Nach einmal Finale und viermal Halbfinale stünde Alexander Zverev jetzt der Titel des Sandplatzkönigs von Paris zu. Aus München bringt er Sieg und Lederhose mit. Doch die Konkurrenz schläft nicht.
High Noon. Es ist 12 Uhr mittags in München am Aumeister, nahe des Englischen Gartens. Sascha Zverev ist früher als sein Bruder Mischa angereist, um nach seiner Auftaktpleite in Monte Carlo auf Sand zu trainieren. Wo früher der BMW hinter dem Court stand, ist gerade ein Bagger am Werk. So wie Zverev auf dem Platz vor ihm, arbeitet er seine Baustellen ab. Bei Zverev sind es die Aufschläge, die in den Matches mit ihrem Tempo und ihrer Härte auch seine größte Waffe sind. Asse schlagen, um Sandplatz-Champion zu werden. Ein guter Plan, vor allem, wenn es um Grand Slams mit drei Gewinnsätzen geht. Zu viel Tempo tut aber auch nicht gut. Auf Sand sei sein neuer Schläger zu schnell, sagt der aktuell zweitbeste Tennisspieler der Welt. Deshalb ist Zverev für die Sandplatz-Saison zu seinem alten Modell zurückgekehrt. Auch der Ellenbogen spielt wieder mit. Seine Siege in München brachten dem Hamburger schon 2017 und 2018 Glück. Vielleicht auch der von 2025? Die Vorzeichen für Paris sind gut.
In München fand der beste deutsche Spieler seit Boris Becker jüngst aus seinem wochenlangen Kräfte- und Motivationstief wieder heraus. Schon vor seinem ersten Match resümierte der nun dreimalige München-Sieger: „Es gab schon diese Phasen. Ich war oft in Situationen, wo ich das Match hätte gewinnen können. Ich habe das Australian-Open-Finale gespielt vor drei Monaten, das werde ich nicht verlernt haben. Ich bin immer noch zuversichtlich, dass ich gutes Tennis spielen und gewinnen kann.“
„Tennis ist nicht alles im Leben“
Zverev ist nicht mehr verbissen auf Sieg orientiert. „Tennis ist nicht alles im Leben“, sagt er kurz vor seinem 28. Geburtstag. Sein Rezept: „Ich muss ein, zwei Matches gewinnen, die eng sind. Ich habe immer noch Vertrauen in mich selbst, dass ich bis Paris anfangen werde, gutes Tennis zu spielen.“ Fünf Drei-Satz-Niederlagen hatte Zverev zuvor nach seinem Halbfinale im ersten Grand Slam des Jahres auf der Negativ-Seite verbucht.
Doch das Selbstvertrauen kehrt auf der Anlage des Tennisclubs Iphitos schon in der zweiten Runde der zum 500er-Turnier aufgestiegenen BMW Open zum Weltranglisten-Zweiten zurück. Zusammen mit der Freude auf ein alkoholfreies Weißbier zur Belohnung. Zufriedenheit, dass er Widerstand geleistet hatte, strahlt Zverev aus, nach seinem Achtelfinale gegen Daniel Altmeier und dessen besonderes „Talent“: „Er bekommt es hin, dass Spieler anfangen, schlechter zu spielen. Daher hat er es schon oft geschafft, gegen sehr gute Spieler zu gewinnen“, resümiert der Hamburger über Altmeier.
Über sich selbst, sagt der Mann, dem zum letzten Tennis-Glück nur und immer noch ein erster Grand-Slam-Titel fehlt: „Die letzten Wochen habe ich schrecklich aufgeschlagen.“ Am Aufschlag müsse er immer hart arbeiten. „Das ist kein natürlicher Schlag für mich“, verrät Sascha. „Ich muss viel Zeit damit auf dem Trainingsplatz verbringen.“ Was erst jetzt wieder richtig möglich sei. „Ich hatte Anfang des Jahres Probleme mit dem Ellenbogen und konnte ihn nicht mehr so trainieren“, sagt Zverev im Presseraum.
Sinner-Pause kaum genutzt
Seinen Wende-Plan setzt der Spross einer Tennisfamilie beim MTTC Iphitos in München konsequent um: Besonders im Viertelfinale gegen den Niederländer Tallon Griekspoor wird es eng und fordernd für den Hamburger, der seine Energie immer höher fährt. Obwohl er zwischendurch strauchelt, stürzt, sich dreht. Der trotzdem die anfänglichen Vorhandfehler aus seinem Geist und seinem Spiel streicht. Nach seinem 6:7, 7:6, 6:4 in mehr als drei Stunden steht Alexander Zverev erstmals seit den Australian Open im Halbfinale eines Tour-Turniers. Noch dazu eines 500er-Turniers, zu dem München sich, inklusive höheren Preisgeld und größeren Center-Courts, 2025 hochgeschwungen hat. Letzterer ist temporär, bis der neue Dach-Bau umgesetzt ist. Der Tennisclub am Aumeister empfängt nun auf einer Range mit Rio de Janeiro, Washington, Dubai oder Tokio. Wenn auch mit teils etwas arg engen Sitzreihen im Provisorium. Und Zverev ist zurück auf der Erfolgsspur. Nach einem Match, wie er es in den vergangenen Monaten oft gespielt, aber „meist verloren“ hatte. Wie ihm sofort klar war. „Ich war nicht happy, wie ich gespielt habe“. Als es im zweiten Satz eng wurde, hätten die Zuschauer gute Stimmung gemacht. „Und dann hat es geklappt.“ Das heißt: Knoten geplatzt. Ab da kann es nach vorne gehen.
Im Finale gegen den gut gelaunten US-Amerikaner Ben Shelton spielt Zverev fast perfektes Tennis. Und verlässt am Ende mit Lederhose im Gepäck und einem vollelektrischen Gewinnerauto das neue, große Stadion. Dominic Thiem, der kürzlich seine Karriere beendete, fährt den Wagen für seinen Tennis-Freund vor. Mit dem E-Auto, das bis zur nächsten Ladestation 700 Kilometer durchbrausen kann, dürfte der Sieger der BMW Open 2025 genügend Speed für den lang ersehnten Grand-Slam-Titel im mentalen Tank haben.
Ein Titel-Angriff mit System. Wie der in München. Schon neun Tage zuvor trainierte Zverev auf dem ehemaligen Center-Court neben der neuen, provisorischen Groß-Arena in München. Stunde um Stunde, in der fröhlichen Frühlingssonne, fast allein mit seinem Team. Und einem Bagger. So schaffte Zverev es wenigstens zu einem Titel, bevor die Nummer eins, Jannik Sinner, in den Tenniszirkus zurückkehrte.
Fast wirkte es wie Solidarität, dass Carlos Alcaraz und Alexander Zverev die Zwangspause von Jannik Sinner kaum nutzten, um den Südtiroler als Spitzenreiter im Tennis zu entthronen. Dem fehlt jetzt Matchpraxis. Ein Vorteil für Zverevs zehnten Anlauf in Paris: Kommt jetzt das Happy End für einen Sandplatzkönig Sascha, nachdem er in München seinen dritten BMW-Open-Titel erkämpft hat? Gelingt ihm, trotz Sinners Rückkehr, seine Mission „erster Grand-Slam-Titel“? Und knackt Eva Lys diesmal Iga Świątek?
Gehen wir zur ersten Sensation: „Alexander Zverev spielt in der ersten Runde von Roland Garros gegen Rafael Nadal. Gegen den einstigen Sandplatzkönig von Paris“. Der hat im vergangenen Jahr seine Profi-Karriere beendet. Da liegt der Fehler. Die falsche Behauptung zu den diesjährigen French Open stammt übrigens von einer Künstlichen Intelligenz. Daher: Glaube nie kritiklos der KI, sondern vertraue besser der Recherche von Menschen, die nach vorne schauen.
Wie hier auf das größte Sandplatzturnier der Welt, die French Open in Paris. Am 19. Mai starteten auch manch hochtalentierte Tennisprofis aus den deutschen Talentschmieden in die Qualifikation fürs Hauptfeld des Grand Slams unterm Eiffelturm. Unter ihnen ganz junge Hoffnungsträgerinnen wie Ella Seidel und Noma Noha Akugue. Erfahrener sind Tamara Korpatsch, Mona Barthel, Jule Niemeier, Yannick Hanfmann und Dominik Koepfer. Ohne vorherigen Kräfteverschleiß dürfen aufgrund ihrer Weltranglisten-Punkte Eva Lys, Tatjana Maria, Laura Siegemund, Zverev, Daniel Altmaier und Jan-Lennard Struff direkt im Hauptfeld antreten. Deutsche Fans sollten ihre Augen auf die 23-jährige Lys richten: Seit ihrem Achtelfinal-Einzug bei ihrem ersten Grand Slam hat sich die derzeitige Hoffnungsträgerin unter den deutschen Damen auf Platz 63 der Weltrangliste vorgeschoben. Bei den Australian Open kannte Eva keine Furcht: Erst Iga Świątek, einst die Weltbeste, konnte die gebürtige Ukrainerin im Achtelfinale bei ihrem Höhenflug stoppen. Derzeit läuft es für die Polin nicht so gut: Eine Chance für Lys, sollte es wieder zu einer Partie der beiden kommen?
Doch so einfach geht es nicht zu, in der Welt der gelben Bälle, mit ihrem Auf und Ab: Da konkurrieren zum Beispiel Coco Gauff und ihre Landsfrau Jessica Pegula um die zweit- und drittbesten Plätze der WTA-Liste. Auch andere geben viel. Naomi Osaka quälte sich auf der Challenger-Tour, um nach der Baby-Pause neu Anschluss ans Spitzengeschäft zu bekommen. Was ihr mit ihrem ersten Titel nach ihrem Sieg bei den Australian Open 2021 mittlerweile neuen Erfolg bescherte. Auf Sand. „Ironisch, dass mein erster Titel nach der Rückkehr ausgerechnet auf dem Belag kommt, den ich früher am wenigsten mochte. Aber genau das liebe ich am Leben – man kann sich immer weiterentwickeln“, amüsierte sich die Japanerin auf Social Media.
Die Karten sind neu gemischt
Die Tenniswelt träumt von Paris, die Weltranglisten-Erste Aryna Sabalenka will sich dort endlich ihren ersten Grand-Slam-Titel auf Sand holen. Sie sei „hungrig“ und „wütend“, sagt die Belarussin, nachdem ihr bei den Australian Open Madison Keys den Titel wegschnappte. Deshalb arbeitete die 27-Jährige noch härter an sich, um ihren immer wiederkehrenden Traum vom Sieg unterm Eiffelturm zu verwirklichen. „Manchmal ist die Realität dann doch eine andere“, gesteht sie zu. Allerdings ist Hauptkonkurrentin Iga Świątek, die bisher viermal in den 2020er-Jahren den Titel holte, nach ihrer Doping-Sperre im Herbst aus dem Gewinnerinnen-Gleichmaß gefallen. Andererseits wächst gerade etwa eine Jelena Ostapenko auf Sand über sich hinaus, siehe den Porsche Cup: In Stuttgart holte sie sich beim 500er-Turnier das Gewinnerinnen-Fahrzeug. Elina Svitolina siegte derweil in Rouen. Während zeitgleich ihr Gatte Gaël Monfils, mit 38 Jahren der älteste Spieler auf der Tour und in den Top 100, das Publikum in München mit seiner Absage überraschte. Wie auch die Fans in Rom. Und Paris? Werden die beiden sich in Paris getrennt und doch zusammen von Runde zu Runde vorarbeiten?
Die French Open sind eine der seltenen Gelegenheiten auch fürs Publikum, Männer und Frauen an einem Ort im Wettbewerb zu sehen. Wenn auch nur im Mixed wirklich vereint. Und das letzte Finale im Einzel dürfen am 8. Juni die Herren an der Seine austragen: Zum zweiten Mal mit Alexander, genannt „Sascha“, Zverev im direkten Anlauf auf den Grand-Slam-Titel auf der legendären, roten Asche? Zehnmal war der Hamburger seit 2016 im Hauptfeld dabei. Viermal erreichte er seit 2021 das Halbfinale, vergangenes Jahr das Finale. Auch in Australien spielte der 28-Jährige in diesem Jahr das Endspiel um einen der drei Grand-Slam-Titel. Die erste Top-Trophäe müsste mittlerweile geschmeidig drin sein.
Spitzenspieler wie Casper Ruud und Jack Draper kommen in den Top Ten voran. Novak Djokovic fällt hingegen zurück, musste in Monte Carlo und Madrid gleich nach der ersten Runde gehen. Für das 1000er-Turnier in Rom sagte der Serbe erstmals seit 18 Jahren ab. Der 24-fache Grand-Slam-Sieger hadert mit seinem spielerischen Niveau: „Es ist eine neue Realität für mich, zu versuchen, ein oder zwei Matches bei einem Turnier zu gewinnen und nicht wie sonst an Halbfinals und Finals zu denken. Es ist ein anderes Gefühl als in den letzten 20 Jahren“, sagte der Rekordspieler in Madrid.
Die „alten“ Unbezwinglichen verhindern Grand-Slam-Titel nicht mehr. Und Vorjahressieger Carlos Alcaraz hatte heuer bisher ähnliche Formprobleme wie Zverev. Doch jetzt ist der Dritte, oder vielmehr Erste, im Tennisszenen-Spitzentrio zurück: Jannik Sinner erneuerte kurz vor den French Open und nach einer mehrmonatigen Auszeit seine Beziehung zu Wettkämpfen auf Asche. Die Uhren werden neu gestellt, Roland Garros startet – und endet vielleicht mit dem ersten Grand-Slam-Titel für Alexander Zverev. Allez hopp. Falls es doch nicht klappt: „Tennis ist nicht alles im Leben“. Wir erinnern uns.