Ein steigender Meeresspiegel und häufigere Unwetter bedrohen viele Küstenregionen. Während die meisten immer höhere Deiche bauen, wagt man im Südwesten Englands etwas radikal Anderes.
Alys Laver gehört zu den wenigen Personen, die sich freuen, wenn sie beim Spazierengehen nass werden. Je mehr Schlamm an ihrer Wanderhose klebt, je tiefer die Gummistiefel im Morast versinken, desto besser. Denn dann hat die Wissenschaftlerin alles richtig gemacht.
Die 44-Jährige leitet eines der ambitioniertesten Renaturierungsprojekte Großbritanniens, das gleichzeitig dem Küstenschutz dient: In den Steart Marshes, einem 500 Fußballfelder großen Gebiet im Südwesten Englands, wurde 2014 absichtlich ein Loch in den Deich gebaggert. Bei Sturmflut drückt der Atlantik über den Fluss Parrett enorme Wassermassen ins Landesinnere. Wiesen, Felder, Wanderwege: Alles wird feucht und matschig, von oben sehen die Wasserläufe wie die Äste eines Baumes aus. Oder wie ein überflutetes Reisfeld.
Ein Loch im Deich? An den meisten Küsten würde eine solche Meldung Panik auslösen. Auch in den dünn besiedelten Steart Marshes waren Einheimische anfangs wenig begeistert, als landeinwärts ein neuer, flacherer Deich das alte Bauwerk ersetzte. „Natürlich klingt das erst mal komisch“, räumt Projektleiterin Laver ein. „Der Klimawandel ist in vollem Gange, der Meeresspiegel steigt, und wir lassen das Wasser hinein.“ Doch genau diese Methode soll helfen, die Küste besser vor Unwettern zu schützen.
Das Wasser fließt langsamer
Die konventionelle Herangehensweise sieht genau andersherum aus: Mit jeder Sturmflut, mit jedem Starkregen investieren gefährdete Gebiete mehr Geld und Material in Dämme, Deiche und Regenrückhaltebecken, ein Wettrüsten gegen die Natur. In England wiederum hat die Regierung 20 Millionen Pfund (23,7 Mio. Euro) lockergemacht, um das Wasser in die Steart Marshes hineinzulassen. Hinter dem alten Deich, wo zuvor Getreide angebaut wurde, liegt nun eine Grasfläche, die regelmäßig überflutet wird. Das Wasser fließt langsamer, als wenn es mit voller Wucht gegen eine Betonwand knallen würde. Es versickert oder sammelt sich in Form von Tümpeln. Schwäne drehen ihre Runden, am Himmel ziehen Kiebitze vorbei. „Die finden hier Würmer, Krabben und kleine Fische“, erklärt Laver.
Die Stiftung Wildfowl and Wetlands Trust (WWT) hat die Obhut über das Projekt. Laut WWT leben aktuell über 500 Pflanzen- und Tierarten in der neu entstandenen Salzmarsch-Landschaft, darunter 23 Schmetterlings- und sieben Hummelarten. Um den Überblick zu behalten, kümmern sich neun Festangestellte und über 70 Ehrenamtliche um die Landschaft. Sie legen Wanderwege an, kontrollieren Wasserläufe und halten Ausschau nach neuen Arten. Beim Rundgang mit Alys Laver sind einige Helfer gerade dabei, einen Elektrozaun zu errichten. „Um den Fuchs fernzuhalten“, sagt die Projektleiterin, denn der mache keinen Unterschied zwischen gefährdeten und nicht gefährdeten Vogelarten. Wie auf Kommando rennt in der Ferne ein Exemplar vorbei. Das Tier verschwindet unter dem alten, noch nicht elektrifizierten Zaun.
Das Beispiel verdeutlicht, wie die Steart Marshes bewirtschaftet werden: Anders als in manchen Nationalparks ist die Natur sich nicht komplett selbst überlassen. „Dazu ist das Gebiet einfach nicht groß genug“, sagt Laver. „Wir müssen eingreifen, um die Biodiversität zu gewährleisten.“ Dazu gehört Unkraut rupfen: „Gerade am Anfang hatten wir viele Probleme. Wenn man einen Boden nass macht, der durch jahrelange Bewirtschaftung viele Nitrate und Phosphate enthält, schießen Ampfern und Ackerdisteln geradezu aus dem Boden.“
Viel CO2 wird gespeichert
Auch Viehhaltung blieb nach der Deichöffnung erlaubt. Wenn die Grasflächen nicht gerade überflutet sind, führen die Landwirte ihre Rinder und Schafe nach draußen. 14 bewohnte Häuser gibt es noch in der Gegend. Die Pacht der Bauern trägt dazu bei, die 210.000 Pfund (ca. 248.000 Euro) aufzubringen, die die Stiftung jährlich für Wartung, Pflege und Personalkosten benötigt.
Geflügelzüchter Andy Darch lebt mit seiner Familie im nördlichen Teil der Halbinsel. Von seinem Haus aus ist das Wasser in der Ferne zu sehen. „Wir hatten immer das Gefühl, dass wir durch den Anstieg des Meeresspiegels irgendwann an unsere Grenzen stoßen“, sagt Darch, der rund 120.000 Hühner hält. Als bekannt wurde, dass der Deich geöffnet wird, zogen einige seiner Nachbarn weg. Er nicht. „Wir waren offen für alles, was uns vor dem Wasser schützt“, sagt Darch. „Aber meine erste Wahl wäre eine neue, höhere Barriere gewesen.“ Politiker wie Ian Liddell-Grainger befeuerten damals die Sorgen: Es handele sich um eine „nationale Schande“ und „komplette Geldverschwendung“, wetterte der ehemalige konservative Parlamentsabgeordnete.
Landwirt Andy Darch hingegen hat sich mit den Umständen arrangiert. Mehr noch, er sieht sie als Chance. Zusätzlich zu seinen Hühnern hat er 50 Rinder angeschafft, die auf den umliegenden Wiesen grasen. „Ich muss genau schauen, wohin ich sie führe“, sagt Darch, „denn Kühe mögen keine nassen Füße. Das kann schnell Krankheiten geben.“ Ansonsten tue die Marschlandschaft den Tieren aber ausgesprochen gut: „Die vielen Pflanzen, die hier wachsen, helfen ihrem Immunsystem. Das Fleisch sieht nicht mehr so rot aus und schmeckt ein bisschen salzig.“ Die Nachfrage nach seinen „Salzkühen“ sei groß; inzwischen verkaufe er das Fleisch an lokale Restaurants und im Internet.
Ganz ohne Kritik kommt aber auch Darch nicht aus. Ihn nervt es, wenn die Besuchermassen in die Steart Marshes stürmen, sobald ein neuer Vogel am Himmel auftaucht. „Die engen Straßen sind dann komplett verstopft, die Leute parken überall und man kommt kaum noch voran“, klagt der Einheimische. Auch die Umsetzung des Großprojekts laufe nicht immer so reibungslos, wie es die Verantwortlichen gerne hätten: „In der Theorie funktioniert alles super. Aber ich war schon mit Planern unterwegs, die die Kanäle inspizierten und plötzlich meinten: ,Ups, das Wasser sollte doch eigentlich in die andere Richtung fließen.‘“ Darch wünscht sich eine bessere Einbindung der Anwohner, gibt sich im Großen und Ganzen aber versöhnlich: „Wir haben alle eine steile Lernkurve hingelegt.“
Auch für die Forschung stellen sich viele Fragen, die sonst nur in der Theorie zu beantworten wären: Wie verändert sich eine zuvor eingehegte Landschaft, sobald sie regelmäßig überflutet wird? Welche Arten siedeln sich in dem neuen Habitat an? Wie kann und muss der Mensch eingreifen, um ihnen das Überleben zu erleichtern? Hannah Mossman, Ökologiedozentin an der Manchester Metropolitan University, untersucht, wie das Feuchtgebiet dem Klimaschutz hilft. „Das CO2 wird gewissermaßen im Matsch gespeichert“, erklärt Mossman, „und das in einer sehr großen Menge.“ Auf den Quadratmeter gerechnet, könne Marschland sogar mehr Emissionen aufnehmen als der tropische Regenwald.
Allein in den ersten sechs Jahren nach der Deichöffnung habe der Boden rund 25.000 Tonnen CO2 gespeichert. „Das ist ungefähr so viel wie der Strom, den 18.000 Haushalte verbrauchen“, erläutert Mossman. In einer Studie ist sie der Frage nachgegangen, inwiefern Aufwand und Ertrag des Großprojekts im Einklang stehen. Das Ergebnis, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Plos One“, klingt ermutigend: Demnach wurde allein in den ersten vier Jahren 50-mal mehr Kohlendioxid gespeichert, als durch die Bauarbeiten ausgestoßen wurde. Oder anders gesagt: Es hat sich gelohnt.
Craig Smeaton, Geograf an der Universität von St. Andrews, mahnt hingegen vor allzu großen Erwartungen. Großbritannien stoße im Jahr rund 58 Millionen Tonnen CO2 aus – wieder vernässte Böden könnten nur einen Bruchteil davon kompensieren, zumal eine solche Landschaftsumgestaltung in nur wenigen Regionen überhaupt machbar sei. Gut findet er das Projekt trotzdem. Aus seiner Sicht sollte man es aber vor allem unter dem Gesichtspunkt des Küstenschutzes betrachten.
Küstenschutz und mehr Tourismus
Nicht zuletzt profitiert der Tourismus. Rund 60.000 Besuche zählt der WWT in den Steart Marshes pro Jahr – Besuche, nicht Besucher. Man wisse ja nicht, wer schon zum wiederholten Mal komme, sagt Projektleiterin Laver und lacht. Bei ihrem Rundgang über das Areal kommen ihr immer wieder Wanderer und Fahrradfahrerinnen entgegen, auch Vogelbeobachter in Flecktarn sind dabei. Schon heute gibt es zahlreiche Aussichtspunkte, an denen Schilder die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten erklären. Umgebaute Schiffscontainer dienen als Schutzhütten, falls mal wieder ein Regenschauer vom Himmel prasselt (was in Südengland oft passiert). In Zukunft sollen mehrere Holzstege entstehen, damit Naturfreunde bei Schmuddelwetter nicht im Matsch versinken.
Beim Blick auf den durchbrochenen Deich macht sich Alys Laver inzwischen keine Sorgen mehr. Selbst der regenreiche Winter von 2023/24 habe nicht zu Überflutungen im Dorf geführt. Nur in die andere Richtung, landeinwärts, guckt sie nicht so gerne. Dort steht das Atomkraftwerk Hinkley Point C, das gerade gebaut wird. Etwas Schlechtes will die diplomatische Projektleiterin dazu nicht sagen. Nur so viel: „Die Steart Marshes gefallen mir besser.“