Das Berliner Rasenturnier ist in diesem Jahr so stark besetzt wie nie zuvor. Nahezu alle Topspielerinnen sind am Start, um sich auf Wimbledon vorzubereiten. Deutschlands Nummer eins darf dank einer Wildcard teilnehmen.
Langeweile? Kennt Andrea Petkovic scheinbar nicht. Auch nach ihrem Karriereende als Tennisspielerin vor zweieinhalb Jahren kann sich die 37-Jährige über fehlende Arbeit nicht beklagen. Sie moderiert weiterhin für das ZDF-Sportstudio, gehört zum Kommentatoren- und Experten-Team von Sky, veröffentlicht ihr zweites Buch („Zeit, sich aus dem Staub zu machen“), hilft als Mentorin jungen Talenten im Deutschen Tennis-Bund und nimmt einen wöchentlichen Podcast mit Tennis-Ikone Boris Becker auf.
Aktuell konzentriert sich Petkovic aber vor allem auf eine neue Rolle, die sie seit ein paar Monaten bekleidet: „Director of Excitement“ beim Rasenturnier in Berlin vom 14. bis 22. Juni. Wörtlich übersetzt würde der neu geschaffene Posten in etwa „Direktorin für Begeisterung“ bedeuten – zu verstehen ist darunter eine Art Botschafterinnenrolle. Oder wie Petkovic es beschreibt: „Was die neue Generation Z sagen würde: Ich bringe die Vibes, ich bringe die Energie.“
Wenn jemand für diese Rolle im deutschen Frauentennis prädestiniert ist, dann Andrea Petkovic. „Excitement ist ihr zweiter Vorname“, titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Und auch „Petko“ selbst sagte scherzhaft: „Dieser Titel steht quasi in meinem Pass.“ Die frühere Top-Ten-Spielerin kann mit ihrem Charme und ihrer eloquenten Art in Gesprächen begeistern – wovon das WTA-Turnier der 500er-Kategorie profitieren soll.
Petkovic soll für Begeisterung sorgen
„Andrea hat schon als Aktive alle mitgerissen, nun soll sie ihre Begeisterung in andere Bereiche tragen“, sagte Turnierveranstalter Markus Günthardt. Aber was genau hat Petkovic in den vergangenen Wochen und Monaten gemacht? Sie hat bei öffentlichen Auftritten reichlich Werbung für die Veranstaltung betrieben, wichtige Sponsoren hofiert, mit den Medien gesprochen – und das alles mit großer Hingabe. „Ich bringe die Energie“, sagte sie. „Jeder kennt meine Leidenschaft für Tennis, und Berlin ist meine absolute Lieblingsstadt in Deutschland.“
Bei den Topspielerinnen musste Petkovic aber keine Überzeugungsarbeit leisten. Das Turnier an der Hundekehle ist auch so für die Weltelite in diesem Jahr ein Muss. Der Grund? Der Rasenklassiker Wimbledon beginnt eine Woche nach dem Finale im Steffi-Graf-Stadion. Deshalb schlagen fast alle Topstars in Berlin als Vorbereitung auf das dritte und wohl prestigeträchtigste Grand-Slam-Turnier des Jahres auf.
Gemeldet waren neun Top-Ten-Spielerinnen, von den besten 18 der Weltrangliste wollen 17 in Berlin-Grunewald an den Start gehen. Die Gemeldeten vereinen insgesamt sieben Grand-Slam-Turniersiege auf sich – das Feld ist diesmal also noch besser besetzt als zuvor. „Wir hatten immer ein gutes Feld in Berlin, aber dieses Jahr ist es noch mal durch die Decke geschossen“, sagte Petkovic und fügte an: „Es scheint, dass alle nach Berlin wollen …“
Die aktuelle Nummer eins im Frauentennis, die Belarussin Aryna Sabalenka, ist natürlich auch am Start. „Ich freue mich sehr darauf, dieses Jahr in Berlin zu spielen. Und ich hoffe wirklich auf eine tolle Rasensaison“, sagte die 27-Jährige. Siegchancen rechnet sich auch die US-Amerikanerin Coco Gauff aus, die im Vorjahr die WTA-Finals gewann und sich damit als inoffizielle Weltmeisterin fühlen darf. „Ich bin total begeistert, dass ich im Juni nach Berlin zurückkommen und meine Rasensaison bei einem so tollen Event beginnen kann“, sagte die Weltranglistenzweite.
Angesichts der starken Konkurrenz sind die Wildcards bei einem solchen Turnier besonders begehrt. Eine konnte die Japanerin Naomi Osaka ergattern, die als viermalige Grand-Slam-Turniersiegerin noch immer einen großen Namen im Frauentennis genießt. Auch sie ist heiß auf das Event: „Kurz vor Wimbledon gegen ein solches Weltklassefeld anzutreten, ist eine große Chance, und ich kann es kaum erwarten, in Berlin wieder für Furore zu sorgen.“
Weitere Wildcards gingen an die frühere US-Open-Gewinnerin Emma Raducanu aus Großbritannien – und an Deutschlands Nummer eins bei den Frauen: Eva Lys. Die Weltranglisten-60. hätte sich sportlich ansonsten nicht für das topbesetzte Turnier qualifizieren können. Doch es ist natürlich stark im Interesse des Veranstalters, die Überraschungs-Achtelfinalistin der Australian Open im Teilnehmerinnenfeld begrüßen zu dürfen. Das erhöht die Aufmerksamkeit bei den Fans und auch bei den Medien.
„Ich mag sie sehr gerne, weil sie ihr Herz auf dem Platz lässt“, sagte der neue Turnierdirektor Markus Zoecke, der die Nachfolge von Barbara Ritter angetreten hat. Und auch Petkovic schwärmt von Lys als „richtige Rampensau“.
Lys hatte Anfang des Jahres für Furore gesorgt, als sie bei den Australian Open als erste weibliche Lucky Loser das Achtelfinale erreicht hatte und dort erst am polnischen Tennisstar Iga Swiatek gescheitert war. Der Lohn für „Lucky“ Lys war nicht nur eine Prämie in Höhe von einer Viertelmillion US-Dollar, sondern auch der Sprung unter die Top 100. Mittlerweile ist die Hamburgerin auf dem besten Weg, in die Top 50 der Weltrangliste zu stürmen. Doch auch damit will sich die ehrgeizige Lys nicht zufriedengeben: „In den nächsten Jahren sehe ich mich schon in den Top 30.“
Dass sie das Potenzial dazu hat, zeigte sie beim überzeugenden Erstrundensieg bei den French Open in Paris gegen Peyton Stearns aus den USA. Dass aber auch noch ein weiter Weg vor ihr liegt, bewies das verdiente Zweitrunden-Aus gegen die erst 18-jährige Kanadierin Victoria Mboko. Auf Rasen hat Lys noch keine größeren Erfolge gefeiert, im Vorjahr war in Wimbledon in der ersten Runde Endstation. Aber damals war schon die erfolgreiche Qualifikation mit drei Siegen in drei Matches ein Erfolg gewesen – diesmal ist die Deutsche automatisch für das Hauptfeld gesetzt und rechnet sich etwas mehr aus.
„Die Gäste erwarten ein Erlebnis“
Das Preisgeld in Berlin hat sich dem Starterinnenfeld angepasst: Zu gewinnen gibt es insgesamt 1,1 Millionen US-Dollar – so viel wie nie zuvor. Nachdem es in den Vorjahren immer wieder Spekulationen über die Zukunft des Turniers auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß gegeben hatte – auch begleitet von Finanzstreitereien mit dem Berliner Senat –, haben die Verantwortlichen jetzt Planungssicherheit. Zumindest bis 2029. Das sicherten der neue Veranstalter Perfect Match und AK Management zu.
„Es ist ein Signal an den Tennissport, die Veranstaltung hier zu verankern“, sagte Turnierdirektor Zoecke. Es wurde Geld in die Hand genommen und Modernisierungsprojekte angeschoben, zudem will sich das Turnier dem Publikum noch mehr öffnen. Dazu beitragen soll auch, dass die Spielfelder eins und zwei während des Turniers geöffnet werden. Die Zuschauer müssen kein Geld zahlen, um Matches dort zu sehen. „So können auch die Eltern ohne dickes Portemonnaie mit ihren Kindern Tennis vom Feinsten schauen“, sagte Zoecke. Als gebürtiger Berliner und Ex-Profi weiß er: „Wir müssen viel mehr bieten als nur Tennis. Die Gäste erwarten ein Erlebnis.“
Dass die Voraussetzungen dafür in diesem Jahr absolut gegeben sind, davon gehen die anderen Verantwortlichen fest aus. „Das Interesse geht weiter über die Grenzen Berlins hinaus“, sagte Zoecke. „Wir gehen fest vom Erfolg aus.“ Gute Vibes durch Petkovic sind in jedem Fall garantiert.