Die Angst vor dem Biotonnen-Fehlwurf
Fehlwürfe kenne ich vom Basketball, wenn der Ball auf den Korbring prallt, eine Runde darauf dreht, um dann auf der falschen Seite runterzufallen – wieder aufs Feld statt durch die Maschen. Oder vom Kegeln: Man hat der Kugel einen ordentlichen Drall mitgegeben, der sie vom Bahnrand aus so eindrehen soll, dass sie genau das Ziel trifft. Aber dann entscheidet sie sich, doch von der Kante in den Graben abzudriften. Fehlwurf.
Neuerdings gibt’s eine noch traumatischere Fehlwurf-Möglichkeit, nämlich wenn man einen „Störstoff“ in die Biotonne wirft. Laut Abfallwirtschaftssatzung ist genau das verboten. Tut man es dennoch, egal ob absichtlich oder unabsichtlich, hat man einen Biotonnen-Fehlwurf verursacht und begeht damit eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld geahndet werden kann. Oder noch schlimmer: Die Müllabfuhr lässt die Tonne ungeleert stehen.
Seit Mai wird durch die Abfallentsorger überprüft, ob eine Biotonne Fehlwürfe enthält. Leider ist das nötig, denn in vielen grünen Tonnen tummeln sich bis zu 30 Prozent Störstoffe, darunter Batterien, Glasflaschen sowie Küchen- und Plastikgeräte. Ich schwöre, etwas derartiges hab’ ich mir nie zuschulden kommen lassen. Dennoch schlafe ich deutlich unruhiger, seitdem ich weiß, dass meine Biotonne jetzt auf Störstoffe überprüft wird. Unterlaufen mir nicht vielleicht doch gelegentlich Fehlwürfe? Und falls ja, findet das neue Detektionssystem diese tatsächlich heraus?
Das Störstoffdetektionssystem arbeitet mit Künstlicher Intelligenz, mit Fotos des Tonneninhalts vor und nach der Leerung, sowie mit Gewichtsüberprüfung. Genau vorstellen kann ich mir nicht, wie das funktioniert, befürchte aber, die KI weiß, was sie tut.
Neulich, vor der ersten detektierten Entleerung, hatte ich einen Mordsbammel, war früh aufgestanden und lauschte dem näherkommenden Müllfahrzeug. Wie war das nochmal mit dem Kaffeefilter? Der darf rein, oder? Und Zeitungspapier? Ja, aber wieviel davon? Verdammt, die Fischreste, sind die ein Fehlwurf? Nee, Fischgräten sind Bioabfall, glaube ich. Aber die biologisch abbaubaren Verpackungen sind tabu, wenn ich’s richtig verstanden habe. Mist, wie steht’s mit Teebeuteln? Ich hab’ Teebeutel in der Tonne! Benutzte. Natürlich benutzte, was sonst, aber da sind doch winzige Metallklämmerchen dran, da, wo das Teebeutelseil ans Markenzeichen-Papierteilchen drangetackert ist. Ist das schon ein Fehlwurf?
Ich schaue rasch in den Abfallversorger-Infos nach: Ah! Ein Prozent Fehlwurf ist erlaubt. Ungefähr zehn Teebeutel können unmöglich mehr als ein Prozent an der Gesamtmenge ausmachen. Und hier steht’s: Teebeutel sind kein Störstoff. Na dann schmeiß ich doch gerade noch den von der Tasse hinterher, die ich gerade trinke.
Das Müllauto naht. Ich gehe nochmal alles durch: Grasschnitt, Eier- und Bananenschalen … ruhig Blut, wird schon gutgehen. Ich höre angespannt, was vor meiner Haustür passiert: Lkw bremst. Schritte in Richtung Mülltonne. Rollende Plastikräder. Das Donnern meiner Biotonne beim Anschlagen an der Entsorgungsöffnung des Laster-Aufbaus. Wieder rollende Plastikräder … geschafft! Meine Tonne ist leer. Hat der Entsorgungsmitarbeiter überhaupt auf Störstoffe detektiert? Oder falle ich als guter Durchschnittsbürger vom Dorf gar nicht in die Fehlwurf-Rasterfahndung?
Um künftig nicht jeder Leerung schweißgebadet entgegensehen zu müssen, lerne ich einfach die Negativliste des Entsorgers auswendig und lasse Plastiktaschen oder Alufolie weiterhin von der Biotonnenkante direkt in die Hausmüll- oder die Gelbe Tonne abprallen.