Seit Jahren ist klar: Deutschland allein kann die Energiewende nicht schaffen. Zum Beispiel bei der Photovoltaik oder der Wasserstoffproduktion wird der Globale Süden eine zentrale Rolle spielen. Doch bislang ist bei der Kontaktaufnahme mit diesen Ländern noch viel Luft nach oben.
Spätestens seit dem Winter-Bundestagswahlkampf gibt es in Deutschland eine neue Faustformel für den Umstand, dass Deutschland grundlegend umdenken muss: „Die Welt wartet nicht auf uns.“ Würde es für solch eine Polit-Formulierung einen Urheberrechtschutz geben, dann könnte Annegret Kramp-Karrenbauer diesen zumindest mitbeanspruchen.
Nach ihrer Ernennung zur Vorsitzenden der Kommission „Welt im Umbruch – Deutschland und der Globale Süden“ vor einem Jahr formulierte sie damals im FORUM-Interview: „Der Globale Süden wartet nicht auf uns, wir müssen uns um eine gleichberechtigte Zusammenarbeit bemühen.“
Die ehemalige CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin räumt heute ein, dass selbst sie im Rahmen dieser neuen Funktion als Kommissionsvorsitzende sich ab und zu dabei ertappte, doch noch den alten Schemata verhaftet zu sein. Jahrzehntelang wurden die Länder des Globalen Südens als die Dritte Welt bezeichnet. „Nun sind die politischen Entwicklungen an mir absolut nicht vorbeigegangen. Ganz im Gegenteil, als Verteidigungsministerin sind ja auch Staaten des Globalen Südens wie Mali unsere Verbündeten bei Auslands-Mandaten, doch ab und zu hatte ich dann doch im Hinterkopf, da müssen wir helfen.“ Genau das wollen viele Länder nicht. Gerade die Länder des afrikanischen Kontinents verstehen sich selbst längst nicht mehr als Bittsteller, wie es immer noch häufig aus deutscher Sicht gesehen wird, sie wollen gleichberechtigte Handelspartner sein.
„Zeiten von oben und unten vorbei“
Die Mitglieder der Kommission zum Umgang mit dem Globalen Süden haben ein Jahr lang mit gesellschaftlichen Vertretern aus Afrika, Lateinamerika und Asien intensive Gespräche geführt. Wobei die Kommissionsmitglieder vor allem Fragen gestellt und dann viel zugehört haben. Erkenntnis für Kommissionschefin Kramp-Karrenbauer: „Wir müssen die Länder des Globalen Südens zuallererst akzeptieren, so unterschiedlich wie sie sind, von Indonesien bis zum Sudan. Wir müssen mit ihnen als faire Partner auf Augenhöhe reden, denn diese Länder haben eigene Interessen und vieles zu bieten. Wir kommen auch nicht mit leeren Händen, und daraus müssen wir einen Ausgleich erarbeiten.“
Auch beim Klimaschutz und dem Erreichen der europäischen Klimaziele seien wir auf die Länder des Globalen Südens angewiesen, sagt Walter Lindner. Er ist Praktiker im Umgang mit den Ländern des Globalen Südens. 30 Jahre diplomatischer Dienst, zuletzt drei Jahre Deutscher Botschafter in Indien. „Wir müssen realisieren, die Zeiten von ‚wir hier oben und ihr da unten‘ und ‚Wir helfen euch‘ sind schon lange vorbei. Nur hier in Deutschland wollen das viele einfach nicht wahrhaben.“ Allein die Zahlen, warnt Lindner, dokumentieren dies eindringlich: „Die da unten, in Anführungszeichen gesprochen, stellen 80 Prozent, wir hier oben 20 Prozent der Bevölkerung. Die Wirtschaftsleistung der G7-Staaten macht 30 Prozent, die der BRICS-Staaten mittlerweile 35 Prozent der Welt-Handelsbilanz aus“, so Lindner. Gründungsmitglieder des 2009 gegründeten Wirtschaftsverbunds sind Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, daher der Name BRICS. Mittlerweile hat dieser Wirtschaftsverbund 14 Partnerstaaten aufgenommen, bis auf Russland und China werden aus europäischer Sicht fast alle anderen Länder dem Globalen Süden zugerechnet. Darunter auch Staaten, die Europa und damit Deutschland gut als Rohstoff-Partner oder Produzenten im Bereich erneuerbare Energien für die Klimaziele gebrauchen könnte.