Mit 40 ist René Elsässer auf dem Höhepunkt seines Lebens – dann zwingt ihn ein Zufallsbefund zu einer Transplantation. Seine Geschichte bewegt. Und das will er auch. Gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren kämpft er für mehr Sichtbarkeit beim Thema Organspende.
Es ist Herbst. René Elsässer feiert seinen 40. Geburtstag, fast 100 Gäste, Freunde aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Es ist ein Abend voller Leichtigkeit. „Wenn ich morgen tot umkippen würde“, sagt er, „dann würde ich sagen: Ich habe ein geiles Leben gehabt.“ Noch ahnt niemand, wie prophetisch dieser Satz sein sollte.
Sechs Wochen später, Anfang Januar 2018, betrat Elsässer die Praxis seiner Hausärztin für einen Routinecheck. Ein bisschen Müdigkeit, ungewöhnlich viel Schlaf – das war alles. „Ich habe täglich Sport gemacht. Zwei Stunden am Tag. Ich war nicht nur gesund, ich war durchtrainiert“, sagt er. Bei der Untersuchung war zunächst alles unauffällig. Doch bevor sie ihn gehen ließ, sagte die Ärztin: „Lassen Sie uns noch einen Ultraschall machen.“
Etwas Schlimmes erwartet hatten wohl beide nicht. Bis die Medizinerin sich im Halbdunkel des Untersuchungsraums plötzlich an ihn wand: „Sagen Sie mal, trinken Sie gerne?“ Elsässer war verwirrt. „Ich habe sie angeschaut und gesagt: Ich verstehe die Frage nicht.“ Ein Bier, ein guter Whisky – ja, als Genuss. Aber nie exzessiv. Und dann sprach seine Ärztin einen Satz aus, den er nie vergessen wird: „Wie ich das sehe, haben Sie eine Leberzirrhose im Endstadium. Sie können demnächst mit einer Transplantation rechnen.“
Leberzirrhose im Endstadium
Ein Moment völliger Leere. Noch bevor er begreifen konnte, was sie da gesagt hatte, nahm das Drama weiter seinen Lauf. Seine Ärztin rief einen Gastroenterologen an, vereinbarte für eine Woche später eine Magenspiegelung – Verdacht: Ösophagusvarizen, Krampfadern in der Speiseröhre. Sie können platzen und innerhalb von Minuten töten.
Der Verdacht bestätigte sich. Ein paar Tage später saß René Elsässer im Wartezimmer der medizinischen Hochschule Hannover. Die Diagnose: Leberzirrhose im Endstadium, ohne bekannte Ursache. „Ich fühlte mich noch immer gesund“, sagt er. Aber etwas in ihm hatte sich verändert. „Ich habe einfach weitergemacht. Aber etwas in mir war zerbrochen.“
Im September 2018 kam der nächste Schlag. Die Kraft wich aus seinem Körper. Zehn Kilo hatte er in wenigen Wochen verloren. Seine Ärztin schickte ihn sofort nach Hause – vier Wochen Krankschreibung, hochkalorische Astronautennahrung, um die Kraftreserven wieder aufzutanken. Er schien sich gerade wieder gefangen zu haben, als René Elsässers Leben einen Balanceakt auf dem Drahtseil hinlegte.
Es war bei einem Seminar der Wirtschaftsjunioren, bei denen Elsässer bereits seit Jahren sehr aktiv mitwirkte, in der Nähe von Berlin. Er hielt dort einen Vortrag. Alles lief gut. Abends ging er ins Bett. Als er am nächsten Morgen erwachte, war alles anders. „Ich war völlig verschwitzt, mir war schlecht, ich war kaltbleich.“ Irgendwie schaffte er es mit dem Zug zurück nach Iserlohn. Und dort geschah es. Eine der Krampfadern in seiner Speiseröhre war offenbar geplatzt. Er erbrach Blut. „Man hatte mir gesagt: Wenn das passiert, rufen Sie sofort 112. Legen Sie sich flach auf den Boden. Die Überlebenschance liegt unter zehn Prozent.“
Er gehörte zu diesen zehn Prozent. Doch was folgte, waren Wochen im Krankenhaus und eine körperliche Tortur. „Ich war gelb wie ein Simpson“, sagt er. „Ich habe mich selbst nicht mehr erkannt.“ Seine Leber war am Ende. Im Januar 2019 wurde er nach Hannover gebracht. Dort setzten ihm die Ärzte ein Titanröhrchen – einen sogenannten TIPS – in die Leber. Ein letzter Versuch, den Körper am Leben zu halten. „Ich funktionierte noch, aber ich war nicht mehr ich selbst.“
Im Sommer ging es langsam aufwärts. Sein Körper kämpfte sich zurück. Und dann kam der erste Anruf. Eurotransplant: „Wir haben ein Organ für Sie.“ Elsässer saß neben seiner Partnerin im Auto. „In dem Moment fiel mir alles aus dem Gesicht.“ Denn er war nicht bereit. Er bat um Bedenkzeit, wollte erst einmal mit seiner Familie sprechen. Man gab ihm eine halbe Stunde. Doch als er binnen dieser Zeit zurückrufen wollte, teilte man ihm bereits mit, dass die Leber an jemand anderen ginge. Denn: Bei jeder Transplantation werden drei mögliche Empfänger ausgewählt. Alle drei werden vorbereitet – aber nur einer wird operiert. „Es gibt eine Prio-Person“, erklärt Elsässer. „Aber das weiß keiner der drei. Wenn einer ausfällt, springt ein anderer ein.“
Heute sagt er, dass dieser erste Anruf Gold wert war. Denn beim zweiten Anruf, am 25. Oktober 2019, war seine Antwort klar und entschlossen: „Ich bin bereit.“
Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Und erst dort realisierte Elsässer so wirklich, was gerade passierte. Allein im Warteraum. Die Minuten zäh, die Gedanken laut. „Ich habe ein Video aufgenommen für den Fall der Fälle“, erzählt er. „Das kennt bis heute niemand außer mir. Ich habe mich von der Welt verabschiedet und gesagt: War schön mit Euch.“ Worte, von denen er nicht wissen sollte, ob sie vielleicht seine letzten wären.
„Ich habe mich von der Welt verabschiedet“
Dann, an jenem Freitag, dem 25. Oktober, wurde René Elsässer in den OP gebracht. Aufwachen sollte er aber erst drei Tage später. „Ich habe mir sagen lassen, ich stand kurz vor einem Nierenversagen“, erzählt er. Noch mit geöffnetem Bauchraum musste er in ein künstliches Koma gelegt werden.
Als er montags aufwachte, war er allein. Orientierungslos. Eine Krankenschwester fragte: „Möchten Sie jemanden anrufen?“ Er wollte. Aber es fiel ihm keine Nummer ein außer der Festnetznummer seiner Eltern aus Kindertagen.
Also bat er um sein Handy. Doch das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten: das Passwort. Elsässer, der in der IT-Branche arbeitet, nutzt ein sicheres System mit einem alternativen Betriebssystem – ein Sicherheitstelefon. Der PIN-Code ist komplex. „Ich saß da, völlig überfordert, und dachte nur: Wenn ich mich jetzt vertippe, wenn ich falsch liege – komme ich nie wieder rein.“
Stunden vergingen, während er versuchte, sich zu erinnern. Seine Augen funktionierten kaum, alles war verschwommen, das Handy hielt er direkt vor sein Gesicht. Schließlich, irgendwann, schaffte er es. Er entsperrte das Gerät.
Er wählte schließlich eine Nummer – seine Eltern, seine Partnerin. Wer als erstes dran war, weiß er nicht mehr. Die Stimme am anderen Ende sagte später, er habe gelallt, gekrächzt, kaum verständlich. Aber es war da: ein Lebenszeichen. „Ich wollte, dass sie wissen: Ich lebe noch“, sagt er.
Als seine Eltern am nächsten Tag ins Zimmer traten, brach alles aus ihm heraus. „Ich habe ihre Hände genommen und geweint wie ein Schlosshund“, erinnert er sich. Tränen, die sich aus Tagen der Angst, Wochen der Schwäche und Monaten des Wartens lösten.
„Wir sind ein gutes Team geworden“
Heute lebt er mit einem fremden Organ in seinem Körper. Eingeschränkt fühlt er sich nicht, lediglich an seine Tabletten muss er denken, die verhindern sollen, dass seine neue Leber vom Körper abgestoßen wird. Lange wusste er nicht, wie er mit der Tatsache umgehen sollte, dass ihm ein Teil eines fremden Menschen das Leben schenkt. Er wusste nichts über den Spender. Nur eine Information hatte der Operateur ihm gegeben: Es war ein junger Mensch, gesund. Mehr nicht. Keine Herkunft. Kein Geschlecht. Keine Geschichte. Fünf Jahre rang er mit sich, dann schrieb er einen anonymen Brief über Eurotransplant. „Ich wollte mich bedanken, aber ich wollte keine Antwort“, sagt er. „Ich möchte nicht wissen, woher das Organ kam. Ich möchte nicht, dass es mir schwerfällt, damit zu leben.“ Denn, sagt er, „es ist jetzt mein Organ. Und wir beide, meine neue Leber und ich, wir sind ein gutes Team geworden.“
Er ist ruhiger geworden, sagt er. Bewusster. Weniger kompromissbereit mit sich selbst. „Wenn ich müde bin, gehe ich schlafen. Auch wenn Gäste da sind. Ich höre auf meinen Körper. Ich esse ein Stück Torte, wenn mir danach ist. Weil das Leben zu kurz ist für später.“
Und er spricht darüber. Über all das. Über das Warten, das Hoffen, die Schmerzen. Über das Überleben. Aus seiner Geschichte ist ein Projekt geworden. „WJ Organspende“ – gegründet aus seinem Umfeld bei den Wirtschaftsjunioren in Iserlohn. Entstanden ist es, weil Menschen ihn gefragt haben: „Was können wir tun?“ Dabei erinnert er sich auch an einen Moment, der ihn noch heute sprachlos macht: Eine Bekannte, mit der er nur spärlichen Kontakt pflegte, meldete sich: „Wenn du willst“, sagte sie, „gebe ich dir einen Teil meiner Leber.“ Er stockt, wenn er das erzählt. „Da bleibt mir das Herz stehen. Mein Brustkorb ist zu klein für all diese Liebe.“ Es ist einer dieser Augenblicke, in denen alles andere klein wird. Und das Leben riesengroß.
Er sprach mit seiner Partnerin darüber, das Thema im Verband breiter streuen zu wollen. Diese zögerte kurz, dann sagte sie: „Wir haben da etwas geplant. Wir wussten nicht, wie wir dich fragen sollen.“ Gemeinsam mit zwei langjährigen Freunden hatte sie bereits ein Projekt skizziert. Bei der Landeskonferenz 2019 in Iserlohn wurde „WJ Organspende“ gestartet.
Elsässer wurde deren Botschafter. Nicht als jemand, der überzeugen will – sondern als einer, der erinnert. Daran, dass wir alle Entscheidungen treffen können, solange wir leben. „Ich will niemanden überreden“, sagt er. „Ich will nur, dass Menschen eine Entscheidung treffen – für oder gegen die Organspende. Aber bitte: Entscheidet Euch!“ Für ihn war es die wohl wichtigste Entscheidung seines Lebens: „Ich bin noch hier, weil jemand gegangen ist. Und weil jemand entschieden hat, dass ich bleiben darf.“