Donald Trump hat das Polit-Mobbing im Weißen Haus zur Perfektion entwickelt
Lange Zeit galt für die USA der Satz des britischen Kriegspremiers Winston Churchill: „Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben.“ Damit bezog sich Churchill auf das Verhalten der Vereinigten Staaten gegenüber Nazi-Deutschland. Die Briten wünschten sich einen frühen US-Kriegseintritt. Weil die amerikanische Öffentlichkeit isolationistisch eingestellt war, half Präsident Franklin D. Roosevelt zunächst nur mit versteckten Rüstungslieferungen. Aber am Schluss beteiligten sich die USA doch am Krieg und befreiten Europa.
Ein derartiges Szenario ist unter Präsident Donald Trump kaum denkbar. Amerikas tatkräftige Unterstützung der um ihre Existenz ringenden Ukraine ist in seiner Amtszeit so gut wie ausgeschlossen. Trump ist nicht nur dabei, die von Roosevelt und seinen Nachfolgern aufgebaute Weltordnung, das westliche Werte-Fundament und die Bündnisse, die die USA groß gemacht haben, zu zerstören. Der Präsident tut alles, um den Rechtsstaat im eigenen Land auszuhebeln und die Gewaltenteilung zu zertrümmern. Der Einsatz von der US-Armee unterstellten Nationalgardisten und Marineinfanteristen gegen Demonstranten in Los Angeles zeigt: Trump will Chaos und Gewalt erzeugen, die er dann zu bekämpfen vorgibt.
Trump verfügt über kein Konzept für Amerika und die Welt. Er hat keine Werte. Der Präsident regiert mit drei Herrschaftsprinzipien. Erstens: Er fordert absolute Unterwerfung und droht andernfalls mit Vernichtung. Zweitens: Er macht prahlerische Versprechungen, die bei naiven Gemütern Hoffnungen wecken, aber nicht einzuhalten sind. Die Ankündigung, den Ukraine-Krieg binnen 24 Stunden beilegen zu können, gehört zu den spektakulären Zusagen, die im Nichts verzichten. Auf das Fiasko angesprochen, schiebt Trump schulterzuckend hinterher, er sei „ein wenig sarkastisch“ gewesen. Drittens, und vielleicht Trumps wichtigstes Herrschaftsprinzip: Er genießt es, unliebsame Zeitgenossen auf offener Bühne vorzuführen und abzustrafen. Er hat das Polit-Mobbing durch gezielte Wut-Tsunamis in den sozialen Medien oder Abkanzel-Shows im Weißen Haus zur Perfektion entwickelt. Heruntermachen, einschüchtern, Gefügigkeit erzwingen sind seine machiavellistischen Zauberwörter.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj musste dies erfahren, als er von Trump und dessen Vize JD Vance Ende Februar im Oval Office in den Senkel gestellt wurde. Selenskyj hatte um amerikanische Sicherheitsgarantien gebeten und wurde vor den Kameras der Weltpresse gedemütigt. Auch der südafrikanische Staatschef Cyril Ramaphosa wurde im Mai an gleicher Stelle in den Schwitzkasten genommen: Trumps durch ein zweifelhaftes Video unterlegter Vorwurf, in Südafrika würden systematisch weiße Farmer ermordet, wurde von Experten als unwahr zurückgewiesen. Kanzler Friedrich Merz konnte hingegen bei seinem kürzlichen Besuch im Weißen Haus eine derartige Abwatsch-Aktion vermeiden. Möglicherweise lag es an Merz’ souveräner Zurückhaltung gegenüber dem egomanischen Dauerredner Trump. Vielleicht war der Präsident an dem Tag aber einfach nur milde gestimmt. Die Auftritte mit Staats- und Regierungschefs im Weißen Haus inszeniert Trump mittlerweile wie Reality-TV-Shows.
Trump der Präsident agiert nach dem gleichen Muster wie Trump der Fernseh-Entertainer. In der Reality-TV-Show „The Apprentice“ („Der Auszubildende“) ließ Trump von 2004 bis 2015 in Job-Interviews Kandidaten antanzen, die er mit einem lukrativen Einjahresvertrag in seinem Unternehmen lockte. Verlierer schickte er mit dem Satz „You are fired“ („Du bist gefeuert“) nach Hause. Herr über das Schicksal anderer zu sein, das ist Trumps Lieblingsrolle. Diesen Dominanz-Reflex lebt er heute im Oval Office aus.
Das amerikanische Publikum bekommt so sein tägliches Drama. Für den Show-Wahn und die politische Konzeptlosigkeit seines Präsidenten wird das Land einen sehr hohen Preis bezahlen. Die Gegner der USA können ihr Glück kaum fassen. China, Russland, Nordkorea, der Iran und viele andere setzen auf den Niedergang der Vereinigten Staaten und das Ende des Westens. Der amerikanische Präsident sei ein „schwacher ‚starker Mann‘“, bilanziert der US-Historiker Timothy Snyder. „Trump ist ein Schaf im Wolfspelz, und Wölfe erkennen den Unterschied.“