Tausende warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, doch die Zahl der Organspenden ist rückläufig. Warum die Bereitschaft sinkt, was neue Technologien versprechen und was der Tag der Organspende ins Bewusstsein rücken will.
In Deutschland warten Tausende von Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan – oft vergeblich. Denn obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich positiv zur Organspende äußert, bleibt die tatsächliche Zahl der Spender gering. 2024 spendeten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation lediglich 953 Menschen ihre Organe. Damit gehört Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin zu den Schlusslichtern. Das hat viele Gründe – und sorgt immer wieder für Diskussionen.
Ein zentraler Streitpunkt in der politischen und gesellschaftlichen Debatte ist die Frage, wie die Entscheidung zur Organspende geregelt sein soll. In Deutschland gilt aktuell die sogenannte Zustimmungslösung. Das bedeutet: Eine Organspende darf nur dann erfolgen, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten zugestimmt hat oder, falls keine Entscheidung vorliegt, die Angehörigen einverstanden sind. In anderen Ländern, etwa in Spanien oder Österreich, sieht das anders aus. Dort gilt die Widerspruchslösung. Wer nicht ausdrücklich „Nein“ sagt, gilt automatisch als potenzieller Spender. In Spanien ist die Zahl der Organspenden deutlich höher – ob das allein an der Widerspruchslösung liegt, ist allerdings umstritten. Kritiker sehen in diesem Modell einen Eingriff in die Selbstbestimmung. Befürworter hingegen hoffen auf mehr Spenden und damit auf mehr gerettete Leben.
Denn wer ein Spenderorgan erhält, gewinnt oft Jahre voller Lebensqualität hinzu. Besonders bei Nieren-, Leber- oder Herztransplantationen sind die medizinischen Fortschritte enorm. Doch so einfach ist das neue Leben nicht: Transplantierte müssen meist ihr Leben lang Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken, damit das fremde Organ nicht abgestoßen wird. Das erhöht wiederum das Risiko für Infektionen und andere Komplikationen. Auch die Psyche spielt eine Rolle – viele Empfänger fühlen sich tief verbunden mit dem unbekannten Spender, manche kämpfen mit Schuldgefühlen oder der Angst, dass das Organ irgendwann versagt.
Mehr Aufklärung zwingend nötig
Doch auch die grundsätzliche Bereitschaft zur Spende hat in den vergangenen Jahren eher abgenommen. Einerseits spielt mangelnde Information eine Rolle. Viele Menschen fühlen sich nicht ausreichend aufgeklärt oder schieben die Entscheidung auf. Andererseits gibt es auch Misstrauen gegenüber dem System: Die Skandale der vergangenen Jahre, bei denen Ärzte Wartelisten manipuliert haben sollen, haben Spuren hinterlassen. Und dann ist da noch die große ethische Frage: Wann ist ein Mensch wirklich tot? In Deutschland gilt der Hirntod – also der vollständige und irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen – als Kriterium für den Tod und damit als Voraussetzung für eine Organspende. Doch genau dieser Punkt sorgt immer wieder für Unsicherheit. Manche Menschen empfinden es als befremdlich, dass ein Körper, der noch warm ist und bei dem das Herz schlägt, als „tot“ gilt.
Die Idee, Organe zu verpflanzen, ist alles andere als neu. Bereits in der Antike wurde mit Transplantationen experimentiert, allerdings ohne großen Erfolg. Die moderne Transplantationsmedizin nahm erst im 20. Jahrhundert richtig Fahrt auf. 1954 gelang in den USA die erste erfolgreiche Nierentransplantation zwischen eineiigen Zwillingen. Seither hat sich viel getan – von der Entwicklung leistungsfähiger Immunsuppressiva bis hin zu international koordinierten Spendensystemen. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an Alternativen zur klassischen Organspende. Die Xenotransplantation – also die Transplantation tierischer Organe, vor allem von Schweinen – galt lange als Science-Fiction, ist inzwischen aber in greifbare Nähe gerückt. 2022 sorgte ein Patient weltweit für Schlagzeilen, der ein genetisch verändertes Schweineherz transplantiert bekam. Er überlebte zwar nur wenige Wochen, doch die Erkenntnisse aus dem Fall treiben die Forschung weiter voran. Auch 3D-Drucker spielen eine Rolle: Mithilfe körpereigener Zellen könnten eines Tages ganze Organe nachgedruckt werden. Noch ist das Zukunftsmusik – aber erste Prototypen von Lebergewebe oder Herzklappen gibt es bereits.
Der Tag der Organspende – jedes Jahr stattfindend am ersten Samstag im Juni – soll genau auf diese Themen aufmerksam machen – und aufklären. Veranstaltungen, Aktionen und Erfahrungsberichte von Betroffenen sollen helfen, Berührungsängste abzubauen und zum Nachdenken anzuregen. Denn am Ende ist es eine zutiefst persönliche Entscheidung – die aber Leben retten kann. Und genau darum geht es: Darum, ob wir bereit sind, über den eigenen Tod hinaus etwas weiterzugeben. Etwas, das vielleicht das Wertvollste ist, was man geben kann.