Die deutschen Basketballerinnen müssen bei der Heim-EM auf ihre beste Spielerin Satou Sabally verzichten. Auch der Ausfall der Kapitänin Marie Gülich schmerzt. Der jüngste Aufschwung des Teams soll aber nicht gestoppt werden.
Innerhalb von zwei Monaten kassierten die deutschen Basketballerinnen für ihre EM-Mission zwei empfindliche Rückschläge. Da war zum einen Anfang März die Auslosung für die Gruppenphase der Europameisterschaft, die vor heimischen Fans in Hamburg ausgetragen wird. Schweden, Großbritannien und Spanien sind starke Gruppengegner, die ein Weiterkommen alles andere als selbstverständlich machen. Ingo Weiss, Präsident des Deutschen Basketball-Bundes (DBB), sprach von einer „sehr interessanten Gruppe“ mit „hoffentlich spektakulären Spielen“. Aber auch spektakulären Siegen für das Team von Bundestrainerin Lisa Thomaidis? „Ich bin mir sicher, dass Lisa Thomaidis und ihr Team den Herausforderungen gewachsen sind und den tollen Aufschwung der letzten Jahre fortsetzen werden“, meinte Weiss. Die Chancen dazu sind im Mai aber noch einmal ein wenig gesunken, denn Thomaidis erreichte eine nicht unerwartete, aber dennoch schmerzhafte Absage: Starspielerin Satou Sabally gab ihren freiwilligen Verzicht für die Heim-Titelkämpfe bekannt.
Die 27-Jährige will sich mit ihrem neuen Club Phoenix Mercury voll und ganz auf die anstehende Saison in der nordamerikanischen Profiliga WNBA konzentrieren – die EM wäre dafür ein gewisses Risiko. Denn die WNBA legt für die Europameisterschaft keine Pause ein. Sabally war erst im Frühjahr von den Dallas Wings nach Phoenix gewechselt. „Wir haben einige Gespräche mit Satou geführt und hätten sie natürlich sehr gerne im Team gehabt. Letztlich respektieren wir ihre Argumente und ihre Entscheidung“, sagte DBB-Vizepräsident Armin Andres.
Sabally war am jüngsten Aufschwung der deutschen Basketballerinnen erheblich beteiligt. Beim erfolgreichen Olympia-Qualifikationsturnier in Brasilien war sie es, die auch in den entscheidenden Momenten die Übersicht und Nerven behielt – und das Team schließlich nach Paris führte. Bei der ersten Olympia-Teilnahme einer deutschen Frauen-Basketballnationalmannschaft war der siebte Platz ebenfalls ein Erfolg. Die Entscheidung, die EM auszulassen, dürfte ihr sehr schwergefallen sein. „Mir ist auf jeden Fall bewusst, dass ich eine Vorzeigeperson im deutschen Basketball bin“, sagte Sabally einmal. Deswegen gehen Insider fest davon aus, dass die Flügelspielerin spätestens zur Heim-WM im September 2026 in ihrer Heimatstadt Berlin wieder in den Kreis der Nationalmannschaft zurückkehrt. „Das ist wirklich ein Traum. Dass ich eine WM spielen werde in meiner Heimatstadt, dort, wo alles begonnen hat – da schließt sich ein Kreis“, sagte Sabally.
Doch zunächst steht die EM von 18. bis 29. Juni an – und die will die DBB-Auswahl auch ohne ihre beste Spielerin bestmöglich bestreiten. „Unser Ziel ist eine Medaille, das wäre ein großer Schritt für uns“, sagte Bundestrainerin Thomaidis der Deutschen Presse-Agentur. Dass das kein bloßes Wunschdenken ist, zeigte der sechste Platz bei der EM 2023, bei der Satou Sabally ebenfalls gefehlt hatte. „2023 wollten wir nur zeigen, dass wir zu Recht im Turnier stehen. Kein anderes Team hat sich seither so sehr verbessert wie wir“, betonte Thomaidis.
In der Breite gut aufgestellt
Jetzt ist immerhin Saballys Schwester Nyara dabei. Sie reist gemeinsam mit Leonie Fiebich erst kurz vor Turnierstart nach Hamburg an. Sie kommen mit reichlich Selbstvertrauen – schließlich kürten sie sich mit den New York Liberty kürzlich zu WNBA-Champions. Aus der besten Frauen-Basketballliga der Welt ist auch Luisa Geiselsöder von den Dallas Wings bei der EM dabei. „Vier deutsche Spielerinnen in der WNBA zu haben, ist unglaublich“, sagte Bundestrainerin Thomaidis, die dem sportlichen Verlust von Satou Sabally daher auch nicht lange nachtrauern will. Auch DBB-Vizepräsident Andres geht davon aus, dass Deutschland mit einer „ganz starken Mannschaft in die EM“ geht. Die Zeiten, in denen die Qualitätsunterschiede im Team zwischen einzelnen Spielerinnen unübersehbar waren, sind vorbei.
Auch in der Breite ist der Kader gut aufgestellt, sodass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Das macht das Team unausrechenbarer – auch wenn natürlich die individuellen Qualitäten von Sabally, Fiebich und Geiselsöder immer noch gefragt sind. Dass das Trio allerdings erst kurz vor EM-Auftakt zu den Teamkolleginnen stößt, die dann schon mehrere Wochen Vorbereitung hinter sich und Automatismen verinnerlicht haben, macht es für die Bundestrainerin „richtig, richtig hart“, wie sie selbst sagt: „Uns fehlen drei enorm wichtige Puzzleteile bis kurz vor dem Turnier.“ Es sei „eine der Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, wenn unsere Spielerinnen weiterhin auf der internationalen Bühne glänzen wollen“.
Das ist für die am 18. Juni beginnende EM auf jeden Fall geplant. Schließlich kann sich das Team in der Vorrunde vor heimischem Publikum präsentieren und in Deutschland die Basketball-Euphorie weiter entfachen. Die Heimspiele in der Gruppe D gegen Schweden (19. Juni), Spanien (20. Juni) und Großbritannien (22. Juni) in Hamburg sind bereits ausverkauft – und damit auch schon ein wichtiger Stimmungstest für die Weltmeisterschaft in einem Jahr in Deutschland. „Die Vorfreude auf die Spiele in Hamburg ist riesengroß“, sagte DBB-Boss Weiss. Deutschlands Co-Gastgeber sind Tschechien, Griechenland und Italien. Die Finalrunde wird in der griechischen Hafenstadt Piräus ausgetragen.
Sportlich ist schon die Vorrunde für das deutsche Team herausfordernd. Nur die beiden besten Nationen jeder Gruppe qualifizieren sich direkt für das Viertelfinale. Spanien ist als viermaliger Europameister ein ganz schwerer Brocken – bei der vergangenen EM scheiterte die DBB-Auswahl im Viertelfinale am späteren Finalisten.
Das erste Testspiel der Vorbereitung gab nur bedingt Anlass zum Optimismus: Die ersatzgeschwächt angetretene Auswahl kassierte in Bamberg gegen Tschechien eine verdiente 70:86 (34:45)-Niederlage. Allerdings war Tschechien auch mit seinem nahezu kompletten EM-Kader angetreten. In Abwesenheit der drei US-Legionärinnen Nyara Sabally, Leonie Fiebich und Luisa Geiselsöder war Frieda Bühner mit 19 Punkten und sieben Rebounds die auffälligste deutsche Akteurin.
Doch auch sie konnte den kleinen Fehlstart in die Vorbereitungsphase vor rund 2.500 Zuschauern nicht verhindern. Die Chancenauswertung war teils stark verbesserungswürdig, von der Dreierlinie verzeichnete das Team eine Quote von lediglich 17 Prozent. „Auch wenn sie Fehler machen – aus solchen Spielen können sie so viel lernen“, sagte Thomaidis. Die Kanadierin wollte das Ergebnis und auch die Schwächephasen im Spiel daher nicht zu hoch hängen. Denn: Die Richtung stimmt. „Es gibt wirklich sehr viel, auf dem der deutsche Basketball in den kommenden Jahren aufbauen kann. Wir werden als Team sicher durch jedes Spiel besser. Außerdem wird das Team bei der EM ein anderes Gesicht haben.“
Viel besorgniserregender als das Ergebnis war ohnehin die Verletzung von Startspielerin Marie Gülich. Die 31-Jährige musste kurz vor dem Ende des ersten Viertels wegen Kniebeschwerden auf die Bank. Aufgrund der Schmerzen und des Bewegungsmusters hatten die Ärzte sofort schlimmste Befürchtungen, die sich in den anschließenden Untersuchungen bestätigten: Die Centerin hat sich das vordere Kreuzband gerissen und fällt für die EM aus. „Wir wünschen unserer Kapitänin viel Kraft auf dem Weg zum Comeback und eine schnelle Genesung“, schrieb der DBB in seiner knappen Mitteilung.
Gülich zählt seit Jahren zu den besten deutschen Basketballerinnen, die an der aktuellen Erfolgsgeschichte ihren Anteil hat. Aufgrund ihrer Größe von 1,95 Metern gab sie dem Nationalteam vor allem unter dem Korb eine Präsenz, die nun bei der EM fehlen wird. Auch als Persönlichkeit war die gebürtige Altenkirchenerin aufgrund ihrer immensen Erfahrung eine Säule im Team. Die Kapitänin spielte schon in den USA, in Polen, Italien und Spanien und steht aktuell in Taiwan unter Vertrag. Das Abenteuer in Fernost hat sich für sie schon jetzt gelohnt, weil es sie vor allem im Leben weiterbrachte. „Taiwan war die mutigste und wichtigste Entscheidung, die ich für mich treffen konnte. Definitiv der richtige Schritt“, sagte sie. Nicht nur als Punktesammlerin und Führungsspielerin ist sie bei ihrem Club Taiyuen Textile gefragt, sondern auch als Kabinen-DJane. „Ich habe Nina Chuba hier in Taiwan berühmt gemacht“, sagte Gülich: „Ich mache das auch ganz oft im Nationalteam, dass ich einfach Musik spiele.“
Als Musik-Verantwortliche ist die Centerin bei der EM deutlich leichter zu ersetzen als als Spielerin. Bundestrainerin Thomaidis muss dafür eine Lösung finden – und auch den Integrationsprozess managen. „Alle auf den gleichen Stand bringen“ – so lautete daher auch das Motto der Vorbereitung.
Denn innerhalb des Teams sind einige unerfahrene Talente, die die Spielidee und Abläufe erst noch verinnerlichen müssen. Auch die Chemie mit den etablierten Spielerinnen muss stimmen. „Es gibt immer eine Eingewöhnungsphase, wenn Spielerinnen aus einem anderen Umfeld zu uns kommen“, erklärte die Kanadierin. Dass sie – genau wie vor der EM 2023 – einen längeren Zeitraum zur Vorbereitung bekam, sei ein Vorteil.
Eine Woche nach der Niederlage gegen Tschechien stand ein Länderspiel in Heidelberg gegen die Türkei auf dem Plan. Kurz vor dem EM-Start sind dann noch zwei Testspiele gegen Belgien (12. und 14. Juni) geplant – dann wird es in Hamburg ernst. „Wir wollen ein Team und ein Produkt aufs Parkett bringen, auf das die deutschen Basketballfans stolz sein können“, sagte Thomaidis und fügte hinzu: „Es ist eine große Ehre, bei der Frauen-EM zu Hause zu spielen – und wir wollen sie mit Stolz und Leidenschaft vertreten.“