Sechs Tage nach dem Gewinn der Meisterschaft wartet auf die Füchse das nächste Highlight: das Final Four der Champions League – das Treffen der Topteams des europäischen Handballs. Die Berliner sind nach 2012 zum zweiten Mal dabei.
Der Termin steht seit Wochen fest: 14. Juni, 15 Uhr, Lanxess-Arena Köln. Im Halbfinale treffen die Füchse auf das französische Spitzenteam HBC Nantes.
Ein Duell auf Augenhöhe ist zu erwarten. Zum fünften Mal stehen sich beide Teams innerhalb kurzer Zeit in einem internationalen Wettbewerb gegenüber. Im April vor drei Jahren verloren die Berliner im Achtelfinale der European League noch beide Spiele gegen die Franzosen. Im vorigen Jahr siegten sie im Viertelfinale desselben Wettbewerbs nach einem 33:33 in eigener Halle in der Hauptstadt der Region Loire-Atlantique mit 37:30 und qualifizierten sich für das Endrunden-Turnier.
Diesmal ist der Anreiz noch größer. Denn der Sieger zieht ins Finale der Königsklasse ein. Für die Berliner wäre das eine Premiere, der Zweite der französischen Liga hatte es 2018 schon einmal unter die besten Vier geschafft.
Berliner Lust auf Titel
Das Team aus der Bretagne habe genügend Qualität, es erneut zu erreichen, erklärte Trainer Jaron Siewert gleich nach der Auslosung Anfang Mai: „Das ist eine bärenstarke Mannschaft. Wir werden alles daransetzen, die Möglichkeit, die wir uns jetzt erarbeitet haben, weiter am Leben zu halten. An einem Final-Four-Wochenende kann alles passieren.“
Im aktuellen Wettbewerb beendete Nantes die Gruppenspiele auf Rang drei und warf danach in der Qualifikationsrunde den polnischen Meister Wisla Plock aus dem Wettbewerb. Im Viertelfinale setzte sich das Team von Trainer Grégory Cojean gegen Sporting Lissabon durch. Mit 540 Toren in den bisherigen 18 Partien haben die Franzosen nach den Füchsen die meisten Tore erzielt. Erfolgreichster Werfer ist Spielmacher Aymeric Minne mit 84 Toren. Neben ihm gehörten auch der 2,05 Meter große Thibaud Briet im linken Rückraum, sein Pendant auf der rechten Seite, Julien Bos, sowie Kreisläufer Nicolas Tournat zum Kader der Équipe Tricolore bei der WM 2025.
Neben der Ausbildung von Talenten hat sich der Verein in den vergangenen Jahren auch international zu einer Topadresse entwickelt. Davon zeugen nicht zuletzt die Nationalspieler aus sieben Ländern, die im aktuellen Team stehen. Torwart-Routinier Ivan Pešić zum Beispiel gewann im Januar mit Kroatien WM-Silber. Besonders im Blickpunkt steht immer der 40-jährige Spanier Valero Rivera, Sohn der Trainerlegende gleichen Namens: „Es ist ein Traum für uns, im Final Four zu spielen. Ich denke, wir sind ein gutes Team – eine Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern.“ Der Linksaußen selbst ist mit 80 Toren zweitbester Torschütze seiner Mannschaft und darüber hinaus ein sicherer Siebenmeter-Werfer.
Mühselige Rückkehr
Seit 2011 spielen die Füchse regelmäßig international – meist im zweiten Wettbewerb der Europäischen Handballföderation (EHF), der European League. Die gewannen sie dreimal (2015, 2018, 2023) und wurden nach Finalniederlagen ebenso dreimal Zweiter. Hinzu kommt der zweimalige Gewinn der Vereinsweltmeisterschaft. Trotzdem ist die Champions League etwas Besonderes, weil – so Trainer Jaron Siewert – „die Gegner hier durchweg eine höhere Qualität verkörpern“. Dabei war die Rückkehr in die Königsklasse nach elf Jahren zunächst etwas mühselig. Nach einem 31:32 zum Auftakt im September des vergangenen Jahres gegen das ungarische Spitzenteam KC Veszprém folgten im Oktober Niederlagen gegen den elffachen französischen Champion Paris Saint-Germain sowie gegen die Meister aus Portugal und Rumänien, Sporting Lissabon und Dinamo Bukarest.
Nach den ersten sieben Partien, zur Hälfte der Gruppenspiele, stand nur Rang fünf zu Buche. Davon ließen sich die Berliner jedoch eher anstacheln als entmutigen. Noch im alten Jahr leiteten sie die Wende ein – mit Rückspielsiegen gegen das Trio aus Rumänien, Portugal und Frankreich, wobei der 37:34-Auswärtserfolg in Paris ein besonderes Ausrufezeichen darstellte.
2025 starteten die Füchse dann voll durch. Sie kassierten nur noch eine Niederlage und beendeten die Gruppe auf Rang drei. Besonders eindrucksvoll waren im März und April die Auftritte in der Viertelfinal-Qualifikation und im Viertelfinale selbst. Gegen Spitzenteams wie KS Kielce aus Polen und Aalborg Håndbold gewannen die Berliner sowohl die Heim- als auch die Auswärtsspiele.
Das Erreichen der Finalrunde wurde zudem mit bemerkenswerten Zahlen untermauert: Mit 616 Toren erzielten die Füchse nicht nur die meisten aller 16 Teams, sondern lagen mit einer Effektivität von 73,2 Prozent auch vor den drei anderen Final-Four-Startern. In der Torjägerliste stehen mit Mathias Gidsel und Lasse Andersson zwei Berliner auf den Plätzen zwei und drei.
Berliner Team ist eine Einheit
Es waren jedoch keineswegs nur die dänischen Weltmeister, die das Spiel der Füchse prägten. Abwehrchef Max Darj und Routinier Fabian Wiede spielen eine starke Saison. Auch die ehemaligen Junioren-Weltmeister Nils Lichtlein, Tim Freihöfer, Matthes Langhoff und Torhüter Lasse Ludwig sind mittlerweile feste Größen im Team. Bei allen zeigte die Leistungskurve deutlich nach oben – trotz der Doppelbelastung mit Champions League und Meisterschaft, in der die Füchse in diesem Kalenderjahr sogar ungeschlagen blieben.
„Wir können uns mittlerweile auf ein gewisses Niveau verlassen“, erklärt Jaron Siewert. „Wir stehen jetzt in der Abwehr besser, ohne den Angriff zu vernachlässigen. Alle Rädchen greifen ineinander. Das ist das Ergebnis aller Anstrengungen in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren.“ Die sportliche Weiterentwicklung wäre jedoch nicht nachhaltig, wenn es nicht auch atmosphärisch im Team stimmen würde.
„Wir machen als Mannschaft auch außerhalb des Trainings viel zusammen, treffen uns auch mal zu Spieleabenden“, erwähnt Tim Freihöfer einen wichtigen Faktor. Im zweiten Halbfinale treffen die Sieger der vergangenen beiden Jahre aufeinander: Titelverteidiger FC Barcelona und der SC Magdeburg. Auch in diesem Duell gibt es keinen klaren Favoriten. In Sachen Kontinuität und Erfolg jedoch überragt das katalanische Spitzenteam alle anderen bei Weitem.
Verletzungspech beim SCM
Bereits elfmal hat Barcelona die wertvollste Trophäe des europäischen Handballs gewonnen. Zum siebten Mal in Folge haben sich die Blau-Roten nun für das Final Four qualifiziert. Auch im aktuellen Wettbewerb zeigte sich Barça souverän und kassierte nur drei Niederlagen – eine davon während der Gruppenphase beim SC Magdeburg. Für das seit 2021 von Carlos Ortega trainierte Team, das seinen vierten Triumph in den vergangenen fünf Jahren feiern möchte, stellt die Endrunde in Köln eine Zäsur dar. Das Starensemble um die französischen Olympiasieger Dika Mem und Melvyn Richardson, den portugiesischen Nationalspieler Luís Frade und den dänischen Weltmeister Emil Nielsen im Tor, um nur einige zu nennen, wird wohl letztmalig in dieser Besetzung auftreten. Sieben Spieler werden den Verein im Sommer verlassen, darunter Linksaußen Aitor Ariño, der zu den Füchsen nach Berlin wechselt.
Zum dritten Mal in Folge steht der SC Magdeburg unter den vier besten Clubmannschaften Europas – nach einer Saison, in der das Verletzungspech ständiger Begleiter war.
Bereits zum Saisonstart musste Trainer Bennet Wiegert auf vier Stammkräfte verzichten, die mehr oder minder schwer verletzt von den Olympischen Spielen zurückkehrten. Auch danach hatte der Verein nie den kompletten Kader zur Verfügung. Immer wieder mussten sich Spieler verletzungsbedingt, teils langwierig, abmelden – unter ihnen Spielmacher „Gisli“ Kristjánsson. Gerade jetzt im Endspurt der Saison fällt der Isländer erneut aus.
Umso erstaunlicher ist die Resilienz der Magdeburger, die am Ende die Titelverteidigung in der Bundesliga nur knapp verpassten. Vielleicht haben sie nach dem Final Four am Wochenende doch noch Grund zum Jubeln. Zuzutrauen wäre es ihnen. „Wir werden gut vorbereitet sein“, kündigte Trainer Wiegert an.