1950 zweifelte niemand daran, dass Brasilien als Gastgeber der Fußball-WM den Titel holen würde. Zu überlegen agierte das Team. Doch im Spiel gegen den kleinen Nachbarn Uruguay kam alles anders. Ein Ergebnis, das bis heute nachhallt.
Brasilien besitzt die erfolgreichste Fußballnationalmannschaft der Geschichte: Fünf Weltmeistertitel konnte noch keine andere Nation erringen, niemand sonst durfte so oft jubeln. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Kaum jemand musste schon so brutal leiden wie die fußballverrückte brasilianische Nation. Natürlich ist gerade in Deutschland noch jedem das legendäre und unglaubliche 7:1 bei der Weltmeisterschaft 2014 in Erinnerung. Im Halbfinale in Brasilien konnte das deutsche Team diesen Kantersieg gegen die Gastgeber einfahren. Gegen ein brasilianisches Team, das unter dem immensen öffentlichen Druck zusammenbrach.
Wer sich an die Bilder der weinenden Fans und Spieler erinnert und denkt, diese sei wohl die schlimmste aller brasilianischen Niederlagen gewesen, liegt falsch. Vor genau 75 Jahren war alles noch ein Stück heftiger. Auch damals fand die Weltmeisterschaft in Brasilien statt. Die Umstände der ersten WM nach dem Zweiten Weltkrieg waren reichlich chaotisch: Mehrere Teams, die qualifiziert waren, sagten die lange Anreise ab. Andere, die als Ersatz geplant waren, ebenso. Somit ergab sich in der Vorrunde die absurde Situation, dass die Spiele in zwei Vierergruppen, einer Dreiergruppe und einem Ausscheidungsspiel zwischen Uruguay und Bolivien ausgetragen wurden. Uruguay, das kleine Nachbarland Brasiliens, hatte keine Mühe mit dem Gegner, setzte sich mit 8:0 durch und erreichte somit direkt die Endrunde. Dies war die einzige, bei der der Sieger mit einem Gruppensystem ermittelt wurde. Jede der vier Mannschaften spielte einmal gegeneinander. Neben Uruguay und Brasilien kamen auch Schweden und Spanien in die Finalrunde.
Zeitungen druckten vorab Siegesartikel
Der Spielplan sah vor, dass die beiden südamerikanischen Mannschaften erst am Ende aufeinandertreffen sollten. Die favorisierten Brasilianer mit ihrem Superstar Ademir rollten über die beiden europäischen Mannschaften hinweg: Mit 7:1 deklassierten sie die Schweden und schickten die Spanier mit 6:1 vom Platz. Uruguay tat sich ungleich schwerer: Gegen Spanien erreichte das kleine Land nur ein Unentschieden, gegen Schweden lag es bis 13 Minuten vor Schluss mit 1:2 zurück, ehe es das Spiel drehte und noch 3:2 gewann. Gerade einmal 8.000 Zuschauer hatten dieses Spiel in São Paulo gesehen. Diese Ergebnisse verfestigten natürlich den Glauben, dass der Weltmeister nur Brasilien würde heißen können. Zumal das entscheidende Spiel gegen Uruguay im Maracanã stattfinden würde. In Rio de Janeiro war extra für die WM das größte Fußballstadion der Welt gebaut worden. Jetzt warteten dort zwischen 170.000 und 200.000 Fans (man kennt die Zahl nicht genau) darauf, dass Brasilien zum ersten Mal Weltmeister werden würde. Niemals sollen mehr Menschen ein Fußballspiel verfolgt haben.
Unter ihnen befand sich auch der heute 100 Jahre alte Jayme Araújo, jüngerer Bruder des bekannten Komponisten Severino Araújo und selbst Saxofonist und Klarinettist. Das Erste, was er im Gespräch mit FORUM sagt, ist: „Brasilien hätte nur ein Unentschieden gebraucht, hat aber verloren.“ An eine Eintrittskarte zu kommen, sei nicht sonderlich schwer gewesen, erzählt er. Er habe nur sehr früh aufstehen müssen. Auch seien die Tickets nicht besonders teuer gewesen: „Die Preise waren fix.“ Wie heute erinnert sich Araújo an den Spielverlauf: „Friaça hat das 1:0 gemacht. Dann hat Uruguay ausgeglichen und das 2:1 gemacht. Alle waren sich so sicher … deswegen war es eine so große Enttäuschung.“ Das Datum hat der Hundertjährige nie vergessen: „Es war der 16. Juli 1950.“ Sogar die Minuten weiß Araújo noch: In der 47. ging Brasilien in Führung, in der 66. glich Uruguay durch Juan Schiaffino aus, ehe Alcides Ghiggia in der 79. Minute das 2:1 schoss.
Später sagte der Siegtorschütze zur Tragweite seines Treffers: „Nur drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.“ Viele machten später den brasilianischen Torhüter Moacyr Barbosa für den Gegentreffer verantwortlich. Von ihm ist ein Zitat überliefert, das er kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 abgegeben haben soll: „Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe.“ Auch Araújo sieht das so: „Für mich war Barbosa nicht schuld. Ich denke, es war mehr ein Fehler in der Deckung auf der rechten Seite.“ Richtig ist allerdings, das zeigen die Filmaufnahmen, dass der Ball in der sogenannten Torwartecke einschlug – Barbosa hatte wohl mit einem Abspiel gerechnet.
Eine der vielen unglaublichen Geschichten, die sich um dieses Spiel ranken, hat mit der Hybris brasilianischer Medien zu tun. Die machten nämlich etwas, was sich danach wohl nie mehr wiederholte: Sie erklärten vor dem Ergebnis eines Fußballspiels eine Mannschaft bereits zum Sieger. Die Frühausgabe der Tageszeitung „O Mundo“ druckte ein Foto der brasilianischen Mannschaft und schrieb darunter: „Dies sind die Weltmeister.“ Der Kapitän der Uruguayer, Obdulio Varela, hatte das mitgekriegt und sich einige Exemplare besorgt, so steht es ganz offiziell auf fifa.com zu lesen. Er soll seinen Mannschaftskameraden befohlen haben, auf diesen Zeitungen herumzutrampeln und gar auf sie zu urinieren.
WM-Pokal klammheimlich übergeben
Derweil wurden die brasilianischen Spieler kurz vor dem Anpfiff auch vom Bürgermeister Rio de Janeiros, Ângelo Mendes de Moraes, schon zu Weltmeistern erklärt: „Ihr Brasilianer, die Ihr in wenigen Stunden von Millionen Landsleuten als Weltmeister gefeiert werdet; Ihr, die Ihr keinen Gegner in dieser Hemisphäre kennt … Euch gratuliere ich jetzt schon.“ Auch diese Verfehlung soll zu den Ohren der Uruguayer gedrungen sein und sich als perfekte Motivation erwiesen haben. Was mag in den brasilianischen Spielern in diesem Moment vorgegangen sein, die ja wussten, dass da erst einmal noch ein Fußballspiel zu spielen war? Nach dem Abpfiff weinten jedenfalls die uruguayischen Spieler vor Glück, die Brasilianer vor Scham. Die pompös geplante Siegesfeier fiel aus – was dazu führte, dass der damalige Fifa-Präsident Jules Rimet zunächst gar nicht wusste, was er nun mit dem nach ihm benannten Pokal tun sollte. Als er Obdulio Varela erspähte, drückte er ihm die Siegestrophäe ganz still in die Hand. „Ich sagte nichts zu ihm und er auch nichts zu mir. Die Stille im Stadion hätte es nicht erlaubt“, erzählte Rimet hinterher. Torjäger Ademir stieg nach dem Spiel sofort in sein Auto und fuhr zur 90 Kilometer entfernten Insel Itacuruçá. In der dortigen Abgeschiedenheit verbrachte er die nächsten zwei Wochen: „Ich musste allem entfliehen.“
„Habe das bis heute nicht vergessen“
Heute völlig unvorstellbar ist das, was der uruguayische Kapitän Varela nach dem Spiel anstellte: Er ging doch tatsächlich in eine Bar für einen Drink. „Ich hoffte, dass mich niemand erkennen würde.“ Sogar um sein Leben habe er gefürchtet, doch dann geschah das Unglaubliche: „Sie gratulierten mir, obwohl sie am Boden zerstört waren, und tranken etwas mit mir.“ Es sollte nicht die letzte Freundschaft gewesen sein, die Varela mit Brasilianern schloss. Wie der britische Schriftsteller Alex Bellos in seinem sehr lesenswerten Buch „Futebol“ berichtet, nahmen Ademir und sein Stürmerkollege Zizinho Kontakt mit Varela auf. „Ich unterhielt mich einmal mit Ademir und sagte ihm, dass ich an den Hundesohn (gemeint war Varela) denke und ihn gern wiedersehen würde“, wird Zizinho zitiert. Das beruhte auf Gegenseitigkeit und endete damit, dass sich die einstigen Kontrahenten des Spielfelds gegenseitig besuchten.
Nach der Niederlage gegen das kleine Nachbarland lag Brasilien in tiefer Trauer. Lange hielt sich das Gerücht, dass Fans sogar Selbstmord begangen hätten aufgrund der niemals erwarteten Niederlage. Das Unvorstellbare war geschehen, der Fußball hatte für einen völlig unerwarteten Sieger und einen brutal auf dem Boden der Tatsachen gelandeten Favoriten gesorgt. Vier Jahre später sollte sich genau das schon wieder ereignen – beim Sieg der deutschen Nationalmannschaft um Fritz Walter gegen die zuvor mehr als vier Jahre ungeschlagenen Ungarn. Für den 100 Jahre alten Jayme Araújo sind die Schmerzen der Niederlage auch 75 Jahre danach noch immer präsent: „Ich habe das bis heute nicht vergessen. Es hat einen sehr verletzt. Niemand vergisst das!“