe. Doch da die neue Mannschaft ein völlig anderes Gesicht haben wird, dürfte die Leidenschaft der Anhänger schnell zurückkehren. Der Club ist überzeugt: „Egal, was kommt: Die DEG wird weiterleben.“
Auch die DEL wird ohne die DEG bestehen – wenn auch mit einem Anziehungspunkt weniger. „Düsseldorf ist ein sehr großer Markt, auch die TV-Zahlen sind überdurchschnittlich“, sagte Liga-Geschäftsführer Gernot Tripcke. „Aber wir können es uns nicht aussuchen. Auch die Fußball-Bundesliga muss damit leben, dass aktuell fünf bis sieben ihrer größten Marken in der 2. Liga spielen.“ Aber allzu lange mag man auf die DEG nicht verzichten.