Melissa Etheridge macht kein Geheimnis aus ihrer sexuellen Orientierung und kämpft schon lange für die Rechte der LGBTQ-Community. Sie spricht mit uns über Trumps Dekrete gegen Transmenschen, den Tod ihres Sohnes und darüber, wie sie den Mauerfall miterlebte.
Mrs. Etheridge, Sie haben Anfang des Jahres die Los-Angeles-Feuer miterlebt. Solch verheerende Brände unmittelbar zu sehen, ist sicher ein unauslöschliches Erlebnis. Werden Sie das Trauma womöglich in Ihrem nächsten Album verarbeiten?
In einem meiner neuen Stücke geht es nicht explizit um das Feuer, sondern darum, eine schwere Zeit und ein traumatisches Ereignis zu durchleben. Während der Brände gab es einen Moment, in dem meine Frau und ich uns ansahen und uns bewusst wurde, dass wir möglicherweise alles verlieren könnten. Wenn man in seinem Leben an diesen Punkt kommt, denkt man: „Nun, ich habe meine Familie und meine Haustiere. Mir wird es gut gehen. Selbst wenn alles Physische weg ist“. Es war ein Gefühl von Freiheit, dass ich in der Lage sein würde, weiterzumachen und etwas Gutes daraus zu machen. Das Lied über das Zurückkommen heißt „You’re gonna rise“.
Sie sind das ganze Jahr über auf Tour. Welcher Ihrer vielen Songs darf da auf keinen Fall fehlen?
„Bring Me Some Water“ und „Like the Way I Do“. „I’m the Only One“ und „Come to My Window“. Und natürlich „I Want to Come Over“. Das sind die Songs, die ich immer spiele, aber in Europa, besonders in Deutschland, spiele ich auch viel von meinem ersten, zweiten und sogar dritten Album. Tatsächlich habe ich viele Songs in Deutschland geschrieben, als ich dort in den späten 80ern und frühen 90ern auf Tour war. Weil ich inspiriert wurde. Ich war in Berlin, als die Mauer fiel. Das hat mich sehr stark beeinflusst.
Wie erinnern Sie sich an die Tage um den 9. November 1989?
In der Nacht standen die Soldaten noch auf der Mauer, und man wusste nicht, ob sie anfangen würden, auf Menschen zu schießen. Aber an dem Morgen, als wir in Berlin ankamen, war tatsächlich die Grenze offen. Die Mauer war gefallen, und ich war dabei und sah all diese Leute mit den Kettensägen. Das miterlebt zu haben, bewegt mich immer noch. Ich sah, wie sich direkt vor meinen Augen ein großer Wandel vollzog. Ich glaube fest daran, dass der Wille der Menschen alles verändern kann.
Sind Sie aus Neugier auch in den Ostteil der Stadt gegangen?
Nein, nicht in dieser Nacht. Aber ich habe viele Ostdeutsche gesehen, die im Westteil herumliefen. Viele von ihnen hatten sich Walkmen und Bananen gekauft, diese Ikonen des Westens. Und dann nahm ich an einer riesigen kostenlosen Show in einer Arena teil (Konzert für Berlin am 12. November 1989; Anm. d. Red.). Es war großartig. Menschen aus dem Osten und dem Westen tanzten zusammen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war wirklich bewegend.
In den USA gehen Sie zusammen mit den Indigo Girls auf Tour. Die gelten als eine Ikone der queeren Bewegung – genau wie Sie. Wollen Sie mit der Tour ein Zeichen setzen in Zeiten, in denen Trump LGBTQ+-Bürgerrechte einschränken will?
Sicher, ja. Wir gehen nicht auf die Bühne und predigen oder so. Wir zeigen einfach, dass wir die Musik gemeinsam mit dem Publikum genießen. Wir lachen mit ihnen. Man bewirkt auf diese Weise mehr, als wenn man predigt.
Trump will Transfrauen und -mädchen von weiblichen Sportteams in Schulen und Unis ausschließen. Was hasst er eigentlich so sehr an Transpersonen?
Trump hasst nicht, es kümmert ihn einfach nicht. Er wählt einfach ein Thema aus, das die Leute nicht verstehen. Republikaner wissen nichts über Transpersonen, sie zeigen einfach ein „verrücktes“ Foto von einem Mann, der wie eine Frau gekleidet ist, und sagen: „Wollt ihr das in eurem Badezimmer?“ Sie setzen auf die Grundangst. Und diese Angst kontrolliert dann. Sie versuchen, drakonische Gesetze gegen Transpersonen zu erlassen. Es geht nur um Macht. Alles andere ist ihnen egal. Sie wissen nur, wenn sie den Leuten genug Angst machen, werden sie für sie stimmen. Es ist schon traurig.
Eigentlich dachte man, dass die Gesellschaft viel toleranter geworden sei. Überrascht Sie der neue Konservatismus?
Die Offenheit, die wir in den letzten 20 Jahren hatten, hat die wirklich ängstlichen und ungebildeten Menschen aufgebracht. Die haben Angst, weil wir ein Teil der Gesellschaft geworden sind. Es ist einfach, den Leuten zu sagen, dass der Grund für ihre Unzufriedenheit Transgender-Personen sind. Damit sie sie hassen können. Aber weniger als ein Prozent der Amerikaner sind Transgender. Das alles ergibt wirklich keinen Sinn.
Wie erklären Sie sich die Liebe vieler Ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger für einen Autokraten?
Mit Furcht. Darin liegt ein Trost, wenn man die Wahrheit nur genug verdreht. Wenn die Nachrichtensender auf Sensationen aus sind und sich mehr darum kümmern, wie viele Leute ihnen zusehen, als um den Wahrheitsgehalt dessen, was sie sagen, ist das gefährlich. Wenn die Sensationslust zur Story wird, ist es für jemanden leicht zu sagen: „Der Grund, warum ihr unglücklich seid, sind diese Leute hier“. Wenn man das tut, ist es leicht, die Menschen zu spalten. Und wenn man sie spaltet, kann man zum Autokraten werden. Leider ist das Bildungsniveau hier in Amerika nicht sehr hoch.
Taylor Swift positionierte sich im Wahlkampf auf Kamala Harris’ Seite – und damit gegen Donald Trump. Gewonnen hat er trotzdem. Wird der Einfluss von Künstlern auf die Politik gemeinhin überschätzt?
Ich glaube nicht, dass er überschätzt wird. Ich denke, wir werden sehen, dass dieser Einfluss innerhalb der nächsten zehn Jahre an Stärke gewinnen wird. Es braucht eine Weile. Viele von Taylor Swifts Anhängerinnen sind erst 13 oder 14 Jahre alt. Aber in zehn Jahren werden einige von ihnen mächtige weibliche Führungspersönlichkeiten sein. Wir werden auf jeden Fall eines Tages eine Präsidentin haben. Aber es wird schwierig sein wegen dieses verrückten Landes.
Sind die Vereinigten Staaten von Amerika im Moment verrückter, als Sie es sich jemals vorstellen konnten?
Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit gehen würden. Aber ich verstehe jetzt, wie das funktioniert. Ich glaube nicht, dass es wirklich so schlimm ist, wie die Leute denken. Man meint, dass wir hier alle gespalten sind, aber wenn man die Leute aus dem politischen Bereich herausnimmt und sie alle in denselben Raum setzt, kommen sie durchaus miteinander aus. Die Kluft ist nicht so schlimm, wie sie von der Sensationspresse dargestellt wird.
Ihr letztes Album „I’m Not Broken (Live From Topeka Correctional Facility)“ wurde in einem Frauengefängnis aufgenommen. Haben auch Inhaftierte ein Recht auf Kultur?
Ja, ja, ja. Ich glaube, dass sich die Vorstellung von Verbrechen und Bestrafung ändert. Ich glaube, man beginnt allmählich zu verstehen, dass das Beste, was wir tun können, die Behandlung von Menschen ist, die ein Verbrechen begangen haben, insbesondere im Zusammenhang mit Drogen. Man muss ihnen helfen, ihre Sucht zu überwinden. Denn diese Süchte haben ihren Ursprung meist in einem frühen Trauma. Vielleicht können wir diesen Menschen bei der Bewältigung ihres Traumas helfen, damit sie andere Entscheidungen treffen, die nicht wieder zu einer Drogensucht führen.
Kann man den Song „The Shadow of a Black Crow“ als Widmung an Ihren verstorbenen Sohn Beckett lesen?
Ja. Ich habe ihn geschrieben, als ich merkte, dass Beckett ein Problem hatte. Es ist ein Lied über Sucht im Allgemeinen. Es transportiert ein Gefühl von Verlorenheit auf der Straße. Ich habe es in diesem Gefängnis gesungen, um mit den eingesperrten Frauen über Sucht zu sprechen.
Beckett starb 2020 an den Folgen seiner Opioidabhängigkeit. Als Reaktion auf diese Tragödie gründeten Sie die Etheridge Foundation. Sie fördert neue Behandlungsmethoden für Opioidabhängigkeit (OUD). Müsste nicht eigentlich der Staat diese Aufgabe übernehmen?
Nun, Sie denken so, weil Sie im Staat Deutschland aufgewachsen sind. In den USA hat man das schon vor 50 Jahren abgeschafft. Man kann hier nicht einmal Suchtforschung betreiben. Unsere Forschung findet also in Spanien oder Australien statt. Dort, wo wir Daten bekommen können, die wir dann meiner Regierung vorlegen, um ihr zu sagen, dass sie quasi als Medizin verwendet werden kann. Wir versuchen zunächst, das Gesetz zu ändern, damit der Staat es übernehmen kann. Der Prozess dauert sehr lange. Unser Ziel ist, so viele Daten zu sammeln, dass es unbestreitbar ist.
Denken Sie, dass Sie mit dem neuen US-Gesundheitsminister Kennedy zusammenarbeiten können?
Ja, ich kenne Bobby Kennedy persönlich. Ich würde nicht sagen, dass wir Freunde sind, aber ich weiß, dass er ein anständiger Mann ist. Ich verstehe seine Überzeugungen. Abgesehen von allen anderen kontroversen Dingen ist er offen für Psychedelika und die Forschung und wie sie der mentalen und emotionalen Gesundheit helfen können. Dafür bin ich ihm dankbar.
War der tragische Tod Ihres Sohnes Beckett rückblickend die größte Katastrophe in Ihrem bisherigen Leben?
Ja, aber meine ganze Familie hielt in der Zeit zusammen. Und ich musste mir auch selbst helfen und zu dem Punkt kommen, dass ich entweder zulassen kann, dass mich das in Schuld, Scham, Trauer und Traurigkeit wegspült und ich mich hinlege und sterbe. Oder ich kann daran arbeiten, zu verstehen, dass dies sein Leben war und dass ich ihn nicht retten konnte. Niemand kann jemand anderen retten. Man kann ihn nur inspirieren, und ich habe mein Bestes getan. Beckett war so lange hier. Das ist in Ordnung. Ich musste mich einfach selbst aufbauen und das Ganze in etwas Positives verwandeln. Also habe ich diese Stiftung gegründet, um anderen Familien zu helfen und vielleicht andere Leben zu retten. Und das war es mir wert.
Haben Sie viel darüber nachgedacht, wer für Becketts Sucht verantwortlich war?
Letzten Endes war er dafür selbst verantwortlich. Ich kann nicht darüber hinausgehen, denn das würde mich verrückt machen. Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen. Ich habe alles getan, was ich konnte, um ihm zu helfen, aber er hat diese Entscheidungen getroffen.