Wie ein Füllhorn der Wunder für eine neue Generation
Vor 80 Jahren kündete die tagelange Funkstille in der zertrümmerten Reichshauptstadt vom Ende des Schreckens. Die Waffen schwiegen. Der Krieg war vorüber. Die Rote Armee hatte sogleich das Haus des Rundfunks am Berliner Funkturm besetzt. Von hier wurde Stalins Ansprache zur deutschen Kapitulation vom 8. Mai 1945 live übertragen. Und schon fünf Tage später, am 13. Mai 1945, tönte es aus dem HdR: „Achtung, Achtung – Hier ist Berlin!“
Die Stationsansage hallte durch die Trümmerwüste in einer Stadt ohne Strom- und Wasserversorgung. Sprecher war einer, der später als Radioreporter in West-Berlin Kultstatus erreichte: Jürgen Graf. Der von den Sowjets eingesetzte KPD-Generalintendant Hans Mahle hatte Graf in den letzten Kriegstagen als Flakhelfer kennengelernt und ihn für den Radioneustart engagiert. Beide – Graf und Mahle – blieben nicht allzu lange beim sowjetisch kontrollierten „Berliner Rundfunk“ im HdR. Graf ging zum 1946 als DIAS von den Amerikanern gegründeten Sender RIAS. Nicht aus politischen Gründen, wie er später verriet. Aber bei den Sowjets gab es Wodka und schlechte Zigaretten, bei den Amerikanern hingegen Whiskey und Camel oder Chesterfield. Hans Mahle fiel 1951 bei Walter Ulbricht in Ungnade und wurde als Generalintendant entlassen. Nach seiner Rehabilitierung wurde Mahle 1959 zum Chefredakteur der Zeitung „Die Wahrheit“ ernannt, des Organs des West-Berliner SED-Ablegers SEW.
Nicht nur Musik und Orientierungen, auch die Stimmen und Inhalte, die vom HdR in unser piekfeines SABA-Gerät in Berlin-Neukölln kamen, änderten sich. Hatte man noch im April 1945 geträllert „Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist, der Berliner bleibt ein lustiger Geselle“, so meldeten sich jetzt die „Capri-Fischer“ und mit dem Einzug der US-Streitkräfte ab Juli 1945 Tag für Tag Glenn Miller mit „In the Mood“.
Einem Sechsjährigen wie mir war in jenen Tagen noch das Bild von der Mutter in Erinnerung, die unter einer dicken Wolldecke mit der Nachbarin vor dem Radioapparat saß und den deutschsprachigen Dienst der BBC London hörte. Auch der Nachklang der salbungsvollen Stimme von Hans Fritzsche war noch nicht verhallt.
Fritzsche hob sich wahrscheinlich wohltuend ab von den sonstigen Tiraden des „Großdeutschen Rundfunks“. Im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess wurde er 1946 freigesprochen. Seine Sendungen und Kommentare („Es spricht Hans Fritzsche“) waren in der NS-Zeit äußerst populäre Progamm-Angebote. Er übertraf damit selbst den beliebten Heinz Goedecke, der mit seinem „Wunschkonzert“ für die Soldaten an der Front Anfang der 1940er-Jahre höchste Einschaltquoten erzielte – aber nur so lange, wie Siegesmeldungen verbreitet wurden. Schon vor Stalingrad 1943 gab es kein „Wunschkonzert“ mehr.
Nach 1946 verurteilte die deutsche Justiz Fritzsche zu neun Jahren Arbeitslager und zu einem lebenslangen Berufsverbot als Publizist. 1950 wurde er vorzeitig entlassen und fand als Marketing-Chef für das Allerweltsparfüm „4711“ einen neuen Job. Maßgeblich arbeitete er am Parteiprogramm der FDP mit.
Im Radiosommer 1945 hätte sich allerdings kaum jemand die publizistische Rückkehr von Hans Fritzsche vorstellen können. Das Haus des Rundfunks war Keimzelle und Arbeitsstätte für all jene, die später in beiden Teilen Deutschlands die Zukunft gestalteten. Der für die Nazis hilfreiche und später zum ersten Intendanten des Senders Freies Berlin gekürte Alfred Braun gab sich im Radiosommer 1945 als Reporter halbwegs sozialistisch. Heinz Florian Oertel gehörte zum HdR ebenso wie Hans Rosenthal, der spätere Geheimdienstchef Markus Wolf oder der rumänische Dirigent Sergiu Celibidache, ebenfalls eine Entdeckung von Hans Mahle.
Insgesamt war der Radiosommer 1945 ein Kultursommer, in dem unglaublich viel Neues über alle hereinbrach und begierig aufgenommen wurde – nach zwölf Jahren der Hassgesänge, wie Friedrich Luft es im RIAS formulierte: Musik von George Gershwin und Karl Goldmark und Literatur von William Faulkner, Thornton Wilder oder Albert Camus. Es schien wie ein Füllhorn der Wunder für eine neue Generation.