Die Bayern fehlen, Dortmund auch. Stattdessen bestreiten Stuttgart und Bielefeld das Endspiel um den DFB-Pokal. Dennoch gab es noch für kein Finale so viele Ticket-Anfragen.
Vor einigen Jahren hatten wir hier über einen Trend geschrieben, der sich mehr und mehr verfestigte. Der DFB-Pokal wurde dann, wenn es ernst wurde, mehr und mehr zu einer geschlossenen Liga. Weil die großen Vereine den Wettbewerb immer ernster nahmen und kaum noch durchrotierten. In den 17 Jahren zwischen 2005 und 2022 holte neunmal der FC Bayern den Pokal und dreimal Borussia Dortmund. Elfmal standen die Bayern im Finale, siebenmal die Dortmunder. Viermal trafen die beiden im Endspiel direkt aufeinander. Und wenn sie mal auf dem Weg gestrauchelt waren, dann rückten die anderen Spitzenteams aus der Liga nach. Leipzig stand ab 2019 viermal in fünf Jahren im Finale. In jedem Fall waren die Bundesligisten in 17 von 18 Fällen ab 2005 unter sich.
Im vergangenen Jahr gab es dann plötzlich zwei Schlagzeilen über das Finale zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Kaiserslautern (1:0). Zum einen die, dass es einen neuen Pokalsieger in diesem Jahrtausend geben wird.
Zum anderen die, dass Lautern-Trainer Friedhelm Funkel sein Team als „den größten Außenseiter in einem Endspiel in der Geschichte des Pokals“ sah. Das Kuriose: Ein Jahr später gelten vor dem Finale am 24. Mai beide Schlagzeilen wieder. Es wird in jedem Fall einen neuen Pokalsieger in diesem Jahrtausend geben. Denn der VfB Stuttgart holte den Pott zuletzt 1997, Arminia Bielefeld steht sogar zum ersten Mal überhaupt im Finale. Und somit sind die Ostwestfalen auch der größte denkbare Außenseiter. Auch, wenn sie in diesem Jahr mit dem SC Freiburg, Union Berlin, Werder Bremen und Leverkusen schon vier Erstligisten rausgeworfen und den Aufstieg in die 2. Bundesliga realisiert haben. „Ich kann noch gar nicht sagen, ob ich nervös sein werde“, sagte Kapitän Mael Corboz: „Ich bin gespannt, wie ich selber reagiere vor 75.000 Menschen, wie das gesamte Team reagieren wird.“
Und die Konstellation bietet noch einen zusätzlichen Anreiz: Während bei Finals wie zwischen den Bayern und dem BVB beide meist schon für die Champions League qualifiziert waren, haben die beiden diesjährigen Finalisten noch kein Europacup-Ticket in der Tasche. Und für beide wäre es etwas Besonderes: Die Stuttgarter waren im Vorjahr erstmals seit zwölf Jahren überhaupt wieder in Europa dabei, und sind in der Champions League mit Spielen gegen Paris Saint-Germain oder bei Juventus Turin und Real Madrid richtig auf den Geschmack gekommen. Und natürlich wurde dadurch auch der Kader teurer. „Es wäre natürlich etwas Besonderes und würde das Renommee und Bild des Vereins aufpolieren – es ist auch wegweisend für unsere Kaderplanung“, sagte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Bielefeld träumt nicht von Europa
Für Bielefeld wäre es derweil tatsächlich die allererste Europacup-Teilnahme in der 120-jährigen Vereinsgeschichte. Da das Pokalfinale als Highlight erst mal ausreicht, bemühen sie sich auf der Alm aber, diese Träumerei noch nicht zu sehr ausarten zu lassen. „Wir schieben das Thema Europa erst mal zur Seite“, sagte Sport-Geschäftsführer Michael Mutzel: „Erst kam der Aufstieg, jetzt steht das Finale an.“ Die Arminia ist nach Hertha BSC 1993, Energie Cottbus 1997 und Union Berlin 2001 erst der vierte Drittligist in der 82-jährigen Geschichte des Wettbewerbs, der im Endspiel steht. Kein einziger der drei Vorgänger schoss übrigens ein Tor im Finale. Im Europacup spielte danach nur Union. Wie Bielefeld aber dann als Zweitligist, weil im selben Jahr der Aufstieg gelang.
Unterdessen ist es keineswegs so, dass das Endspiel wegen der vermeintlich etwas unprominenteren Besetzung nicht so gefragt ist wie in den Jahren zuvor. Ganz im Gegenteil. Wie der DFB mitteilte, gab es mit 1,66 Millionen Ticketanfragen so viele wie nie zuvor für ein DFB-Pokalfinale. Hinzu kamen noch mal 160 Millionen Bot-Anfragen, die das System abblocken musste. Denn zum einen birgt die „David gegen Goliath“-Konstellation große Spannung. Zum anderen ist das Finale eben für die beiden Vereine etwas Außergewöhnliches. Für Stuttgart ist es zwar das siebte Finale, die Wartezeiten waren aber groß, nach den Siegen 1954 und 1958 folgten Teilnahmen 1986, 1997, 2007 und 2013. Zudem war der Sieg vor 28 Jahren der einzige der etwas jüngeren Geschichte. „Der Ansturm ist schlichtweg gigantisch“, sagte Club-Chef Alexander Wehrle. 130.000 Mitglieder haben die Schwaben, 24.200 Tickets waren nur zu verteilen. Da waren auch Unmut und Frust vorprogrammiert. Gleichzeitig schürte es aber auch die Kreativität bei denen, die bei der Vergabe leer ausgingen. „Suche VfB-Bielefeld-Tickets – biete Niere“, schrieb ein Nutzer aus der Nähe von Stuttgart bei „Ebay Kleinanzeigen“. Ein weiterer bot seine Pauschal-Urlaubsreise nach Spanien im Tausch gegen zwei Finaltickets an.
Und in Bielefeld sorgte die Premiere natürlich für einen kompletten Hype. „Wir machen das Olympiastadion zur Alm“, versprach Trainer Mitch Kniat. Das Drumherum brachte auch einige kuriose Geschichten mit sich. So hatte Arminia-Fan Jens Stücker nach einem Bericht der „Neuen Westfälischen“ im Biergarten versprochen, zu Fuß nach Berlin zu laufen, falls die Arminia je das Pokalfinale erreicht. Obwohl dieses Versprechen 30 Jahre her war, hielt Stücker Wort und brach am 4. Mai zu der 464 Kilometer langen Wanderung auf. Mit einem Rucksack, einem Zelt und Müsliriegeln wanderte er los und nahm sich 25 Kilometer pro Tag vor.
Stuttgart mit großem Respekt
Philipp Köster, eingefleischter Arminia-Fan und Gründer und Chefredakteur des Magazins „11 Freunde“ schrieb von einem „verstörenden Optimismus, der sonst nicht zwingend zum emotionalen Repertoire des Ostwestfalen gehört“. Schließlich gehöre es in seiner Heimat „normalerweise zum guten Ton, selbst außergewöhnliche Leistungen allenfalls mit einem freundlich gemeinten Achselzucken zu quittieren und auswärtige Autofahrer an Kreuzungen wissentlich in die falsche Richtung zu schicken. In den Tagen und Wochen nach dem Halbfinale passierten jedoch ungewöhnliche Dinger, wurde plötzlich in Bäckereien gegrüßt, lächelten Passanten, wurden entfernte Bekannte in der Hauptstadt wegen Gästezimmern angefragt.“ Die Stadt Bielefeld bietet ein großes Public Viewing auf drei Leinwänden an. In Schwaben wird das „Rudelschauen“ auf dem Schlossplatz in Stuttgart und in einem Heilbronner Biergarten angeboten. Dem „Hermannsdenkmal“, dem 54 Meter hohen Wahrzeichen Bielefelds, wurde erstmals seit 26 Jahren ein riesiges Arminia-Trikot übergezogen.
Bielefelds Coach Mitch Kniat - Foto: picture alliance/dpa
Die Stuttgarter haben jedenfalls Respekt vor dem (bisherigen) Drittligisten. Beim 2:1 im Halbfinale gegen das in der Liga seit zwei Jahren unbesiegte Leverkusen sei es „keine reine Verteidigungsleistung“ gewesen, stellte Wohlgemuth nach dem eigenen Finaleinzug fest: „Das ist schon eine große Herausforderung. Viel größer als der bloße Name. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen.“ Kurz vor dem Finale sagte der Stuttgarter Sportchef unter dem Eindruck des Aufstiegs gar: „Die Arminia ist aktuell in einer top Verfassung und geht nicht mehr als Außenseiter in die Partie.“
Bedeuten tut das Finale allen Beteiligten ähnlich viel. Trainer Sebastian Hoeneß hat mit seinem Vater, dem früheren Hertha-Manager Dieter Hoeneß schon als Kind einige Pokalfinals im Berliner Olympiastadion gesehen und „jedes Mal dran gedacht, wie toll es sein muss, einmal Teil davon zu sein. Da geht ein Traum in Erfüllung“. Doch die Bielefelder haben obendrein nichts zu verlieren. „Wir haben eh schon Geschichte geschrieben. Die Story ist verrückt“, sagte Kapitän Corboz: „Aber wenn wir das Spiel auch noch gewinnen sollten, wäre es noch verrückter. So oder so werden wir in 20 Jahren noch darüber reden. Aber wenn wir gewinnen, reden wir wahrscheinlich in 50 Jahren noch drüber. Es wäre schade, diese Möglichkeit zu verpassen.“ Stattdessen will Arminia sie beim Schopfe packen: „Wir sind realistisch, aber wir haben unsere Chancen und werden alles dafür tun, Stuttgart zu nerven“, sagte Corboz.
Übrigens: Die Bayern sind in diesem Jahr schon zum fünften Mal in Folge Zuschauer beim Finale. Das gab es in diesem Jahrtausend noch nicht. Länger mussten die Münchener nur von 1986 bis 1998 auf einen Pokalsieg warten. Aber ein riesiges Event ist das „deutsche Wembley“ auch ohne sie.