Mit einem Startkapital von läppischen 72 Reichspfennigen legte Melitta Bentz den Grundstein für ein heute milliardenschweres Unternehmen. Gleichzeitig revolutionierte sie mit ihrem 1908 patentierten Filter die Kaffeekultur. Jetzt jährt sich ihr Todestag zum 75. Mal.
In einer Zeit, in der der patriarchalisch geführte Familienbetrieb der Inbegriff des deutschen Unternehmertums war, waren Frauen als Gründerinnen und Geschäftsführerinnen eines eigenen Betriebes fast noch so etwas wie Exoten. Doch entgegen dem allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Bild der bürgerlichen Dame, die allein in der Familie, der Kindererziehung und dem Haushalt ihre Lebensaufgabe zu sehen hatte, gab es kurz vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert im Reichsgebiet auch eine kleine Zahl von Unternehmenspionierinnen. Vor allem drei Namen dürften noch heute allgemein bekannt sein: der der Spielwarenfabrik-Gründerin Margarete Steiff, der Puppenmacherin Käthe Kruse sowie der Erfinderin des Kaffeefilters, Melitta Bentz. Sowohl Kruse als auch Bentz gelang dabei das Kunststück, die Rolle der Mutter und Hausfrau mit der einer erfolgreichen Geschäftsfrau zu verknüpfen und damit schon früh den Nachweis für die Vereinbarkeit von selbstständiger beruflicher Tätigkeit und familiären Verpflichtungen zu erbringen.
Mit Hammer und Nägeln schlug sie Löcher in die Dose
Melitta Bentz hatte ihr geschäftliches Augenmerk auf den Kaffee ausgerichtet, der im 17. Jahrhundert nach Europa gekommen war und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts dank großflächigen Anbaus auf südamerikanischen Plantagen als Wachmacher zum wohlfeilen Volksgetränk entwickelte. In Mitteleuropa waren damals verschiedene Methoden zur Zubereitung des Heißgetränks verbreitet. Am einfachsten war das Übergießen der gemahlenen Bohnen mit heißem Wasser, wobei man vor dem Einfüllen in die Tassen das Absetzen des Pulvers am Kannen-Boden abwarten musste. Alternativ konnte die dampfende Flüssigkeit durch Verwendung von oft muffigen Stoffbeuteln oder gängigen Keramik- beziehungsweise Metallsieben mehr schlecht als recht gefiltert werden. Der Legende nach hatte es Melitta Bentz 1908 im Alter von 35 Jahren endgültig satt, sich den Genuss ihres Lieblingsgetränks in ihrer Dresdner Wohnung ständig durch die bitter schmeckenden Kaffeekrümel vermiesen zu lassen.
Womöglich hatte sie in der Entwicklung eines neuartigen Kaffeefilters aber auch eine lukrative Geschäfts-idee gewittert, mit deren Hilfe sie dem kleinen Haushaltswarenladen ihres Ehemannes Johannes Emil Hugo Bentz, der vormals in einem Kaufhaus als Abteilungsleiter gearbeitet hatte, wirtschaftlich auf die Sprünge helfen wollte. Kurzerhand schlug sie mit Hammer und Nagel zunächst kleine Löcher in den Boden einer leeren Konservendose. Anschließend wurde der Konservenboden mit exakt zurechtgeschnittenem Löschpapier aus dem Schulheft ihres Sohnes bedeckt. In diesen provisorischen Filter schüttete sie das Kaffeepulver ein, übergoss es mit kochendem Wasser und konnte sich an einem aromatischen, krümelfreien und deutlich weniger Bitterstoffe aufweisenden Kaffee erfreuen. Das Ergebnis revolutionierte die bisherige Kaffeezubereitung, und so führte sie ihre Idee wenig später ihren hellauf begeisterten Freundinnen bei privaten Kaffeekränzchen vor.
1929 Firmenumzug nach Minden
Da Melitta Bentz, die am 31. Januar 1873 in Dresden unter dem Namen Amalie Auguste Melitta Liebscher als Tochter eines Verlagsbuchhändlers das Licht der Welt erblickt hatte, schnell das große kommerzielle Potenzial ihrer Erfindung erkannt hatte, tüftelte sie umgehend an der Optimierung ihres ersten Filters und meldete ihre Innovation am 20. Juni 1908 beim Kaiserlichen Patentamt als „Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern“ an. Nachdem das gewerbliche Schutzrecht wenig später erteilt wurde, ließ sie ihre Firma „M. Bentz, Marschallstraße 31“ am 15. Dezember 1908 mit einem Startkapital von 72 Reichspfennigen ins Dresdner Handelsregister eintragen. Erster Firmensitz war ein Zimmer ihrer Familienwohnung in der nicht mehr existierenden Marschallstraße im heutigen Viertel Johannstadt. Ehemann Hugo und die beiden Söhne Horst und Willy waren die ersten Mitarbeiter. Die ersten 50 Filterkörper ließ Melitta Bentz durch eine westfälische Metallwarenfabrik herstellen, das erste Filterpapier durch eine sächsische Papierfabrik.
Zur Vermarktung ihres Produktes musste Ehemann Hugo zunächst die örtlichen Geschäfte abklappern, wobei er in ausgewählten Läden das Funktionsprinzip des Filters durch persönliche Auftritte in den Schaufenstern präsentierte – eine Aufgabe, die später ab 1926 durch sogenannte Vorführdamen übernommen wurde. Die beiden Söhne lieferten die ersten georderten Waren zum Stückpreis von damals 1,25 Mark mit Hilfe von Bollerwagen an die frühen Kunden aus. Auf der Leipziger Messe im Jahr 1909 konnte das junge Unternehmen bereits stolze 1.200 Filtermodelle verkaufen, ein Jahr später wurde der sogenannte Filtrierapparat auf der internationalen Hygieneausstellung in Dresden mit der Gold-Medaille ausgezeichnet, wobei es sich um einen Rundfilter aus Aluminium gehandelt hatte. 1911 ließ sich das Ehepaar Bentz „Melitta“ für „Kaffeefilter“ markenrechtlich schützen, zwei Jahre später wurde der „Melitta“-Markenschutz auf „Haus- und Küchengeräte, Filtrierpapier, Koch- und Heizapparate“ ausgeweitet.
Das florierende Unternehmen sah sich aus Platzgründen 1914 zu einem Umzug in eine ehemalige Schlosserei in der Wilder-Mann-Straße in Dresden-Trachau veranlasst. Dort wurden eigene Maschinen zur Filterherstellung aufgestellt und 15 Mitarbeiter eingestellt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte einen schweren Rückschlag, da Ehemann Hugo eingezogen wurde, Papier zum knappen Gut wurde und der Kaffee-Import ins Reich zum Erliegen kam. Melitta Bentz rettete ihr Unternehmen durch den Umstieg auf die Kartonage-Herstellung. Nach Kriegsende gelang schnell die Rückkehr in die Erfolgsspur, 1922 begann das Unternehmen, dessen Produktpalette auf die Produktion von Konservengläsern, Fruchtsaftfiltern oder auch Sparbüchsen verbreitert wurde, auch schon in die Schweiz und die Tschechoslowakei zu exportieren. Mit dem Eintritt des ältesten Sohnes Willy in die Geschäftsleitung wurde die Firma 1923 in „Bentz & Sohn OHG“ umbenannt. Zum Schutz vor Nachahmern wurde 1925 die heute noch übliche rot-grüne Farbkombination für die Filterpapierpackungen eingeführt und markenrechtlich geschützt.
1927 beschäftigte die Firma bereits 80 Mitarbeiter im Doppelschichtbetrieb, wobei Melitta Bentz auf vorbildliche Sozialleistungen wie überdurchschnittlich hohe Gehälter großen Wert legte.
Zwei Milliarden Euro Umsatz
Bei einer privaten Reise hatte das Ehepaar Bentz im westfälischen Minden eine stillgelegte Schokoladenfabrik kennengelernt. Genau das ideale Domizil, um die weitere Expansion, für die man in Dresden keine entsprechenden Räumlichkeiten mehr gefunden hatte, weiter vorantreiben zu können. Gegen einen Verbleib in der Sachsen-Metropole sprach auch eine Erhöhung der Gewerbesteuer, während die Stadt Minden das Unternehmen mit einem fünfjährigen Erlass jeglicher Realsteuern lockte.
Der Umzug ging Ostern 1929 in wenigen Tagen über die Bühne, verbunden mit dem Eintritt des zweiten Sohns Horst in die Firmenleitung, der fortan – vor allem 1932 nach dem Rückzug der Eltern aus dem operativen Tagesgeschäft und der neuerlichen Umbenennung des Betriebes in „Melitta-Werke AG“ – für mehr als 50 Jahre die wesentlichen Geschicke des Hauses lenken sollte. Zwischen 1932 und 1937 wurde der Metall-Rundfilter zu einem Schnellfilter aus Porzellan oder Keramik weiterentwickelt. 1936 erhielt der Filter dann seine typische konische Form mit ovalem Boden. Dazu wurden die passenden spitz zulaufenden Filtertüten entworfen, die perfekt auf der gerippten Innenwand auflagen. Ein Jahr später wurde der klassische, wie von Hand verfasste Melitta-Schriftzug eingeführt.
Während der NS-Zeit spielte das Unternehmen vor allem wegen des Sohnes Horst Bentz eine wenig rühmliche Rolle. Nach Kriegsausbruch war die Produktion von Kaffeefiltern verboten, Melitta musste sich auf die Herstellung von Munitionsgurten oder Haushaltsgeräten wie Töpfen oder Pfannen umstellen. Wegen des gegen Horst Bentz nach Kriegsende eingeleiteten Entnazifizierungsverfahrens kehrte seine Mutter Melitta kurzzeitig an der Seite ihres Sohnes Willy in die Unternehmensführung zurück. Am 29. Juni 1950 verstarb Melitta Bentz im Alter von 77 Jahren in Holzhausen an der Porta Westfalica unweit von Minden.
Aus einem winzigen Wohnzimmer-Unternehmen hat sich die Melitta Group Management GmbH & Co. KG unter ihrem persönlich haftenden Gesellschafter Jero Bentz zu einem Global-Player mit einem Jahresumsatz von über zwei Milliarden Euro und rund 6.000 Beschäftigten entwickelt. Wobei Kaffeefilter und Filtertüten inzwischen weit hinter anderen Geschäftsfeldern mit der Sparte Kaffee an der Spitze zurückstehen – so brachte Melitta beispielsweise 1962 als erster Anbieter gemahlenen Kaffee in einer Vakuumverpackung auf den deutschen Markt und präsentierte 1965 eine der ersten elektrischen Kaffeemaschinen.