Ingo Römling und Fred Duval haben den ersten Band ihrer „Metropolia“-Reihe vorgelegt. Ein Privatermittler klärt einen Mord im Berlin des Jahres 2099 auf.
Aschenputtel erschießt auf einer Kunstauktion den Mann, der gerade „Vanitas in toxischer Wolke“ ersteigert hat, einen glitzernden Totenkopf mit einem Mikrochip. Die elegant gekleidete Frau pustet dem Meistbietenden den Schädel weg und entkommt über die große Freitreppe eines prunkvollen Gebäudes. Am Fuß der Treppe bleibt einer ihrer Schuhe zurück – deshalb nennen die Ermittler die Unbekannte Aschenputtel. Auch im Berlin des Jahres 2099 kennt man noch die alten Märchen.
Und noch etwas hat sich nicht geändert: Wohnraum ist knapp und teuer. Ansonsten ist die Welt eine andere. Seit Mitte des Jahrhunderts ist Energie knapp. Reisen sind zu Luxus geworden. Berlin zu verlassen kostet mehr, als man in einem Leben auf normalem, auf legalem Weg verdienen kann. Die Schritte, die man geht, werden registriert und sind ein Zahlungsmittel. „Das 22. Jahrhundert wird jenes der Fußgänger oder es wird gar nicht sein.“ Sascha kann sich nicht mehr erinnern, von wem dieses Zitat stammt. Aber zwei Jahre vor der Jahrhundertwende, erklärt er, ist „das Laufen und Radeln in Berlin wie auch in allen anderen Weltstädten zur Norm geworden“.
Sascha ist in Ingo Römlings und Fred Duvals neuem Comic Erzähler und Hauptfigur in einem. Er ist Privatermittler und wird von einem großen Wohnungskonzern angeheuert, Aschenputtel zu finden. Denn irgendwie hängt alles zusammen: der Mord, das Kunstwerk und das Florian. Das Florian, erklärt Sascha, ist „ein protziges Gebäude aus den 2030er-Jahren, eine Mischung aus formaler Nostalgie und skalierbarer Technologie – echte Kacke“. Denn: „Das Gebäude ist entwickelt worden, um die künftige Umstellung auf starke KI, die allgemeine künstliche Intelligenz, zu verarbeiten.“ „Ein Bluff“, wie Sascha weiß. Schon schnell sei das Gebäude veraltet gewesen und „nicht wirklich das versprochene technologische Prunkstück“.
In „Metropolia: Berlin 2099“, wie Ingo Römling und Fred Duval ihren im Splitter-Verlag erschienen Band betitelt haben, spielt das Florian neben Sascha die zweite Hauptrolle. Dorthin schickt eine Krisenmanagerin des Wohnungskonzerns, die mehr weiß als die Polizei, den Privatermittler, um Aschenputtel auf die Spur zu kommen. Doch bevor er die Mörderin findet, stößt er auf eine weitere Leiche.
Kurz vor Beginn des 22. Jahrhunderts ist die deutsche Hauptstadt zur größten Metropole Europas herangewachsen. Abermillionen Menschen leben zwischen jahrhundertealten Wahrzeichen und ultramodernen Hochhäusern, teilen sich begrünte Straßen und die Highways des Cyberspace mit Androiden und KIs. Fred Duval, der als „das französische Science-Fiction-Genie“ gilt, und der deutsche Ausnahmezeichner Ingo Römling entwerfen in ihrem ersten gemeinsamen Comic eine Vision von Berlin in naher Zukunft – voller Düsternis, mit etwas Romantik und vielen starken Bildern.
Berlin als Stadt der Fußgänger
Ingo Römling war bereits in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Leser der Magazine „Schwermetall“, „MAD“ und von Marvel-Comics. Schon in der Schule betätigte er sich als Cartoonist und interessierte sich früh für die grafischen Möglichkeiten von Computern. In den frühen 90er-Jahren fertigte er digitale Illustrationen für Verlage und Werbeagenturen an. Nach einer Zeit als Art Director machte er sich als Freelancer einen Namen in der Musikbranche und arbeitete als Cover-Illustrator und Layouter für zahlreiche Plattenfirmen wie Sony, BMG, EMI, GUN, Napalm Records, Massacre, Danse Macabre und die Trisol Music Group. 2010 versetzte seine Comicserie „Die Toten“ Publikum und Kritik gleichermaßen in Verzückung. Inzwischen ist er mit „Star Wars Rebels“ einer der ersten offiziellen Disney-Comic-Zeichner aus Deutschland. Darüber verliert er sein Herzensprojekt „Malcolm Max“ jedoch nicht aus den Augen.
Auch die „Malcom Max“-Reihe wird vom Splitter-Verlag herausgegeben. Ingo Römling illustriert da die Geschichten des Autors Peter Mennigen über einen charismatischen Dämonenjäger. Angesiedelt im viktorianischen England an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, präsentiert das Künstlergespann Römling und Mennigen eine Steampunk-Mystery-Serie, die – wie es der Verlag beschreibt – „als symbiotischer Entwurf mindestens zwei Genretraditionen vereint: die Selbstironie der Buffy-Erzählungen und den Manierismus der Schauerromane des 19. Jahrhunderts“.
Fred Duval wurde 1965 in Rouen geboren. Seine künstlerische Laufbahn begann nicht mit Comics, sondern in den 80er-Jahren als Gitarrist einer Rockband. Duval studierte Geschichte, bevor er Anfang der 90er-Jahre anfing, Szenarien für Comics zu schreiben. Seine Comicstreifen „Fish’n’Ship“, die von Luc Turlan gezeichnet wurden, erschienen in regionalen Tageszeitungen. Richtig bekannt wurde Duval durch seine Science-Fiction-Stories, 1995 veröffentlichte er sein erstes Comic-Album – allerdings in einem anderen Genre: „500 Gewehre“ ist eine Western-Parodie.
Mit „Metropolia: Berlin 2099“ ist Fred Duval zurück in der Zukunft. Dort lässt er den Privatermittler Sascha Sätze sagen wie: „Jemand hatte den Betrug des Jahrhunderts in diesen Mauern inszeniert. Ein Schwindel von unglaublichem Zynismus.“ Und die Wirkung einer Zukunfts-Modedroge verdeutlichen: „Berlin 2099. Ich bewunderte die architektonischen Kühnheiten, aber je mehr die Wirkung des Metapsys nachließ, desto weniger begriff ich den Sinn …“ Am Ende wird aus dem unter extremen Bedingungen nachforschenden Privatermittler wieder einfach nur „Sascha, der einfache Fußgänger in einer Weltstadt, aus der niemand fliehen konnte“. Einer, der aber bereits in sein nächstes Abenteuer geht, denn Band zwei ist bereits in Arbeit.
Dass der Fußgänger aber überhaupt überleben konnte, hat er einer Radfahrerin zu verdanken. Weil der Wohnungskonzern dem Ermittler Zugang zu Mietverträgen gegeben hat, weiß er von ihr: „Fahrradkurierin, stabiles Einkommen, eine anonyme Drittkaution, die ihr eine Jahresmiete garantiert. Eine junge, freie Frau der Mittelklasse, die typische Berlinerin.“ Gut, dass sie da ist, als plötzlich Aschenputtels zweiter Schuh im Mietshaus steht.