Die SV Elversberg spielt tatsächlich die Aufstiegs-Relegation um die Bundesliga. Auch ohne diesen Höhepunkt wäre es eine herausragende Saison.
Was für eine Entwicklung, die am Montag in der Ursapharm-Arena mit dem Relegationsrückspiel gegen den FC Heidenheim ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Konkret begann Elversbergs kometenhafter Aufstieg vor vier Jahren. Ende August 2021 stand der Club nach zwei Auftaktniederlagen kurzzeitig auf dem letzten Platz der Regionalliga Südwest. Doch was dann folgte, war eine beispiellose Aufholjagd. Der Club aus der kleinen Gemeinde Spiesen-Elversberg mit rund 13.000 Einwohnern spielte sich in jener Saison zur Meisterschaft – und stieg ein Jahr später direkt weiter auf in die 2. Bundesliga. Binnen weniger Jahre hat die SVE damit eine Fußballreise zurückgelegt, die ihresgleichen sucht: 2022 der Aufstieg in die 3. Liga, 2023 in die 2. Bundesliga – und 2025 nun die Chance auf den Durchmarsch in die Bundesliga.
Mit dem historischen 2:1-Auswärtssieg am letzten Spieltag beim kriselnden FC Schalke 04 sicherte sich Elversberg den dritten Tabellenplatz und damit die Teilnahme an der Relegation zur Bundesliga. Es ist ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte – und möglicherweise der Beginn eines weiteren Kapitels. Sollte Elversberg tatsächlich aufsteigen, wäre der Club der erste saarländische Bundesligist seit dem Abstieg des 1. FC Saarbrücken im Jahr 1993. Außerdem würde die SVE als vierter Verein aus dem Saarland überhaupt in der Bundesliga spielen – nach Saarbrücken, Homburg und Neunkirchen.
Heimspiel am Montag
In der ersten Saison nach dem Aufstieg in die 2. Liga überraschte Elversberg viele Beobachter: Die Mannschaft sicherte sich souverän den Klassenerhalt und landete im sicheren Mittelfeld. Umso erstaunlicher war die Entwicklung in der nun abgelaufenen Spielzeit. Viele Experten hatten den Club erneut im Abstiegskampf erwartet – schließlich gilt das berüchtigte „schwierige zweite Jahr“ als Stolperstein für viele Aufsteiger. Doch statt unten reinzurutschen, kletterte die SVE kontinuierlich nach oben – und darf nun vom Bundesliga-Fußball träumen.
Ausschlaggebend war ein bemerkenswerter Schlussspurt: In den letzten acht Spielen blieb Elversberg ungeschlagen und holte satte 18 Punkte. Von Platz neun arbeitete sich das Team von Horst Steffen auf den dritten Rang vor – mit insgesamt 58 Zählern, der besten Zweitliga-Bilanz der Vereinsgeschichte. In den Fernduellen mit Paderborn, Düsseldorf und Kaiserslautern behielt man die Oberhand – ein Verdienst der Konstanz, des Offensivdrangs und des mannschaftlichen Zusammenhalts.
Der entscheidende Sieg auf Schalke war dabei sinnbildlich für die Spielweise und Mentalität der Saarländer. Vor rund 4.400 mitgereisten Fans im Stadion mussten die Elversberger zunächst einen Rückschlag verkraften: Ein traumhafter 25-Meter-Volley von Semih Sahin wurde wegen Abseits nicht anerkannt. Doch nur fünf Minuten später traf Lukas Petkov aus 22 Metern zur Führung. Maurice Neubauer erhöhte nach der Pause mit einem sehenswerten Volley aus spitzem Winkel auf 2:0, ehe Schalkes Yassin Ben Balla kurz vor Schluss noch zum 1:2 verkürzte. „Wir gewinnen einfach so auf Schalke. Das ist schon Wahnsinn genug“, kommentierte ein Elversberger Fan bei Facebook.
Trainer Horst Steffen steht sinnbildlich für den Aufstieg Elversbergs. Seit 2018 ist er im Amt, hat den Club mit ruhiger Hand und klarem Plan geformt. Er setzt auf Spielfreude, Flexibilität und taktische Disziplin. Die Handschrift des Trainers ist unverkennbar: Seine Mannschaft spielt mutig nach vorne, mit der zweitbesten Offensive der Liga hinter dem direkten Aufsteiger Hamburger SV. Für Steffen zählt vor allem attraktiver Fußball: „Ich freue mich mehr über ein 5:4 als über ein langweiliges 1:0“, sagt er – und lebt das auch.
Der Respekt aus der Liga ist groß. Schon in der Vorsaison lobte Alexander Zorniger, damaliger Trainer von Greuther Fürth: „Ich habe bislang noch nie erlebt, dass eine Mannschaft taktisch so gut auf uns vorbereitet war.“ Und auch die eigenen Spieler schätzen den Coach. Carlo Sickinger etwa sagt über seinen Trainer: „Er hat mir den Spaß am Fußball zurückgebracht.“
Erfolg ohne Millionen-Deals
Finanziell agiert der Club trotz sportlichem Höhenflug weiterhin mit Augenmaß. Zwar steht mit Frank Holzer ein finanzstarker Aufsichtsratsvorsitzender hinter dem Verein – als Inhaber des Pharmaunternehmens Ursapharm –, doch auf dem Transfermarkt bleibt Elversberg zurückhaltend. Laut transfermarkt.de hat der Club bislang nur für sechs Spieler Ablösesummen gezahlt, zwei weitere wurden gegen Leihgebühr verpflichtet. Der Marktwert reicht im ligaweiten Vergleich gerade mal für Platz zwölf. Im Gegensatz dazu ist der sportliche Ertrag herausragend. Die SVE zeigt, dass Erfolg nicht zwangsläufig an große Namen oder Millioneninvestitionen gebunden ist. Vielmehr setzt man auf kluge Kaderplanung, mannschaftliche Geschlossenheit – und eine Spielidee, die auf mutigem, aktivem Fußball basiert.
Während sich die einen freuen, hadern die anderen mit sich selbst: Der FC Schalke 04 steckt erneut in einer tiefen sportlichen und strukturellen Krise. Die Königsblauen konnten den Abstieg zwar vermeiden, beendeten die Saison aber ohne klare Perspektive – und kassierten gegen Elversberg die fünfte sieglose Partie in Folge. Der einstige Europapokal-Club bleibt sinnbildlich für die Schieflage vieler Traditionsvereine im deutschen Fußball. Während Vereine wie Mainz, Augsburg oder Heidenheim in der Bundesliga Fuß fassen, kämpfen Ex-Größen wie Hertha BSC, Hannover 96 oder eben Schalke im Unterhaus.
In der Relegation trifft Elversberg nun auf den 1. FC Heidenheim, der als 16. der Bundesliga jetzt in die Entscheidungsspiele muss. Heidenheim verlor am letzten Spieltag mit 1:4 gegen Werder Bremen – und beendet damit eine Saison mit mehr Schatten als Licht. Für Elversberg hingegen geht es nun um alles. Das Hinspiel der Relegation fand am Donnerstag, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, statt.
Trainer Steffen will die Chance nutzen, unabhängig vom Ausgang: „Ich will jetzt nicht mit fifty-fifty ankommen“, sagte er unmittelbar nach dem Schalke-Spiel. „Wir haben die Möglichkeit zu zeigen was wir können. Wenn es auch nur eine Chance von ein paar Prozent gibt, werden wir versuchen, sie zu nutzen. Wir freuen uns auf die zwei Spiele.“
Egal, wie die Relegation endet: Die SV Elversberg hat mit dieser Saison bereits Geschichte geschrieben. Der Dorfverein aus dem Saarland ist auf dem besten Weg, dem deutschen Fußball ein weiteres modernes Märchen hinzuzufügen. Der Aufstieg wäre die Krönung – aber schon jetzt ist klar: Die SVE ist gekommen, um zu bleiben.