Das Filmtheater am Friedrichshain ist 100 Jahre alt. Es war Nazi-Propaganda-Ort, volkseigenes Kino und wurde von der Nachbarschaft vor dem Abriss gerettet.
Klar ist es einfach, sich hier über jeden Quatsch aufzuregen“, sagt Andreas Tölle und lässt seinen Blick durchs Foyer des Filmtheaters am Friedrichshain schweifen. Dennoch: Das hier sei ein Traumjob. Andreas Tölle ist Leiter des Filmtheaters. Und er weiß: Wenn es diese tollen Menschen aus der Nachbarschaft nicht gegeben hätte, dann gäbe es diesen Job hier nicht mehr.
Zu DDR-Zeiten war das Kino eine staatliche Institution. Nach der Wende wollte die Treuhand das Gebäude privatisieren. Der Abriss drohte, denn mit einem Kino war kein Geld zu machen – mit Wohnungen und Büros schon. Das wäre auch so passiert, wenn sich nicht „eine Gruppe gebildet hätte, die das Gebäude nicht einfach der Treuhand überlassen wollte“, sagt Andreas Tölle. Der Widerstand der Bürgerinitiative „Pro Kiez“ war beharrlich und erfolgreich. Nach jahrelangem Tauziehen übernahmen der Regisseur Michael Verhoeven und seine Frau Senta Berger das Kino und holten die Yorck-Kinogruppe als Betreiber ins Boot. Das Kino, das bisher nur einen großen Saal hatte, wurde umgebaut. „Jeder der nun fünf Säle wurde von der Bühnenbildnerin Vera Dobroschke anders und ganz besonders gestaltet“, erklärt Katja Schubert, die Pressesprecherin der Yorck-Kinogruppe. 1996 wurde das FaF, wie Gäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Kino nennen, als Arthouse-Kino neu eröffnet. Gezeigt werden seitdem amerikanische Independent-Filme ebenso wie europäische und deutsche Werke.
Es begann mit Stummfilmen
Die Geschichte des Kinos begann allerdings bereits zu einer Zeit, in der der Stummfilm die Menschen begeisterte. „Schon bei seiner Eröffnung 1925 war das spätere Filmtheater am Friedrichshain ein bisschen eigenwillig“, heißt es in der Chronik, die die Yorck-Gruppe erstellt hat. Die Begründung: „Während die Konkurrenz noch auf pompöse Theaterarchitektur setzte, entwarf Architekt Otto Werner ein Kino mit Mut zum Understatement.“ Am Friedrichshain sollten die Filme im Mittelpunkt stehen, nicht das Kino. Das hieß ganz schnörkellos: ein Saal, ein Rang, 1.200 Plätze, eine Leinwand und ein Orchestergraben.
„Olympia Filmtheater“ hieß der Bau damals. Einige Jahre später wurde es zum „Ufa-Filmtheater Friedrichshain“. Die Filmgesellschaft hatte es übernommen und es zum größten Premierenkino in Berlin gemacht. In dieser Funktion nutzen es dann auch die Nazis für ihre Propagandafilme.
Den Weltkrieg überstand das Kino ohne größere Schäden. Bereits im September 1945 eröffnete es wieder. Es wurden dort nicht nur Filme gezeigt. In der zerstörten Stadt diente es auch als Ort für größere Versammlungen. Das Kino wurde verstaatlicht, und die Menschen standen weiter Schlange – „ob für Kinderfilme an den Nachmittagen oder das Programm am Abend“, wie es in der Chronik heißt.
Dem Kinderfilm ist das Kino bis heute verbunden geblieben. Das FaF widmet sich explizit auch dem Kinder- und Jugendkino: Täglich läuft ein anspruchsvolles Schulprogramm, außerdem finden hier das jährliche französische Kinderfilmfest „Cinefête“, die britischen Schulfilmwochen „Britfilms“, das Berlinale-Jugendfilmprogramm „Generation“ sowie das Kinderkurzfilmfest „KuKi“ statt.
Im Kino wurden zu DDR-Zeiten nicht nur Filme gezeigt. Als zu Beginn der 80er-Jahre das Deutsche Theater saniert wurde, wurde das Filmtheater am Friedrichshain zur Ausweichspielstätte. Dass auch weiter an drei Tagen in der Woche Filme gezeigt wurden, war auch damals der engagierten Nachbarschaft zu verdanken, die einen Weiterbetrieb des Kinos forderte.
Die Nachbarschaft sei auch heute noch wichtig. „Das ist weiter ein Kiez-Kino“, sagt Katja Schubert. Die Alteingesessenen kommen weiterhin – und ihre Kinder, die nun auch langsam erwachsen werden. Das FaF locke aber auch Besucherinnen und Besucher aus ganz Berlin an. Das liegt unter anderem am „OmU“-Programm – also an Filmen in der Originalsprache mit Untertiteln. „Ich war am Anfang überrascht, welche Wege die Leute in Kauf nehmen, um dafür hierherzukommen“, sagt Andreas Tölle.
Das Kino steht inzwischen unter Denkmalschutz. Und es fühlt sich einer Tradition verpflichtet: Als einziges Kino in Berlin leistet sich das FaF gemalte Kinoplakate an der Fassade. Der Maler Götz Valien fertigt sie jede Woche neu an. „Die Leinwände werden übermalt“, erklärt Katja Schubert. Einige der Werke wurden aber über die Jahre auch archiviert. Zu diesen Bildern zeigt das FaF zu seinem 100. Geburtstag eine Reihe mit Filmen aus mehreren Jahrzehnten.
Wie viele Kultureinrichtungen hatte auch das Filmtheater am Friedrichshain mit der Corona-Pandemie zu kämpfen. „Durch die guten Unterstützungsmodelle von Bund und Senat – allen voran das Zukunftsprogramm Kino aber auch die Corona-Sonderhilfen – ist das Kino gut durch die Pandemie gekommen. Die Zeit war ohne Frage hart, und die stets wechselnden Auflagen, Schließungs- und Wiedereröffnungsszenarien haben extrem gefordert, aber wir können sagen, dass wir gestärkt aus dieser Zeit herausgekommen sind“, sagt der Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe, Christian Bräuer, der auch Vorsitzender der AG Kino Gilde deutscher Filmkunsttheater ist und Präsident des europäischen Arthouse-Verbandes CICAE.
Das Arthouse-Kino als Erlebnisort
Aber welche Rolle spielt Kino in einer Zeit, in der Streamingdienste ein breites und aktuelles Filmprogramm bequem ins Wohnzimmer liefern? „Das Kino nimmt eine wichtige Rolle als Gemeinschaftsort ein. Gerade nach der Pandemie können wir beobachten, dass vor allem junge Menschen im ArthouseKino ein Gegengewicht zu ihren algorithmisch kuratierten Feeds finden. Sie schätzen das gemeinschaftliche Erleben von Kultur und den Austausch über das Gesehene. Entgegen dem allgemeinen Markttrend konnten wir im Arthouse-Bereich – nicht zuletzt auch dank dieser neuen Generation Kinobegeisterter – im letzten Jahr einen Besucherzuwachs von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen“, erklärt Bräuer.
Und wie wird Kino zu mehr als „bequem sitzen und einen Film schauen“? „Kinobetreiberinnen und Kinobetreiber entwickeln ununterbrochen neue Konzepte, die das Kinoerlebnis über den Film hinaus zu einem besonderen Event machen“, sagt Bräuer. Die Grundvoraussetzungen müssen aber stimmen. Das heißt für ihn: „Die Häuser müssen in Schuss sein und die Projektion tadellos. Darüber hinaus ist die persönliche Ansprache der Gäste wichtig, das Kuratieren besonderer Reihen, in denen man Communitys versammelt. Derzeit gibt es große Erfolge, junge Klassiker im Kino wiederaufzuführen. Ein Großteil der jüngeren Gäste hat diese damals noch nicht im Kino sehen können und freut sich, das nun in Gemeinschaft tun zu können.“ Bräuer nennt den „Craft Club“ als Beispiel und erzählt: „Hier kann man bei gedimmtem Saallicht handarbeiten. Wenn der ganze Saal mit Strick-, Häkel- und Bastelutensilien einen Film aus den 90ern schaut, ist ausgelassene Stimmung vorprogrammiert, und nach dem Film gehen die Gäste mit einem guten Gefühl nach Hause.“
Das Filmtheater im Friedrichshain ist 100, aber es ist „lebendig wie nie“, sagt die Kino-Leitung. Und es will seiner „Tradition treu bleiben, ein bisschen anders zu sein“.