Es kommt nicht von ungefähr, dass die Füchse Berlin aus dem packenden Meisterschafts-Rennen als Sieger hervorgegangen sind. Dafür gibt es Gründe. Sie haben mit dem Personal, aber auch mit der Einstellung und der Planung zu tun.
Die Füchse Berlin sind am Ziel ihrer Träume. Erstmals in ihrer Clubgeschichte durfte der Handball-Bundesligist den deutschen Meistertitel feiern. Anders als in den Vorjahren versagte das Team von Trainer Jaron Siewert diesmal in den entscheidenden Momenten nicht. Das sind die wichtigsten Titel-Faktoren:
Der Titelhunger
Vierter, Dritter, Dritter, Zweiter: Schon in den vier Jahren zuvor hatten sich die Füchse Berlin in der absoluten Bundesligaspitze etabliert. Doch der letzte Schritt war dem talentierten, aber noch nicht mit allen Wassern gewaschenen Spieler nicht gelungen. Immer wieder gab es unerklärliche Einbrüche, die den großen Coup verhinderten. Diese blieben in dieser Saison aus. „Es ist viel passiert, seit ich hier bin. Wir sind jede Saison besser geworden und als Verein und Gruppe gewachsen“, sagte Rückraumstar Lasse Andersson: „Wir haben Spieler, die seit sieben, acht Jahren dabei sind. Ich bin in meiner fünften Saison, Mathias Gidsel in seiner dritten, auch der Trainer ist seit 2020 derselbe.“ Der Kader wurde zuletzt nur punktuell und qualitativ verstärkt. „Dadurch“, meinte Andersson, „sind wir als Gruppe gut zusammengewachsen.“
Und die Gruppe hatte in dieser Saison nur ein großes Ziel: endlich Meister werden, endlich die begehrte Trophäe in den Händen halten. „Wir müssen jetzt den nächsten großen Schritt machen“, hatte Geschäftsführer Bob Hanning vor der Saison gefordert. Das Team kam dem eindrucksvoll nach. Auch Bundestrainer Alfred Gislason, der schon vor dem packenden Saisonendspurt auf die Füchse als neuen Meister getippt hatte, ist beeindruckt: „Die sind sehr stabil. Die jüngeren Spieler sind besser geworden.“ Die bitteren Niederlagen im Final Four des Pokal-Wettbewerbs gegen Magdeburg und Flensburg steigerten den Titel-Hunger nur noch mehr. „Für ein Team mit größeren Ambitionen tut Platz 4 im Pokal richtig weh“, hatte Torwart Dejan Milosavljev gesagt und versprochen: „Wir verlieren unsere Ziele jetzt nicht aus den Augen.“
Der Ausnahmekönner
Der frühere Füchse-Torhüter Silvio Heinevetter drückte die sportliche Bedeutung von Mathias Gidsel einmal so aus: „Das Team, das Mathias Gidsel hat, gewinnt. Er ist der menschliche Cheat-Code im Handball.“ Unbestritten war der dänische Welthandballer der X-Faktor im Titelkampf: 275 Tore – alle aus dem Spiel heraus – und 124 Assists erzielte Gidsel in 33 Spielen. Seine Extraklasse bewies er vor allem beim entscheidenden Spiel gegen den direkten Konkurrenten MT Melsungen (37:29), als ihm mit 15 Treffern ein persönlicher Bundesligarekord gelang. „Ich habe keine Ahnung, wie oft ich noch den Namen Mathias Gidsel erwähnen soll, muss, kann, darf“, sagte Füchse-Sportvorstand Stefan Kretzschmar. „Diesem Spieler zuschauen zu dürfen, ist einfach eine Augenweide und ein Geschenk für uns.“
Der Hochgelobte gibt sich derweil bescheiden. „Ich bin ein ganz kleiner Mensch aus Dänemark“, antwortete Gidsel auf die Frage, ob ihn die vielen Lobeshymnen vielleicht abheben lassen könnten. Der dänische Rückraumspieler konnte in Berlin seit seiner Ankunft 2022 von einem Ausnahme-Talent zum wohl besten Handballer der Welt reifen – und dabei das gesamte Team auf ein höheres Level heben. „Wir sind eine der besten Mannschaften der Welt, wenn nicht sogar die beste“, sagte Gidsel. Er besitzt bei den Füchsen noch einen Vertrag bis 2029 und hat hier noch viel vor: „Wenn man die erste Meisterschaft erst einmal gewonnen hat, fällt es danach meist leichter.“
Der Rückhalt
Dejan Milosavljev war ein schweres Pfund im Titelkampf – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Füchse-Trikot spannt beim 29-Jährigen immer ein bisschen, vor allem um den Bauch herum – doch ein Gewichtsproblem hat der Torwart deshalb nicht. „Mit 115 Kilogramm fühle ich mich am wohlsten, ich hatte auch schon unter 110 Kilo, aber das war nicht gut für mich. Ich war schlapp und müde“, sagte Milosavljev. Den Bauchansatz habe er schon in jungen Jahren gehabt. „Da kann jeder meine Mama fragen, ich sah schon als Kind so aus.“
Nachteile als Handball-Torwart scheint er deswegen keine zu haben – ganz im Gegenteil. Der Serbe war als nervenstarker und reaktionsschneller Torwart ohne Zweifel ein Titel-Garant. „Er ist ein Ausnahmetorwart“, sagte Sportvorstand Stefan Kretzschmar und attestierte dem Schlussmann eine „tadellose“ Saison-Leistung. Nicht nur auf dem Feld, auch in der Kabine habe sich Milosavljev zu einem Fixpunkt des Füchse-Teams entwickelt. „Er ist sportlich für uns wichtig, aber auch charakterlich. Er ist ein feiner Typ, der in dieser Mannschaft eine wichtige Rolle hat“, sagte Kretzschmar.
Milosalvljev meisterte auch eine kleine Schwächephase von Oktober bis Januar, als er geschwächt von einem Virus nicht ganz so kraftvoll wie gewohnt agierte. „Das ging einfach nicht weg, mal hatte ich fünf Tage hohes Fieber, dann wieder Erkältungen und bekam keine Luft. Es war schrecklich“, sagte er. Doch der Torwart kämpfte sich aus diesem Tief und zeigte gerade im Saison-Endspurt großartige Leistungen. Das macht ihn auch für die europäischen Topclubs begehrt, unter anderem soll ihm Pick Szeged aus Ungarn ein Angebot gemacht haben. „Angebote nimmt mein Berater entgegen. Nicht ich“, sagte Milosalvljev: „Wenn ich mir jetzt schon über andere Vereine Gedanken machen würde, wäre ich ein schlechter Sportler und könnte keine Bälle halten. Mein Fokus gehört ganz den Füchsen.“ Sein Vertrag in Berlin läuft noch bis 2027.
Der Architekt
Ob Bob Hanning bei seinem Dienstantritt 2005 wirklich geglaubt hat, dass er 20 Jahre später die Meisterschale in den Händen halten würde, ist unbekannt. Klar ist aber, dass der Manager mit großen Zielen und enormer Leidenschaft beim damaligen Zweitligisten an die Arbeit ging. Und mit Geduld – was jedoch nicht die allergrößte Stärke des Ehrgeizlings ist. „Meine Philosophie einer Mannschaft ist die: Es wird ein paar internationale Top-Stars, einige deutsche Nationalspieler und dazu Berliner Jungs im Team geben“, hatte Hanning bei seiner Vorstellung damals gesagt. „Wir wollen, dass sich die Leute mit dem Team identifizieren können. Das braucht aber ein wenig Zeit.“
Und Hanning hielt Wort. Er sorgte dafür, dass der Club viel Geld und Know-how in die Jugendarbeit investierte. Er selbst war als Meistertrainer der U19 und als Aufstiegscoach des Kooperationspartners VfL Potsdam maßgeblich daran beteiligt. Top-Talente wie Lasse Ludwig, Tim Freihöfer und Nils Lichtlein sind nicht mehr aus dem Füchse-Kader wegzudenken. Hanning lockte auch nach und nach deutsche Nationalspieler und mit der Zeit auch internationale Topstars nach Berlin, sein größter Coup war sicher die Verpflichtung des europaweit begehrten Mathias Gidsel 2022. Als kluge Entscheidung erwies sich auch, Stefan Kretzschmar als Sportvorstand zu installieren. Deutschlands bekanntester Ex-Handballer ist bei der Sponsorensuche und bei Transfers ein Gewinn. Auch konnte er einen engeren Draht zu Trainer Jaron Siewert und der Mannschaft pflegen, als es Hanning in seiner Position je hätte tun können. All die vielen richtigen Entscheidungen führten Hanning nun ans Ziel. Es sei „ein Lebenstraum, das nach 20 Jahren erleben zu dürfen und eine deutsche Meisterschaft zu feiern“.