Neville Tranter und Nikolaus Habjan bringen das bereits im Wiener Theater an der Josefstadt erfolgreich gespielte Puppentheaterstück „Schicklgruber“ ans Deutsche Theater Berlin. Es geht um Hitlers letzte Tage im Führerbunker.
Komisch, tödlich, grotesk.“ Mit diesen drei Worten fasst das Deutsche Theater das Stück zusammen, für das Neville Tranter und Nikolaus Habjan nun bald die große Bühne zum Führerbunker machen und dort die Nazi-Puppen tanzen lassen: „Schicklgruber“. Ein Stück, von dem der Puppenspieler, Regisseur und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan bei der Spielzeit-Vorstellung im Sommer vergangenen Jahres gesagt hat, dass es „nach Berlin gehört“ in dieser „Zeit, in der Dinge normal sind, die vor fünf Jahren noch nicht normal waren“.
Als aus Schicklgruber Hitler wurde
Schicklgruber – „mit diesem vage österreichisch klingenden Namen weiß auf Anhieb kaum jemand etwas anzufangen“, sagt die Dramaturgie des Deutschen Theaters und erklärt es so: Im Geburtsbuch des niederösterreichischen Dorfes Döllersheim ist 1837 die Geburt eines Aloys Schicklgruber vermerkt, der 1876 seinen Namen in Alois Hitler änderte. Der Sohn von Aloys Schicklgruber/Alois Hitler kam 1889 in Oberösterreich in Braunau am Inn zur Welt und erlangte als Adolf Hitler traurige Berühmtheit.
Das Stück von Jan Veldman und Neville Tranter schildert Hitlers letzte Tage rund um seinen 56. Geburtstag und kurz vor seinem Selbstmord im Führerbunker in Berlin. Das Stück ist im Wiener Theater an der Josefstadt mit großem Erfolg gelaufen. Für ihn sei es „ein Erweckungserlebnis“ gewesen, sagte Nikolaus Habjan im Sommer in Berlin. Auch deshalb sei klar gewesen: „Schicklgruber muss weiterlaufen.“
„Trotz der düsteren Thematik ist dieses Puppenstück aber natürlich ganz im Tranter-Stil ein grotesk-skurriler Abend, der zwar ins Herz der Finsternis führt, aber auch die beruhigende Tatsache zeigt, dass der Tod vor nichts und niemandem Halt macht – selbst vor dem Bösen nicht“, erklärt das Deutsche Theater zum Stück, das am 28. Mai Berlin-Premiere hat.
Die beiden Puppenspieler Neville Tranter und Nikolaus Habjan verbindet über die Generationen hinweg seit vielen Jahren eine Freundschaft. Mit „The Hills are Alive“, das in der vergangenen Spielzeit im Deutschen Theater zu sehen war, erfüllten beide sich einen langgehegten Traum und standen das erste Mal gemeinsam auf der Bühne. „Im April 2024 erlebten wir einen bewegenden Moment, als Neville Tranter nach einer letzten Hills-Vorstellung seinen Abschied von der Bühne nahm. Der Altmeister des Klappmaul-Puppenspiels war in den 70er-Jahren maßgeblich daran beteiligt, die Kunstform Puppenspiel für ein erwachsenes Publikum zu erschließen. Nach seiner aktiven Zeit als Puppenspieler übergibt er nun sein vielleicht bekanntestes Stück und die darin mitspielenden Puppen als Regisseur in die Hände von Nikolaus Habjan, der damit das Werk seines Mentors weiterführt“, blickt die Theater-Leitung zurück.
Kunstpfeifer Nikolaus Habjan ist in Berlin längst kein Unbekannter mehr: Seine beiden Inszenierungen „F. Zawrel“ und „Böhm“ stehen weiterhin auf dem Spielplan des Deutschen Theaters. „Böhm“ ist demnächst auch beim Hamburger Theaterfestival zu sehen. Auch in diesem Stück beschäftigt sich Habjan mit dem finstersten Kapitel europäischer Geschichte.
Und zwar mit dieser: Karl Böhm ist einer der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Zwischen Geburt und Begräbnis liegen fast 87 Lebensjahre, die von einem tiefen Zwiespalt geprägt sind: Einerseits war Böhm ein großer Künstler, andererseits war er ein Mensch, der sich mit dem Nationalsozialismus gemein machte, um seine Karriere voranzutreiben. Auf Fürsprache Hitlers wurde Böhm 1934 an die Semperoper in Dresden berufen, um Nachfolger des Dirigenten Fritz Busch zu werden, den das NS-Regime zum Rücktritt und zur Emigration genötigt hatte.
1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde Böhm Direktor der Wiener Staatsoper. 1945 entfernten ihn die alliierten Besatzungsbehörden wegen zu großer Nähe zum Nazi-Regime aus dem Amt des Direktors und belegten ihn mit einem Auftrittsverbot. Nach Ende der Besatzungszeit bis 1956 wurde er dann ein zweites Mal mit diesem Amt betraut.
„Puppentheater soll keine Nische sein“
Wien und die NS-Zeit sind auch der Rahmen für „F. Zawrel“: Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter nicht fähig, die Familie zu ernähren. Als Kind landet Friedrich Zawrel erst im Heim, schließlich im Spiegelgrund, der berüchtigten „Kinderfachabteilung“ des Deutschen Reiches in Wien, in der Euthanasiemorde an kranken und behinderten Kindern begangen wurden. Vom Anstaltsarzt Dr. Gross wird Zawrel als „erbbiologisch und sozial minderwertig“ eingestuft und mit medizinischen Experimenten gequält, doch kann er eines Tages mit der Hilfe einer Krankenschwester aus der Anstalt entkommen.
Als Halbwüchsiger lebt er auf der Straße, im Nachkriegs-Wien macht er eine „Karriere“ als Kleinkrimineller. Diese bringt ihn wiederholt ins Gefängnis und immer wieder vor psychiatrische Gutachter, bis er eines Tages seinem ehemaligen Peiniger gegenübersitzt, der ihm einen Deal anbieten will. Doch Zawrel lässt sich nicht bestechen. Allerdings kommt es erst im Jahr 2000 zu einem Gerichtsverfahren, das wegen einer angeblichen Demenz von Gross eingestellt wird. Der ehemalige Anstaltsarzt kann sich an nichts mehr erinnern.
Nun also „Schicklgruber“ auf der großen Bühne. Da gehört das Stück auch hin, findet Intendantin Iris Laufenberg. „Puppentheater soll keine Nische sein“, sagt sie. Und mit Nikolaus Habjan hat das Deutsche Theater einen der ganz großen Puppenspieler dieser Welt.