Die Füchse Berlin stehen vor ihrer Meisterprüfung. Im Topspiel gegen die MT Melsungen könnte eine Vorentscheidung im Titelkampf fallen. Auf einen Superstar kommt es besonders an.
Der Frühbucher-Rabatt war offenbar auch für Mathias Gidsel zu verlockend. Schon sehr früh im Jahr schloss der dänische Handballstar mit seiner Familie die Planungen für den Sommerurlaub ab – zu früh, wie sich nun herausstellte. Denn eine Sache hatte der Rückraumspieler der Füchse Berlin nicht einkalkuliert: Dass er und seine Teamkollegen in der Champions League das Final Four in Köln (14. und 15. Juni) erreichen und dort tatsächlich um die europäische Club-Krone im Handball kämpfen. „Das kostet eine Woche Urlaub, aber das nehmen wir gerne in Kauf“, sagte Gidsel: „Ich muss nur ein paar Flüge umbuchen.“ Jetzt geht der Flieger direkt aus Köln nach Spanien, wo es nun allerdings etwas weniger Erholungszeit für den Welthandballer gibt. Eine Pause gönnte ihm deswegen Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen bei den jüngsten Länderspielen Dänemarks, auch Gidsels Vereinskollege Lasse Andersson wurde aus Belastungsgründen nicht nominiert. Dass vor allem Gidsel zu so etwas fast gezwungen werden muss, ist ein offenes Geheimnis in der Szene. Auswechslungen oder gar Nicht-Nominierungen empfindet der 26-Jährige fast als Beleidigung – und sei die Absicht dahinter auch noch so gut: „Ich will jede Minute spielen!“
Doch die Verantwortlichen müssen gerade in der aktuellen Phase penibel genau auf die Belastung ihres Schlüsselspielers achten. Denn die Füchse haben nicht nur die unverhoffte Chance auf den Königsklassen-Triumph, sondern können auch die schon länger geplante Titel-Premiere in der Bundesliga feiern. Mit einem bis zur Länderspielpause „überragenden Handball“, wie Trainer Jaron Siewert stolz bemerkte, war der Hauptstadtclub bis an die Spitze der Tabelle gestürmt und hatte einige Titelrivalen abgeschüttelt. Einzig die MT Melsungen und mit Abstrichen der SC Magdeburg konnten da ernsthaft noch mithalten. Am 29. Mai (20 Uhr) kommt es nun in der Max-Schmeling-Halle zur großen Meisterprüfung: Gewinnen die Füchse das Spitzenspiel gegen Melsungen, ist ihnen der erste Meistertitel der Vereinsgeschichte wohl nicht mehr zu nehmen. „Ich bin positiv angespannt. Es ist für uns eine große Chance, so wie wir momentan dastehen“, sagte Nationalspieler Nils Lichtlein: „Ich hoffe, dass wir die letzten Spiele erfolgreich gestalten können.“
Bundestrainer Alfred Gislason meint schon zu wissen, wie das Titelrennen wohl ausgehen wird. „Es sieht sehr gut aus für Berlin“, sagte der Isländer: „Ich denke nicht, dass sie nachlassen und noch ein Spiel verlieren.“ Ein nicht unerheblicher Vorteil für die Füchse: Während ihr Final Four in der Champions League erst nach dem Ende der Bundesligasaison stattfindet, kämpft Melsungen in der European League schon an diesem Wochenende um die internationale Trophäe. Das Finalturnier in der Hamburger Barclays-Arena vier Tage vor dem Titel-Duell mit Berlin dürfte den Nordhessen viele Körner kosten.
Magdeburg in Lauerstellung
Die Füchse müssen nach dem Gipfeltreffen noch in Stuttgart, gegen Gummersbach und bei den Rhein-Neckar Löwen antreten. Vor allem der letzte Gegner könnte sich noch als großer Stolperstein entpuppen, auch wenn es für die ambitionierten Gastgeber nach einer enttäuschenden Saison sportlich um nichts mehr geht. Doch nur als Meister-Gratulant werden die Löwen sicher nicht auflaufen, zumal sich Spielmacher Juri Knorr unbedingt mit einem Sieg im letzten Spiel für die Mannheimer Richtung Dänemark verabschieden will. Und auch die Titel-Party der Füchse crashen? „Wir haben schon ein bisschen darüber geflachst“, verriet Knorr am Rande des Länderspiel-Lehrgangs im Mai. Melsungen hat das auf dem Papier leichtere Restprogramm. Die MT empfängt danach zu Hause noch Eisenach und Lemgo-Lippe, zum Saisonabschluss steht das Auswärtsspiel beim abgeschlagenen Schlusslicht VfL Potsdam an. Allerdings zeigte der unerwartete Punktverlust der Berliner in Erlangen (31:31) Anfang April, dass in der Bundesliga kein Sieg selbstverständlich ist. Auch der SC Magdeburg konnte sich zumindest bis zur vergangenen Woche noch Hoffnungen auf die Titelverteidigung machen. Der Meister lag bis zu diesem Zeitpunkt mit nur einem Verlustpunkt mehr hinter dem Führungsduo zurück. Sollten die Berliner doch noch schwächeln, „wird Magdeburg da sein“, sagte Bundestrainer Gislason Mitte Mai.
Doch dass es dazu kommt, glaubte er nicht. Zu dominant trat der Hauptstadt-Club in den vergangenen Wochen auf. „Die sind sehr stabil. Die jüngeren Spieler sind besser geworden“, sagte Gislason: „Und was Mathias Gidsel in dieser Saison spielt, ist unglaublich.“ In der Tat ist der Däne in dieser Spielzeit ein noch größerer Unterschiedsspieler als in den Jahren zuvor, in denen er auch schon zur Hochform aufgelaufen war. 216 Tore nach 27 Spielen sind herausragend, genau wie die Wurfquote von 77,14 Prozent. Noch beeindruckender aber ist, dass Gidsel vor allem in den entscheidenden Momenten den Ball haben und Verantwortung übernehmen will. Die Crunchtime lähmt seine Beine nicht und bringt ihn auch nicht ins Grübeln – sie lässt seine Stärken weiter wachsen.
Tordifferenz könnte eine Rolle spielen
Im Fernduell der beiden Meisterschaftsfavoriten hat es zuletzt ein regelrechtes Wettschießen gegeben, da am Ende vielleicht sogar die Tordifferenz den Ausschlag geben könnte. In dieser Hinsicht sind die Berliner aktuell klar im Vorteil. „Für uns geht es deshalb um jedes Tor. Am Ende können zwei, drei Tore entscheiden“, sagte Trainer Jaron Siewert. Sein Topstar Gidsel wirkte zuletzt noch abschlussfreudiger als ohnehin: „Es ging darum, mit so viel Toren wie möglich zu gewinnen.“ Das hat herausragend geklappt, so wie beim 42:30 gegen Bietigheim oder 37:33 gegen die TSV Hannover-Burgdorf, die sich auch lange Titelhoffnungen gemacht hat. Sportvorstand Stefan Kretzschmar ist begeistert: „Wir können uns auf unsere Offensive verlassen und können froh darüber sein.“ Auch Coach Siewert hat an den Leistungen im vorderen Bereich des Spiels kaum etwas zu meckern: „Im Angriff haben wir immer gute Aktionen und lassen den Ball gut laufen.“
Entsprechend kommt es bei Melsungen vor allem auf die Torhüter-Leistung an – und hier wird es knifflig. Für Top-Torwart Nebojsa Simic ist die Saison nach einem Kreuzband- und Meniskusriss vorzeitig beendet. Sein Ersatzmann Adam Morawski zeigte zwar zunächst ansprechende Leistungen, und Torwart-Trainer und Ex-Nationalspieler Carsten Lichtlein gab sein Kader-Comeback – aber reicht das gegen Gidsel, Andersson und Co.? Dem Vernehmen nach soll das Verletzungspech die Hessen um Nationalspieler Timo Kastening noch enger zusammengeschweißt haben. „Wir sind da oben und wollen da oben bleiben. Mal schauen, wie lange wir noch da oben stehen“, sagte Kastening: „Wir haben einen Flow aufgebaut, den wir Woche für Woche fortsetzen wollen. Aber Favorit sind wir definitiv nicht.“ Einen besonderen Druck spürt er deshalb vor den letzten Saisonspielen nicht: „Das Restprogramm ist dabei völlig egal. Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen.“
Diese Mentalität war in Melsungen nicht immer so ausgeprägt gewesen. Finanziell ist der Club dank der Millionen des Melsunger Pharmaunternehmens B. Braun schon lange herausragend gut aufgestellt. Doch das viele Geld wurde nicht immer zielgerichtet eingesetzt. Doch das hat sich geändert. „Was Melsungen aber geschafft hat: Sie haben sich eine neue Identität zugelegt. Immer noch singen Beobachter das Lied von den gepäppelten Melsungern, die es am Ende nicht schaffen. Doch ein Verein kann sich ändern, eine DNA kann sich ändern“, sagte Füchse-Sportvorstand Kretzschmar. Das liegt vor allem an Roberto García Parrondo, der Trainer brachte bei seinem Amtsantritt 2021 einen Mentalitätswechsel mit sich: „Ich habe damals gesagt: Wir müssen aufhören, dumme Dinge zu tun.“ Der Spanier formte ein Team nach seinen Vorstellungen, in der kommenden Saison kommen der deutsche Nationalmannschafts-Kapitän Johannes Golla und der spanische Top-Kreisläufer Rubén Marchán dazu.
In dieser Spielzeit hatte kaum jemand damit gerechnet, dass Melsungen so spät in der Saison noch um den Titel mitspielt. Bei den Füchsen ist das etwas völlig anderes, sie standen schon in den Vorjahren kurz vor der Krönung. Doch immer wieder gab es unerklärliche Einbrüche, die den großen Coup verhinderten. Diese blieben in dieser Saison aus. „Es ist viel passiert, seit ich hier bin. Wir sind jede Saison besser geworden und als Verein und Gruppe gewachsen“, sagte Rückraumstar Andersson dem „Tagesspiegel“: „Wir gehören mittlerweile kontinuierlich zu den Spitzenmannschaften der Liga, spielen jedes Jahr mit um die Meisterschaft.“
Innerhalb der Gruppe hat jeder verinnerlicht, dass der Gegner schon einen sehr guten Tag erwischen muss, um die Füchse zu schlagen. Dieses Selbstvertrauen strahlen die Spieler auch auf dem Parkett aus, selbst bei Rückschlägen glauben sie immer an ihre Chance. „So wie wir aktuell spielen, sind wir auf internationalem Topniveau“, meinte Andersson. Dass diese Entwicklung stetig gewachsen ist, macht sie nur stabiler. „Wir haben Spieler, die seit sieben, acht Jahren dabei sind. Ich bin in meiner fünften Saison, Mathias Gidsel in seiner dritten, auch der Trainer ist seit 2020 derselbe“, zählte Andersson auf: „Dadurch sind wir als Gruppe gut zusammengewachsen.“ Jeder kenne seine Rolle, und jeder fülle diese mit einer großen inneren Überzeugung aus.
Mathias Gidsel sowieso. Der Führungsspieler geht immer voran – und muss zu seinem eigenen Schutz manchmal ausgebremst werden. Ob die Spielpause während der Länderspiele für ihn eine Qual war? „Ich hoffe, dass sich Mathias nicht langweilt“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning dazu und scherzte: „Zur Not geh’ ich mit ihm in die Spielbank.“