Karol Nawrocki wird Polens neuer Präsident – ein Sieg der PiS, der die Reformpläne der liberalen Regierung Tusks ausbremsen wird. Auch Europas Rolle steht dabei auf dem Prüfstand.
Am 1. Juni 2025 entschied sich Polen in einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen für einen neuen Staatspräsidenten: Mit 50,89 Prozent der Stimmen setzte sich Karol Nawrocki, getragen von der konservativen PiS (Prawo i Sprawiedliwość, deutsch: Recht und Gerechtigkeit), gegen den PO-Politiker (Platforma Obywatelska, deutsch: Bürgerkoalition) Rafal Trzaskowski (49,11 Prozent) durch – die knappste Entscheidung in der polnischen Geschichte. Im ersten Wahlgang am 18. Mai lag Trzaskowski mit 31,36 Prozent erwartungsgemäß vor Nawrocki (29,54 Prozent), doch in der Stichwahl reichte es für Trzaskowski trotz aller Mobilisierung nicht: Nawrocki sammelte 10,606 Millionen Stimmen, Trzaskowski blieb mit 10,237 Millionen knapp dahinter.
Pläne auf einer harten Probe
Für die Koalition von Ministerpräsident Donald Tusk (PO) ist das Wahlergebnis ein harter Dämpfer. Denn obwohl Tusk mit seinem liberal-konservativen Bündnis erst im Herbst 2023 die PiS aus der Regierung verdrängt hatte, bleibt das Amt des Staatspräsidenten nun in den Händen der Nationalkonservativen. Damit steht der Regierungskoalition ein politischer Gegenspieler gegenüber, der mit seinem Vetorecht zentrale Reformprojekte blockieren kann – von der Justiz über Medien bis zur Migration. Nawrocki kündigte bereits in der Wahlnacht an, „das Erbe der patriotischen Regierung zu verteidigen“ und „ideologische Experimente zu verhindern“. Für Tusk bedeutet das: Kompromisse oder Stillstand. Seine Vision eines europäischeren, weltoffeneren Polens dürfte damit auf eine harte Probe gestellt werden. Nur zehn Tage nach der Stichwahl forderte Tusk wegen der Niederlage ein Misstrauensvotum, das er mit 243 von 460 Stimmen im Sejm gewann, einer der beiden Kammern des polnischen Parlaments. „Ich kenne den Geschmack des Sieges und die Bitterkeit der Niederlage“, sagte er im Nachgang, „aber ein Wort kenne ich nicht: Kapitulation“.
Doch was bedeutet das für Polen? Polnische Medien zeichnen ein gemischtes Bild: Die „Gazeta Prawna“ lobt den Wahlerfolg der PiS als „erfolgreich inszenierte Revanche“. Gleichzeitig betont die „Gazeta Wyborcza“ ebenfalls die Gefahr der politischen Blockade durch Nawrocki.
Insbesondere in städtischen Gebieten wie in Warschau und Danzig, dort, wo Trzaskowski mit Mehrheit gewann, fühlt man sich vom nationalkonservativen Kurs des neuen Präsidenten nicht repräsentiert. In ländlichen Regionen stößt Nawrockis Programm auf Zustimmung – es setzt auf traditionelle Werte und zeigt eine kritische bis distanzierte Haltung gegenüber einer weiteren EU-Integration. Polens Verhältnis zur EU ist ambivalent. In einem großen Teil der Bevölkerung genießt die EU hohe Zustimmung – laut Eurobarometer-Umfragen befürworten über 80 Prozent der Polinnen und Polen die Mitgliedschaft. Gerade in Städten wie Warschau, Krakau oder Breslau gilt die EU als Symbol für Sicherheit, Freizügigkeit, wirtschaftlichen Fortschritt und demokratische Werte. Gleichzeitig profitiert Polen wirtschaftlich enorm von der EU. Das Land ist einer der größten Nettoempfänger von Fördergeldern – ob für Landwirte, Infrastrukturprojekte oder Digitalisierung. Die Mitgliedschaft als solche wird nicht grundsätzlich infrage gestellt, doch immer wieder nutzt gerade die PiS EU-Kritik als innenpolitisches Instrument. Besonders im Fokus steht die Frage der Souveränität: Die Partei betont gerne, dass Polen über seine Justiz, Bildung und Gesellschaftsordnung selbst bestimmen müsse – ohne „Einmischung aus Brüssel“, wie es heißt. Auch die EU-Migrationspolitik, Klimaauflagen oder Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs werden regelmäßig als Bevormundung dargestellt.
Auch das Verhältnis zu Deutschland steht unter Beobachtung – nicht zuletzt wegen der politischen Entwicklungen in Berlin. Bei seinem Antrittsbesuch in Polen bekräftigte Bundeskanzler Friedrich Merz seinen Willen, sich „mit aller Kraft“ für eine enge Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen einzusetzen. Die Begegnung zwischen Merz und Tusk verlief dennoch betont sachlich. Zwar bekannte sich Merz klar zur gemeinsamen europäischen Verantwortung und erinnerte an die historische Schuld Deutschlands, doch Tusk nahm diese Worte maximal wohlwollend zur Kenntnis. Er machte sogleich deutlich, dass Polen keine deutschen Alleingänge akzeptieren werde – etwa in der Migrationspolitik oder bei Fragen der Grenzsicherung. Schon im Vorfeld hatte Tusk im Sejm betont, dass Polen „nicht tatenlos zusehen“ werde, sollten Migranten systematisch zurückgewiesen werden.
Die Erwartungen an Merz sind hoch. In Polen wächst der Wunsch nach gleichberechtigter Partnerschaft. Viele Polinnen und Polen, gerade in der jüngeren Generation, empfinden die alte Rollenverteilung zwischen einem „gebenden“ Westen und einem „empfangenden“ Osten als überholt. Wenn deutsche Politiker von „Pflichtbeiträgen“ oder „europäischen Standards“ sprechen, wird das in Warschau oft als moralische Herablassung verstanden. Umgekehrt ist der Ton aus Polen nicht selten konfrontativ – etwa wenn polnische Regierungsvertreter Deutschland „fehlenden Realitätssinn“ vorwerfen oder Brüssel als „deutsch dominiert“ kritisieren. Für Friedrich Merz bedeutet das: Diplomatie allein wird nicht reichen. Die deutsch-polnische Beziehung steht vor einer neuen Bewährungsprobe. Viel wird davon abhängen, ob beide Seiten – trotz politischer Spannungen – im Gespräch bleiben und gemeinsame Interessen in den Vordergrund stellen.
Das Weimarer Dreieck
Ein möglicher Rahmen für diese Annäherung könnte das lange vernachlässigte Weimarer Dreieck bieten – das trilaterale Gesprächsformat zwischen Deutschland, Frankreich und Polen, das seit den frühen 1990er-Jahren als Brücke zwischen West- und Osteuropa gedacht war. In einer Zeit, in der die EU zunehmend unter geopolitischem Druck steht, gewinnt diese Konstellation neue Relevanz. Sowohl Merz als auch Tusk signalisierten zuletzt Offenheit, das Weimarer Dreieck wieder mit Leben zu füllen.
In Warschau wird das Format traditionell mit gemischten Gefühlen betrachtet: einerseits als Chance zur Mitsprache auf Augenhöhe mit den beiden größten westeuropäischen Mächten – andererseits mit der Sorge, dass deutsche oder französische Interessen dominieren könnten. Dennoch könnte gerade die Wiederbelebung dieses Gesprächskanals ein Signal der Verlässlichkeit setzen. Wenn das Weimarer Dreieck künftig nicht nur symbolisch, sondern strategisch genutzt wird – etwa in der Sicherheits-, Energie- oder Ukrainepolitik –, könnte es helfen, Vertrauen aufzubauen und die deutsch-polnischen Beziehungen in ein stabileres europäisches Fundament einzubetten.
Der neue Staatspräsident Karol Nawrocki hat sich bislang nicht positiv zum Weimarer Dreieck geäußert – im Gegenteil: Während des Wahlkampfs blieb das trilaterale Format aus Deutschland, Frankreich und Polen auffallend unerwähnt. Stattdessen betonte Nawrocki regelmäßig nationale Souveränität. Eine proaktive Unterstützung dieses Formats ist von seiner Seite daher kaum zu erwarten. Da die Außenpolitik formal in der Hand der Regierung liegt, könnte Nawrocki eine Wiederbelebung zwar de facto nicht verhindern, dennoch aber erheblich erschweren. Ob das Format dann trotz des fehlenden Rückhalts aus dem Präsidentenpalast politisch tragfähig bleibt, wird sich an der diplomatischen Standfestigkeit der Regierungen in Berlin, Paris und Warschau entscheiden. Klar ist: Von Nawrocki sind keine positiven Impulse zu erwarten – im besten Fall passives Dulden, im schlechteren Fall gezielte Blockade.