Deutschlands bester Schwergewichtsboxer wartet weiter auf seine große WM-Chance. Interims-Weltmeister ist Agit Kabayel schon, seine Leistung stimmt. Doch er ist abhängig von den großen Stars der Szene.
Agit Kabayels erster Gratulant nach dem bislang größten Sieg seiner Karriere war der aktuell beste Schwergewichts-Boxer der Welt. Oleksandr Usyk höchstpersönlich schnallte ihm den Gürtel des Interims-Weltmeisters des Verbandes WBC um und beglückwünschte den Deutschen anerkennend. Der Ukrainer ist weiterhin der legitime WBC-Weltmeister, genau wie in den zwei wichtigen Verbänden WBA und WBO. Um auch ein „richtiger“ Weltmeister in der Königsklasse des Profiboxens zu werden, will Kabayel unbedingt Usyk vor die Fäuste bekommen. „Der WM-Kampf muss kommen. Ich bin die Nummer eins der WBC“, tönte der Bochumer. In der Tat ist er der Pflichtherausforderer des unbesiegten Superstars, doch im Profiboxen sind die Regeln, wer gegen wen und vor allem wann kämpft, dehnbar. Genauer gesagt: Das Geld entscheidet. Und Usyk hat einen viel lukrativeren Fight ins Auge gefasst, als den gegen den sogar in Deutschland weitgehend unbekannten Kabayel. Der Dominator duelliert sich am 19. Juli mit Daniel Dubois um die Schwergewichts-Krone. Sollte er dem Briten im Vereinigungskampf den IBF-Gürtel abnehmen, wäre er zum zweiten Mal im Besitz der vier wichtigsten WM-Titel und damit erneut der „Undisputed Champion“ – der unumstrittene Weltmeister. Und endgültig einer der allergrößten der Box-Geschichte.
„Ich bin die Nummer eins der WBC“
Und Kabayel? Er muss sich weiter in Geduld üben. Er müsse zunächst den großen Vereinigungskampf abwarten, „danach bin ich dann dran“, sagte der 32-Jährige. Er könne aktuell keinen WM-Kampf einfordern, „aber wir müssen in der Pipeline sein, wir müssen am Start sein. Es könnte jederzeit einer ausfallen, und dann sind wir schon mittendrin.“ Usyk könnte nach einem Sieg gegen Dubois auch seine Titel niederlegen – dann wären Kabayels Chancen noch größer. Sollte sich die Tür jetzt noch nicht öffnen, könnte er zunächst gegen Lawrence Okolie, den ehemaligen Cruisergewichts-Champion und aktuellen Nummer-1-Herausforderer der WBC, in den Ring steigen. Darüber wurde zuletzt zumindest spekuliert, möglicherweise könne dieser Kampf auch in Deutschland stattfinden, hieß es. Es wäre ein weiterer Schritt Richtung Box-Thron – auf dem Kabayel auf keinen Fall ins Stolpern geraten will.
Jetzt, wo er die Chance auf den großen Titel, den großen Ruhm und das große Geld wittert, gibt Kabayel nicht nach: „Ich will Weltmeister werden.“ Er wäre dann der erste Deutsche auf dem Schwergewichts-Thron seit Box-Legende Max Schmeling vor mehr als 90 Jahren. Ex-Profi Axel Schulz, der einst selbst an diesem Vorhaben gescheitert war, ist sich sicher: Wenn es einer in der nächsten Zeit schafft, dann Agit Kabayel. „Er ist der beste Schwergewichtler, den wir seit der Jahrtausendwende in Deutschland gesehen haben“, sagte Schulz. Aber hat er auch das Zeug zum Weltmeister?
„Alle da oben wissen: Gegen Agit Kabayel steht im Ring ein harter Arbeitstag bevor, das ist kein leicht verdientes Geld“, sagt er selbst. In der Tat beeindruckte der Bochumer in seinen zuletzt gewonnenen Kämpfen durch Willen, Instinkt und Nehmerqualitäten. Bei ihm wurde eine enorme Armreichweite gemessen, die Arme sind bei seiner Körpergröße von 1,91 Meter unverhältnismäßig lang. Dennoch ist der Distanz-Schlagabtausch mit vielen Jabs nicht sein Ding. „Ich bin nicht unbedingt dafür bekannt, diese Reichweite immer zu nutzen“, sagt Kabayel: „Ich bin eher ein Wühler, gehe in den Mann, dahin wo es wehtut. Ich suche gerne den Kampf.“
Diese Art sei vor allem für Usyk ein Problem, meint Kabayel. „Damit kommen sehr viele nicht zurecht, auch ein Usyk nicht, man muss das Kind dann auch beim Namen nennen“, sagt er: „Usyk kommt damit nicht zurecht, das hat man in der Vergangenheit gesehen, auch in seiner Amateur-Laufbahn: Er mag es gar nicht, auf den Körper getroffen zu werden.“ Usyk (38), der in 23 Profikämpfen noch keine Niederlage kassiert und schon Top-Boxer wie Tyson Fury, Antony Joshua und Dereck Chisora bezwungen hat, sei nicht unbesiegbar – glaubt Kabayel. „Ich weiß nicht, ob ich sein größter Albtraum bin. Aber er wird mit meinem Stil zu kämpfen haben“, sagte er selbstbewusst: „Ich werde ihn auf jeden Fall ins tiefe Wasser ziehen und gucken, ob er schwimmen kann. Das weiß er auch.“
„Warum soll er gegen uns boxen?“
Geht Usyk dem Deutschen also bewusst aus dem Weg? Eine gewagte These. Kabayels Trainer glaubt daran. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Usyk freiwillig gegen Agit kämpfen will“, sagt Sükrü Aksu: „Warum soll er gegen uns boxen? Wenn er gegen Agit kämpft, muss Usyk noch mehr abrufen als gegen Tyson Fury.“ Der Trainer vergleicht Kabayel sogar mit einem der Allergrößten des Sports: „Agit ist für mich der moderne George Foreman. Er marschiert nach vorne.“ Kabayel glaubt an seinen Sieg in einem möglichen Kampf nach dem Motto „David gegen Goliath“ gegen den Superstar aus der Ukraine: „Ob mein Stil dann sein Kryptonit ist, muss man sehen.“
Sollte es nicht zum erhofften Mega-Duell mit Usyk kommen, kann sich Kabayel auch einen WM-Kampf gegen IBF-Champion Daniel Dubois oder WBO-Interims-Weltmeister Joseph Parker vorstellen. Klar ist, dass sich das Schwergewichts-Boxen in den kommenden Jahren neu sortieren wird. Usyk deutete zuletzt immer wieder an, nur noch zwei Kämpfe bestreiten zu wollen. Einer davon ist der Mega-Fight gegen Dubois im Juli im Londoner Wembley-Stadion. Es gibt Gerüchte, dass er für sein letztes Duell gegen Ex-Weltmeister Wladimir Klitschko in den Ring steigen könnte. Usyks Landsmann liebäugelt aktuell mit einem Comeback – bei einem finanziell passenden Angebot, versteht sich. Ex-Weltmeister Tyson Fury hat seine Boxhandschuhe bereits an den Nagel gehängt. Von den nachrückenden Boxern sei Kabayel auf jeden Fall „der Mann, den man im Blick haben muss“. Das sagt zumindest Furys Vater John Fury. Andere Boxer hätten ihre Chance gehabt und vertan. „Ihre Zeit war da und ist gewesen. Agit Kabayel macht es für mich. Ich denke, am Ende kann er mit den Besten rocken“, sagte Fury senior: „Mir gefällt, was er macht. Er ist cool, ruhig, gefasst, steckt einen Schlag ein, steht wieder auf und gewinnt.“
Taktikwechsel brachte die Wende
Das bewies Kabayel eindrucksvoll beim Sieg gegen K.-o.-Monster Zhang Zhilei aus China im Februar. In der fünften Runde war der Deutsche vom 120-Kilo-Koloss auf die Bretter geschickt worden, sein Blick ging sofort Richtung Ringecke zu Trainer Aksu. Sein Schützling habe ein „Eisenkinn“, meint der Coach: „Der hat schon in der ersten Runde ein paar Sachen geschluckt, da habe ich gedacht: Boah, was ist das denn?! Wenn wir so weitergeboxt hätten, hätten wir verloren.“ Doch ein Taktikwechsel brachte die Wende, Kabayel ging vermehrt in den Innenfight und bearbeitete den Chinesen unermüdlich. In der sechsten Runde kam dann die Entscheidung: Kabayel schlug seinen Widersacher mit einem Leberhaken K. o. – es ist sein Paradeschlag. Seitdem wird er von manchen Medien auch „Leberking“ genannt.
Der Sieg gegen den bis dahin ungeschlagenen Zhang hat ihm in der Szene reichlich Kredit gegeben und in der Weltrangliste noch mal nach oben klettern lassen. Es scheint in der Tat nur noch eine Frage der Zeit, bis sich sein Traum von einem WM-Kampf erfüllt. Er hat sich diese Chance durch harte Arbeit und jahrelangen Verzicht schwer erkämpft. So kurz vor dem Ziel aufzugeben, ist daher keine Option für ihn. „Mit den ersten zehn Kämpfen habe ich keinen Cent verdient. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt“, erzählt der Ruhrpott-Junge: „Ich bin als Profiboxer durch die Gegend gelaufen, aber die Leute wussten nicht, dass ich finanziell am Ende war. Ich habe Kämpfe umsonst bestritten.“ Auch die Corona-Pandemie stoppte seinen Weg an die Spitze. „Eineinhalb Jahre konnte ich nicht boxen, musste aber trotzdem meine Steuern zahlen, mich finanzieren und meine Familie unterstützen“, sagt Kabayel: „Diese Existenzängste waren die Hölle.“
Beim Kirmesboxen wurde Kabayels Talent im Alter von 17 Jahren entdeckt. Er hielt im Ring gegen jemanden gut mit, der schon viele Amateurkämpfe bestritten hatte. Ein auf Facebook gepostetes Video von dem Kampf sah ein Boxtrainer, der ihn zum Training nach Wuppertal einlud. Dort traf er auch auf Sükrü Aksu, der bis heute sein Trainer ist. Der ihm das technische und taktische Rüstzeug vermittelte, denn Kabayel wurde nie im Amateurboxen ausgebildet. Angesichts dessen sei die Lern- und Leistungskurve seines Schützlings phänomenal, meinte Aksu. „Es gibt keinen Schwergewichtler, der so viele Kombinationen schlägt“, sagt der Coach: „Wie leicht Agit den Oberkörper wechselt und Schläge kombiniert“ – das sei mitunter „perfekt“. Vor allem im gewonnenen WM-Ausscheidungskampf gegen den Chinesen Zhang Zhilei im saudi-arabischen Riad. Das habe auch den aktuell besten Schwergewichtsboxer der Welt beeindruckt, meint Aksu: „Ich habe Usyk am Ring in Riad gesehen: Er hat Agit ganz genau verfolgt und ernst geguckt.“ Der Respekt des Ukrainers sei auch auf eine andere Weise zum Ausdruck gebracht worden, äußerte Kabayels Trainer: „Usyk hat Agits Namen perfekt ausgesprochen. Das heißt, er hat sich mit ihm schon beschäftigt.“
Kabayel ist weit gekommen, seit er im Juni 2011 im kleinen Gym von Wuppertal gegen Yeton Abdullah sein Profidebüt gefeiert hat. Doch ganz am Ende seines Ziels ist er noch nicht angekommen. Keiner hätte den WM-Titel mehr verdient als Agit Kabayel, meint sein Trainer Sukru: „Agit ist ein sauberer, korrekter Junge.“ Und ein loyaler Schützling. „Was meinen Sie, wie viele Angebote er am Tag bekommt, dass er mich verlassen soll, wie viele Schlauberger sagen, er soll den Trainer wechseln“, sagt Kabayels Langzeit-Coach: „Macht er nicht. Da bin ich ihm auch dankbar.“