Dieser mysteriöse Thriller hat gute Chancen, beim Rennen um den Deutschen Filmpreis abzuräumen. „Islands“ ist für gleich vier Lolas nominiert – darunter „Bester Film“ und „Beste männliche Hauptrolle“. Mit einem fantastischen Sam Riley.
Der Filmemacher Jan-Ole Gerster ist eine erfreuliche Ausnahme im deutschen Kino. Er macht Filme, die durch ihren Ton eine ganz eigene Stimmung erzeugen und einen originellen Blick auf die Dinge werfen, die erzählt werden. Und das macht Gerster, ohne sich dabei zu verkünsteln. Seine Filme sind weder verkopft noch kindisch noch sterbenslangweilig, sondern komplex und sehr unterhaltsam.
In seinem ersten Film, der melancholischen Komödie „Oh Boy“ (2012), schickte er Tom Schilling im tristen Berlin auf eine Odyssee der Irrungen und Wirrungen – bis der erkennt, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. Im Drama „Lara“ (2019) begreift Corinna Harfouch an ihrem 60. Geburtstag, dass sie in jungen Jahren eine fatale Fehlentscheidung getroffen hat – und nun damit leben muss.
Ausbruch aus der Stagnation
In „Islands“ ist es Sam Riley als frustrierter Tennislehrer Tom, dem der endlos scheinende Sommer auf der Urlaubsinsel Fuerteventura zum Verhängnis zu werden droht. Tom hat die sich ewig wiederholenden flüchtigen Sex-Affären und Alkoholabstürze gründlich satt. Seine große Sehnsucht: Endlich aus dieser Stagnation auszubrechen und seinem Schicksal einen Sinn zu geben. Plötzlich scheint sich dafür tatsächlich eine Chance aufzutun, als die geheimnisvolle Anne (Stacy Martin) in sein Leben tritt. Mit ihrem Mann Dave (Jack Farthing) und ihrem siebenjährigen Sohn Anton (Dylan Torrell) macht Anne Ferien in einem All-inclusive-Hotel, in dem Tom arbeitet. Anne heuert Tom an, um ihrem Sohn Tennisstunden zu geben.
Schnell wird Tom auch als Fremdenführer gebucht und freundet sich mit der Familie an. Tom ist vor allem von Annes geheimnisvoller Aura fasziniert. In seinen Augen ist sie nicht nur aufreizend sinnlich, sondern auch unergründlich rätselhaft. Welche Signale sendet Anne eigentlich aus? Flirtet sie nur – oder ist da mehr? Als dann eines Nachts Dave plötzlich spurlos verschwindet, keimt in Tom ein schrecklicher Verdacht auf. Jan-Ole Gerster zeigt zunächst, wie ein Urlaub auch als Flucht aus dem Alltag in ein vermeintlich besseres Leben funktionieren könnte. Dabei ist die wunderschöne Vulkaninsel Fuerteventura der ideale Schauplatz: Sonne, Strand, gutes Essen, laue Nächte – all inclusive. Doch mit Daves Verschwinden kippt das oberflächliche Ferien-Idyll. Schlagartig sind wir mitten in einem mysteriösen Krimi, mit leichten Anklängen an Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“. Gerster gelingt es, den ganzen Film über eine latente Spannung aufrecht zu erhalten. Dabei löst er aber weder das Enigma von Anne wirklich auf, noch erklärt er den Filmtitel „Islands“. Jeder kann sich selbst einen Reim darauf machen.
Eine dauerhaft latente Spannung
Ein absolutes Highlight ist Sam Riley als Tom (siehe Interview S. 88). Wie er – ohne viele Worte zu machen – mit Blicken und Gesten dieser emotional ins Schleudern geratenen Figur Haltung verleiht und Tom bis zur letzten Einstellung interessant macht, das ist ganz großes Kino. „Islands“ ist ein Film für Liebhaber gut erzählter Geschichten, die mehr mit dem Leben zu tun haben als mit Popcorn.