Er hat den Ruf, ein wenig wie ein großes Kind zu sein. Dieses Image soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Woody Harrelson ein versierter Schauspieler ist, der in Blockbustern wie in Independent-Filmen überzeugt.
Der amerikanische Schauspieler Woody Harrelson ist seit über 40 Jahren eine Konstante im Filmbusiness. Sein Stern ging auf, als er in den 80er-Jahren in der TV-Kult-Serie „Cheers“ den etwas unterbelichteten Barkeeper Woody spielte. In den 90er-Jahren hatte er seinen internationalen Durchbruch mit der Basketball-Komödie „Weiße Jungs bringen’s nicht“. Oft als Wildcard eingesetzt, zeigte er schnell, dass er viel mehr zu bieten hatte als nur komisch oder tollpatschig zu sein. In Oliver Stones „Natural Born Killers“ – einer Art „Bonnie und Clyde“ auf Acid – spielte er einen Killer mit frivoler Lust am Morden. In „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ beeindruckte er Fans und Kritiker als skandalträchtiger Porno-Publizist, der nach einem Attentat gelähmt im Rollstuhl sitzt. In „Ein unmoralisches Angebot“ überlässt er seine Ehefrau (Demi Moore) für eine Nacht – und eine Million Dollar „Gage“ – einem Multimillionär (Robert Redford). „Ich war wirklich sehr froh darüber, dass man mir mit der Zeit zutraute, auch sehr kontroverse Rollen zu spielen. Dadurch konnte ich als Schauspieler wachsen und meine Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Denn nichts ist für eine Karriere tödlicher, als wenn man als Schauspieler ständig mehr oder weniger dasselbe Image bedient. Aus dieser Sackgasse ist noch niemand unbeschadet herausgekommen.“
„Ich war froh, dass man mir die Rolle zutraute“
Die Angst, irgendwann auf dem Abstellgleis zu landen, stellte sich für Woody Harrelson als völlig unbegründet heraus. Seit den 90er-Jahren wird er regelmäßig für größere und kleinere Rollen in Kinofilmen und TV-Serien besetzt. 2007 holten ihn zum Beispiel die Coen-Brüder für ihren Thriller „No Country for Old Men“ und ab 2012 gehörte er für vier Filme zur Stammbesetzung des Fantasy-Franchise „Die Tribute von Panem“. Hervorzuheben ist auch sein Auftritt in der ersten Staffel der Fernsehserie „True Detective“ (2014), in der er an der Seite von Matthew McConaughey einem Serienmörder auf die Spur kommt. Danach spielte er unter anderem die Hauptrolle in „Planet der Affen: Survival“ und eine Nebenrolle in „Three Billboards Outside Ebbing“, wofür er 2018 zum dritten Mal für den Oscar nominiert wurde. Im selben Jahr wurde er auch noch Han Solos Mentor in „Solo: A Star Wars Story“. Bei einer so dichten Leinwand-Präsenz drängt sich doch die Frage auf: Mr. Harrelson, sind Sie ein Workaholic? Mit einem breiten Lächeln meint er: „Zurzeit läuft es tatsächlich sehr gut für mich in Hollywood. Ich bekomme ein cooles Angebot nach dem anderen. Warum sollte ich da meine Hände in den Schoß legen? In der ‚Planet der Affen‘-Trilogie wollte ich mitmachen, seit ich den ersten Teil gesehen hatte. Und zu einem Star-Wars-Movie nein sagen? Really?“ Auch den Verdacht, dass er in letzter Zeit nur noch einen Hang zu Blockbuster-Filmen habe, wiegelt er schmunzelnd ab: „Ich habe den Appetit auf Independent-Movies überhaupt nicht verloren. Zwischen den großen Projekten habe ich auch immer kleinere Filme gemacht, wie ‚Schloss aus Glas‘, ‚Triangle of Sadness‘ und jetzt ‚Last Breath‘. Bei allen war ich immer mit großer Leidenschaft dabei.“ Und nach einer kurzen Pause fährt er fort: „Die Mischung macht’s doch: Mal gibt es die fetten Gagen, mal nur ein paar Dollar. Aber darum geht es für mich als Darsteller nicht. Was zählt, ist, dass ich aus ganzem Herzen hinter dem Projekt stehen kann, bei dem ich mitmache. Die Zeiten, in denen ich den ein oder anderen Film auch gemacht habe, damit ich meine Miete bezahlen kann, sind Gott sei Dank vorbei.“
„Zurzeit läuft es gut für mich“
Woodrow Tracy „Woody“ Harrelson wurde am 23. Juli 1961 in Midland, Texas geboren. Er wuchs bei seiner Mutter auf, da sich seine Eltern drei Jahre nach seiner Geburt scheiden ließen. Sein Vater verschwand von der Bildfläche. Und tauchte erst wieder auf dem Harrelson-Radar auf, als er kriminell geworden war. Wegen zweifachen Mordes verbüßte er eine lebenslange Haftstrafe im Gefängnis, wo er 2007 starb. Woody war ein hyperaktives Kind mit einem Hang zu aggressivem Verhalten, was dazu führte, dass man ihn schließlich in eine Schule für Problemkinder steckte. „Damals“, so gesteht er heute freimütig, „war Gewalt so etwas wie ein Aphrodisiakum für mich.“ Er machte auch nie einen Hehl daraus, dass er lange Jahre Drogenprobleme hatte und sexsüchtig war. Und auch sonst ließ er es zu jener Zeit ziemlich krachen – und landete schon mal wegen „ungebührlichen Benehmens“ hinter Gittern. Zum Beispiel als er sich 1996 für den freien Anbau von Marihuana aussprach. Oder im selben Jahr auf die Golden Gate Bridge in San Francisco kletterte und dort oben eine riesige Fahne entrollte, auf der er sich für die Rettung von Redwood-Bäumen in Nordkalifornien einsetzte. „Diese exzessiven Jahre liegen wohl hinter mir“, meint er mit einem breiten Grinsen. „In der Vergangenheit habe ich einige ziemlich verrückte und schlimme Dinge gemacht, die auch meine Ehe (seit 2008 ist er mit seiner ehemaligen Assistentin Laura Louie verheiratet. Das Paar lebt seit 1987 zusammen und hat drei erwachsene Kinder; Anm. d. Red.) stark belastet haben. Doch den selbstzerstörerischen Aspekt meines Charakters habe ich – Gott sei Dank – ziemlich heruntergefahren.“
Woody Harrelson ist nicht nur einer der freundlichsten Hollywoodstars, sondern auch jemand, der beim Interview völlig entspannt ist. „Sie können mich wirklich alles fragen, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Ich habe nichts zu verbergen.“ Gut zu wissen. Dann konfrontieren wir ihn doch gleich einmal mit einem etwas sonderbaren Zitat von ihm: „Der Weg der Exzesse führt zum Palast der Weisheit.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf, fixiert sein Gegenüber mit seinen blitzblauen Augen und sagt: „Wo haben Sie das denn ausgegraben? Aber ja, das glaube ich immer noch! Ich behaupte ja nicht, dass man ohne Sex-, Drogen- oder Alkohol-Exzesse kein erfülltes Leben haben kann. Aber für mich war es wohl wichtig, diese Dinge auszuprobieren. Dieses intensive Leben zu leben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hat mich sicher geprägt und mir schließlich auch bei meiner Selbstfindung geholfen. Dadurch bin ich bestimmt auch etwas klüger geworden – vom Stadium der Weisheit bin ich allerdings noch weit entfernt. Aber keine Sorge, es fließt immer noch genügend Adrenalin in meinen Adern.“
Verfechter des Marihuana-Konsums
Ein wesentlicher Grund, warum Woody Harrelson sich im harten Filmbusiness all die Jahre so gut behaupten konnte, ist, wie er betont, sein intaktes Familienleben, aus dem er viel Kraft schöpfen kann. „Ich habe das Rat Race wohl auch überlebt, weil ich schon lange nicht mehr in Los Angeles lebe. Dort zählst du nur etwas, wenn du Erfolg hast. Ich lebte eine Zeit lang in Costa Rica und nun schon viele Jahre auf Maui in Hawaii, was sehr gut für die seelische Hygiene ist. L.A. verhält sich zum Film wie Washington D.C. zur Politik: In Washington ist jeder geil auf Macht. In L.A. ist jeder geil auf Ruhm. Das zieht hier wie dort einen gewissen – sehr oberflächlichen – Menschenschlag an, mit dem ich privat nichts zu tun haben will. In Hawaii habe ich es mit bodenständigen Menschen zu tun. Das hilft enorm.“
Woody Harrelson ist überzeugter Veganer. Nicht zuletzt wegen seiner Frau, die vor einigen Jahre den Lieferdienst Yoganics für organisches Essen gegründet hat. Da er keinen Zucker und kein Weizenmehl zu sich nimmt, ist das manchmal bei Dreharbeiten ein Problem. Im Film „Zombieland“ zum Beispiel spielte er einen Typen, der gerne Twinkies isst. Also musste man für ihn ein paar Dutzend „falsche Twinkies“ aus Maismehl herstellen. Seit über 40 Jahren ist er ein glühender Verfechter des Marihuana-Anbaus und -Konsums. Lange bemühte er sich erfolglos um Lizenzen für den Anbau von Cannabis. 2022 eröffnete er in Los Angeles, unweit des Santa Monica Piers, endlich „The Woods WeHo“, einen Shop, in dem Cannabis für den medizinischen Gebrauch verkauft wird. „Um es klar zu sagen: Ich ermuntere niemanden zum Drogenkonsum oder zum Kiffen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“
Die Cannabis-Nummer ist allerdings nur ein Nebengeräusch in Woody Harrelsons Leben. Seine ganze Schaffenskraft konzentriert er nach wie vor auf die Schauspielerei, denn „das ist der herrlichste Beruf der Welt. Da muss man nämlich nicht erwachsen werden. Man kann seine Emotionen und Fantasien ungehindert ausleben und dabei jede Menge Spaß haben.“ Großen Spaß haben ihm auch die Dreharbeiten zu „Last Breath“ (siehe Filmtipp, S. 88) gemacht. In diesem Unterwasserdrama, dem ein wahres – absolut unglaubliches – Ereignis zugrunde liegt, ist er der Chef einer kleinen Truppe von Profi-Tauchern, die am Meeresgrund Reparaturarbeiten erledigen sollen. „Dafür habe ich gerne wieder einmal meine Koffer gepackt und bin zum Dreh nach Schottland und Malta geflogen.“ Apropos Koffer – was gehört denn unbedingt in seinen „Überlebenskoffer“? „Musik. Ich höre sehr viel und sehr gerne Musik. Neues und Altes. Aber ohne die Beatles, U2 und die Red Hot Chili Peppers im Gepäck würde ich nicht losziehen wollen. Und Bücher. Mein Lieblingsschriftsteller ist Henry Miller. Warum also nicht ‚Sexus‘, ‚Plexus‘ und ‚Nexus‘? (Romantrilogie, Anm. d. Red.) Und dann kommt noch unbedingt mein Hund mit hinein. Kann ich auch meine Familie mit einpacken? Das wäre cool. Der Koffer wird langsam ziemlich schwer, nicht? Aber ich brauche unbedingt Menschen um mich, die ich schätze und liebe.“ Und welchen Titel hätte wohl der Film über sein Leben? „Wow, das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall müssten Worte wie ‚Spaß‘ und ‚Glück‘ enthalten sein. Denn davon hatte ich jede Menge. Wie wäre es mit ‚Woody – Spaß, Glück und Liebe‘?“