Berlin will Olympia – aber kann Berlin auch Olympia? Die sportinfrastrukturellen Probleme lassen Zweifel aufkommen. Oder sind sie genau der Grund, warum eine Bewerbung mit aller Macht angestrebt werden sollte?
Berlin und Großprojekte – das ist spätestens seit den peinlichen Begleitumständen rund um den Bau und die Inbetriebnahme des Berliner Großflughafens BER ein vielbelächeltes Thema. Und die Spötter bekamen zuletzt wieder neue Nahrung, als folgende Nachricht veröffentlicht wurde: Der bereits begonnene Abriss des Stadions im Jahn-Sportpark muss nach der Klage eines Naturschutzvereins zumindest teilweise gestoppt werden, weil sich an bestimmten Stellen Brutstätten des Haussperlings befinden und der Verlust durch die vorgesehenen Sperlingshäuser nicht ausreichend kompensiert werden kann. Danach forderte eine Bürgerinitiative einen Baustopp, weil ein Schuttberg Asbest enthielt, der beim Bau des Stadions zu DDR-Zeiten offensichtlich verwendet worden war.
Nach erheblichen Verzögerungen bei dem rund 260 Millionen Euro teuren Projekt gab es Mitte Mai aber auch eine positive Nachricht: Der Berliner Senat beschloss zumindest mal den Entwurf für einen Bebauungsplan. Demnach soll im kommenden Jahr mit dem Bau des neuen Stadions mit Platz für 20.000 Zuschauer begonnen werden, 2028 soll es fertig sein. Zwei Jahre später dann auch alle anderen Bauvorhaben auf dem Areal im Stadtteil Prenzlauer Berg. Geplant sind unter anderem zusätzliche Fußball-, Beachvolleyball- und Tennisplätze sowie eine Multisporthalle und ein Begegnungszentrum. Läuft alles nach Plan, könnte das Gelände ein zentraler Punkt bei Olympischen Spielen sein, für die sich die Hauptstadt bekanntlich bewerben will. Doch die Schwierigkeiten und Verzögerungen rund um den Umbau des Jahn-Sportparks lassen einmal mehr Zweifel aufkommen, ob Berlin so eine Mammut-Aufgabe wirklich stemmen kann.
Wissenschaft, Kultur und Sport?
Auf der offiziellen Internetseite der Stadt wird Berlin zwar als „Sportmetropole“ bezeichnet, in der der Sport „neben Wissenschaft und Kultur zu den herausragenden Stärken“ zählt. Doch die Realität scheint davon abzuweichen. Die Sportinfrastruktur ist veraltet, teils gar marode. Es bedarf großer finanzieller Anstrengungen, um die Missstände zu beheben. Da der Senat in diesem Jahr drei Milliarden Euro einsparen will und muss, werden die Maßnahmen auch den Sport treffen. Die Vereine und Verbände sind zwar nicht unmittelbar betroffen – auch, weil die Mitgliederzahlen steigen und das Sportinteresse der Menschen hier enorm groß ist. Doch um diesem gerecht zu werden, bedarf es intakter Schwimmbäder, Sportplätze, Hallen. Es muss an vielen Stellen repariert, renoviert und neu gebaut werden – und hier hapert es gewaltig. Für die Sanierung genehmigt wurden in diesem Jahr vom Land Berlin nur 24 Millionen Euro. Diese Summe bedeute lediglich „einen Tropfen auf den heißen Stein, wenn wir uns den Zustand der Berliner Sportinfrastruktur anschauen“, sagte Friedhard Teuffel, Direktor des Landesportbundes Berlin, dem RBB. Die Bezirke haben ermittelt, dass der Sanierungsbedarf in den kommenden vier Jahren bei mehr als 400 Millionen liegt.
Viele Sportstätten weisen erhebliche Schäden auf, manche sind deswegen gar nicht mehr nutzbar. Klara Schedlich, sportpolitische Sprecherin der Grünen, spricht von 55 komplett geschlossenen Hallen aufgrund baulicher Mängel. „Das bedeutet, manche Schulen können in der eigenen Turnhalle keinen Sportunterricht anbieten“, sagt Schedlich. Auch die Vereine würden darunter leiden – und darunter dann die Sportler und Sportlerinnen. „Schon jetzt müssen zahlreiche Vereine ihre Angebote einschränken, weil die Infrastruktur so schlecht ist“, sagte die Grünen-Politikerin: „Und das ist für eine Stadt, die sich Sportmetropole nennt, natürlich ziemlich peinlich.“ Auch für Thomas Loest, den Ehrenpräsidenten von Fußball-Oberligist Eintracht Mahlsdorf, ist die Hauptstadt weit entfernt von dem Sport-Image, das sie sich selbst gern anheftet. „Berlin ist eine Sportverhinderungsstadt“, sagte Loest: „Eine Unterstützung der Vereine aus den Sportämtern gibt es nicht.“
Das Risiko einer weiteren Schlappe
Hoffnung gab es durch den kürzlich erfolgten Regierungswechsel. Im Koalitionsvertrag wurde von der neuen Bundesregierung eine Milliarde Euro für den Sport zugesagt, Berlin soll davon fünf Prozent erhalten. Auch soll es Geld für eine mögliche Olympiabewerbung geben. Bis zum 31. Mai muss Berlin beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sein Grundkonzept für die umstrittene Bewerbung einreichen. Berlin will die Spiele 2036 oder 2040 als Hauptort gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ausrichten. Der DOSB präferiert eindeutig das Jahr 2040, weil Olympische Spiele 2036 – genau 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von Berlin 1936 – in mancher Hinsicht problematisch sein könnten. Wer aus Deutschland den Zuschlag für die offizielle Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bekommt, entscheidet der DOSB bei der Mitgliederversammlung im Dezember 2026. Als Konkurrenten gelten Hamburg, München und das Rhein-Ruhr-Projekt.
Berlin hat den Vorteil, hierzulande die einzige wirkliche Metropole mit Strahlkraft zu sein, die ähnlich spektakuläre Bilder liefern könnte wie die Sommerspiele im vergangenen Sommer in Paris. Ein Nachteil ist aber, dass sich Berlin nicht noch einmal auf eine Befragung der Bevölkerung einlassen will. Das Risiko, damit eine erneute peinliche Schlappe zu kassieren, ist zu groß. Die Verantwortlichen setzen auf Dialogforen statt auf eine Volksabstimmung oder ein Referendum. Die damals ausgeprägte „NOlympia“-Stimmung in der Hauptstadt ist nicht verschwunden, was vor allem an den laut Finanzverwaltung zu erwartenden Kosten für Olympia liegt: satte 16 Milliarden Euro. Welche Last davon Berlin tragen müsste, und ob die Kosten jemals refinanziert werden könnten – völlig offen. „Nehmen Sie Abstand von dem Wagnis Olympia. Kümmern Sie sich um die wirklichen Baustellen dieser Stadt“, sagte daher Werner Graf, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus. Auch der Linke-Abgeordnete Kristian Ronneburg hält eine Bewerbung angesichts der infrastrukturellen Probleme der Stadt für falsch: „Fast in allen Bezirken sind Turnhallen gesperrt, da wirkt es wie Hohn, wenn es heißt, dass Berlin durch Olympia wieder fit werden wolle.“
Doch genau so würde es gehen – meint Kaweh Niroomand. Der Geschäftsführer des deutschen Volleyball-Meister BR Volleys ist als Funktionär sehr gut vernetzt, er kämpft seit Jahren unter anderem mit seiner „Initiative Sportmetropole“ für mehr Investitionen in den Sport der Hauptstadt. Für ihn hätten Olympische Spiele eine „Sogwirkung“ auf viele Bereiche des Lebens, „in Sachen Integration, in Sachen Miteinander, in Sachen Werte schaffen. Und am Ende auch in Sachen Medaillen und Erfolge, die man mit der Hand festhalten kann“, sagte Niroomand. Der Top-Sportfunktionär gab aber auch zu bedenken: „So eine Sogwirkung auf die Stadt, auf die Bevölkerung, die erfordert einen Ausbau der bestehenden Struktur, damit wir genug Hallen haben.“
„Eine tolle Werbung für Paris“
Laut der Rechnung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner stünden 70 Prozent der Spielstätten bereits, auch wenn der CDU-Politiker zugeben muss: „Natürlich müssten wir die Stadien und Hallen modernisieren und sanieren.“ Zu nennen wären hier unter anderem das für Radsport vorgesehene Velodrom, die Schwimm- und Sprunghalle direkt nebenan, das Steffi-Graf-Stadion in Grunewald, das Sportforum Hohenschönhausen und die Ruderstrecke Grünau. Das kostet Geld, bringt aber auch Verbesserungen mit sich. Die Modernisierung der Sportstätten, das Olympische Dorf als späterer Wohnraum für die Bevölkerung, die Stärkung des Leistungs- und auch des Breitensports – „all das sind Chancen für Berlin, die ohne die Olympischen Spiele so nicht zu realisieren wären“, meinte Wegner. Hinzu kommt die fast unmessbare Werbung, die Berlin in den zwei Wochen weltweit für sich machen dürfte. Die Bilder von Paris zum Beispiel, „die um die Welt gingen, waren eine tolle Werbung für Paris“, sagte der Regierende Bürgermeister: „Und das erhoffe ich mir auch von Olympischen Spielen in Berlin.“ Trotz aller Zweifler und Bedenkenträger ist er sich sicher: „Berlin kann sportliche Großveranstaltungen. Die Berlinerinnen und Berliner sind begeisterungsfähig dafür.“
Genau diese Einstellung braucht es, findet Bob Hanning. Der Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin ist ein Freund von lösungsorientiertem Handeln. „Wir verstecken uns immer hinter solchen Sachen. Alles wird zerredet. Wir limitieren uns damit selbst. Ich höre immer nur: Wir haben kein Geld und solange das nicht kommt, können wir auch nichts machen“, sagte Hanning im „t-online“-Interview: „Wir sehen immer nur Probleme, und keiner bietet Lösungen oder sieht die Chancen.“ Es brauche wieder „mehr Kreativität und Mut“. Er könne zwar die Bedenken gegenüber einer Olympia-Bewerbung verstehen, aber für ihn kommt der gesamtgesellschaftliche Nutzen einer solchen Veranstaltung in der öffentlichen Debatte viel zu kurz. „Wir sollten eine Olympia-Bewerbung auch gesellschaftlich unterstützen, denn sie bietet viele Chancen: für die Infrastruktur, für das Image der Stadt und auch für die Einnahmen. Sport ist ein echter Wirtschaftsfaktor“, sagte Hanning: „Es ist einfach an der Zeit, auch mal groß zu denken und aus dieser Lethargie herauszukommen, die wir alle haben.“ Auch der Sport benötige einen „neuen Schwung“, denn: „Aktuell geben wir uns ja mit einer lächerlichen Anzahl an Medaillen zufrieden.“