Die Katastrophe des 21. Jahrhunderts: Hunderte Millionen Menschen verlieren ihr Zuhause, weil die Erderwärmung ihre Lebensgrundlagen zerstört. Flucht, Verteilungskämpfe und Kriege als Folgen des menschengemachten Klimawandels: Wer nimmt die Menschen auf?
Der Berg stürzt auf Blatten. Die Bewohner können nur noch fliehen, kaum etwas mitnehmen. Schwer wird es auch, im Nachhinein etwas auszugraben. Geschätzt drei Millionen Kubikmeter Fels, Geröll und Eis des Birchgletschers fallen im Mai 2025 ins Tal. Sie begraben das kleine Dorf im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis unter 50 bis 200 Metern Schlamm und Schutt. Ein Szenario, das an Pompeji erinnert. Die antike Stadt, die der grummelnde Vulkannachbar mit seinem Auswurf erstickte. Eine Katastrophe mit Ansage, die sich doch keiner vorstellen mochte.
Betroffen, wer eh schon wenig besitzt
Wie so vieles, was jenseits „normaler“ Erderuptionen dieser Tage im Klimawandel passiert und was schon längst keine Überraschung mehr ist. Überwältigend sind jedoch die Folgen klimawandelbedingter Vertreibung. Und sie ist weltweit zu beobachten. Schon jetzt. Die 300 Blattener Dorfbewohner werden in eine andere Gegend der Schweiz ziehen. In einem wohlhabenden Land. Immerhin ein Trost in all dem schrecklichen Verlust.
Schlimmer noch: die zerstörerische Erderwärmung trifft Menschen, die erst alles verlieren und dann in Regionen weiterziehen, in denen die Bewohner selbst kaum etwas haben. Binnenmigration wird so schnell zum Ausgangspunkt für einen Kampf um das Wenige, das die kargen Bedingungen zum Überleben hergeben. Klimaflucht entwickelt sich zur Ursache für Kriege. Für Konflikte und Kämpfe aufgrund des Klimawandels wird die Erde in diesem Jahrhundert häufig Schauplatz sein. Weil sie immer wärmer wird. Weil die Küsten immer schneller wegbrechen. Weil das Meer den Anwohnern näherkommt und auch zwischenzeitlich immer häufiger überflutet. Obwohl sich die Menschen anpassen, wo es geht. Doch ab einem gewissen Punkt oder gar Kipp-Punkt ermöglichen Umwelt- und Klimaveränderungen kein Leben mehr.
Für immer mehr Menschen: Etwa, wenn Trinkwasser auf Dauer versiegt und Anbaubemühungen durch Dürren im Keim erstickt werden. Wir müssen davon ausgehen, dass Dürren, Hitze, Überschwemmungen und Nahrungsunsicherheit durch den raschen Klimawandel krass zunehmen und gewaltige Konflikte im Gepäck haben werden.
Von solch verheerenden Folgen künden seit einigen Jahren auch die Berichte des Weltklimarats IPCC. Wissenschaftler, Politiker und internationale Organisationen diskutieren einen Klimapass für Klimaflüchtlinge. Denn neben missachteten Menschenrechten löst zunehmend der menschengemachte Klimawandel Flucht und Vertreibung aus. Klimapässe könnten dazu beitragen, dass Migration aus unbewohnbaren Gebieten nicht als chaotische Flucht, sondern als menschenwürdige, geregelte und völkerrechtlich anerkannte Umsiedlung abläuft.
Klimapass soll Zuflucht erleichtern
Experten halten es für schwierig, eine unbewohnbare oder zumindest zeitweise stark veränderte Umwelt als Kriterium in die Genfer Flüchtlingskonvention aufzunehmen. Einsicht und Freiwilligkeit sind gefragt. Auch die Einsicht etwa, dass weniger Menschen ihre Heimat verlassen müssten, wenn wir bei Klimawandel und Erderwärmung entschlossener auf die Bremse treten würden. Warum nicht mit einem Tempolimit im Autoverkehr beginnen?
Bereits 2021 schätzte die Weltbank, dass bis 2050 bis zu 216 Millionen Menschen allein innerhalb ihrer Länder durch klimabedingte Veränderungen vertrieben werden könnten. Hinzu kommen Menschen, die in andere Staaten ausweichen müssen.
Flucht als Notwehr, weil das Land der Klimamigranten unter Wasser liegt. Weil das Ackerland, von dem sie lebten, wie ihr Trinkwasser durch wiederkehrende Sturmfluten versalzen ist. Weil der Permafrost der Erderwärmung nicht mehr standhalten kann. Weil die Menschen zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen haben. Thailand, Venedig, Florida, pazifische Inseln, Sylt – die Abschiedstouren zu Spots, die vom Untergang bedroht sind, haben längst begonnen.
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen Politikberatung. Der SVR stellte in seinem Jahresgutachten 2023 zum Umgang mit klimabedingter Migration drei Maßnahmen vor, die einzelne Staaten umsetzen können:
1. Einen Klimapass: Dieser Pass soll einen dauerhaften Aufenthalt ohne Bedingungen ermöglichen, falls ein Land unbewohnbar wird. Einen internationalen Klimapass forderte bereits 2018 der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“. Vorbild sollte der Nansen-Pass für Staatenlose sein, der nach dem Ersten Weltkrieg Hunderttausenden Menschen Zuflucht ermöglichte. Nach Vorstellungen des Beirats sollte der Pass zunächst Bewohnerinnen und Bewohnern besonders vom Klimawandel bedrohter flacher Inselstaaten Zugang und staatsbürgerliche Rechte in sicheren Staaten gewähren. Nachfolgend sollte er auch vom Klimawandel „massiv betroffenen Bürger*innen anderer Staaten und Binnenvertriebenen eine frühzeitige, freiwillige und würdevolle Migration ermöglichen.“ Die Berater wollten Staaten mit hohen Emissionen und damit großer Verantwortung für den Klimawandel in die Pflicht nehmen. Sie sollten sich, dem Verursacherprinzip folgend, als Aufnahmeländer zur Verfügung stellen. Allerdings enthalten die globalen Pakte für Migration und Flüchtlinge (GCM), die 2018 erstmals klimatische Veränderungen als Ursache für Vertreibung anerkannten, lediglich Leitlinien, keine Verpflichtungen.
2. Eine Klimacard: Diese Karte soll einen temporär befristeten Aufenthalt bewirken, falls ein Land nach einem Naturereignis sehr verwüstet ist und Menschen vorübergehend das Land verlassen müssen.
3. Ein Klima-Arbeitsvisum: Dieses Visum soll Arbeiten und Leben andernorts befördern, falls schleichende Umweltveränderungen die Lebensbedingungen im Heimatland erheblich verschlechtern.
Oft treffen Veränderungen durch das Klima auf eine sowieso schon schwierige Umwelt. Ein wenig können Entwicklungsländer selbst dazu beitragen, die Erderwärmung und den damit verbundenen Migrationsdruck zu bremsen. Wenn ihnen die Industriestaaten dabei helfen. „Klimafinanzierung ist keine Entwicklungshilfe – sie ist eine hochrentable Investition in die globale wirtschaftliche Stabilität und Klimasicherheit zum Nutzen aller“, hieß es jüngst im Wissenschaftsmagazin „Nature“. Der Artikel wurde von den wissenschaftlichen Direktoren des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer und Johan Rockström, mitverfasst. Nachgewiesene CO₂-Minderung im globalen Süden sollte mit massiven staatlichen Zuschüssen belohnt werden. Das wäre für die Geberländer aufgrund vermiedener Klimaschäden hochprofitabel. Von bis zu 500 Prozent Rendite aufgrund vermiedener Klimaschäden ist die Rede. „Das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass planetarische Kipppunkte überschritten werden, einschließlich des Zusammenbruchs von Eisschilden, Meeresströmungen, Korallenriffen und Permafrost“, warnt das Forschungsteam. „Dies würde das Leben und die Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen bedrohen.“
Lebenswandel muss angepasst werden
Beispielsweise droht der Rückgang der Gletscher am Kilimandscharo, die Trinkwasserknappheit zu verstärken. Die Schmelze der Himalaya-Gletscher führt zu Überschwemmungen in den Flusssystemen Indus, Ganges und Brahmaputra. In Bangladesch sind Millionen Menschen regelmäßig von Überschwemmungen betroffen und werden immer häufiger zur Flucht gezwungen, viele migrieren in die Hauptstadt Dhaka. Prognosen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten etwa elf Prozent der Landesfläche Bangladeschs durch den Meeresspiegelanstieg verloren gehen werden.
Schauen wir auf Ghana. Die Temperaturen steigen, die Regenzeiten werden intensiver und die Trockenzeiten länger. Überschwemmungen und Dürren führen zu Ernteausfällen und bedrohen die Lebensgrundlagen vieler Menschen. Junge wie alte Menschen passen ihr Leben dem Klimawandel an. Sie versuchen beispielsweise, mit wassersparenden Methoden Landwirtschaft zu betreiben. Wegen der Dürren werden dennoch viele zu Binnen-Klimaflüchtlingen. Sie wandern vom Norden in den Süden. Die Bewohner bemühen sich, mit Wiederaufforstung das Land vor fortschreitender Erosion und Überflutung zu schützen. Allen Küstenschutzmaßnahmen zum Trotz, verlieren viele Familien bereits heute ihre Häuser und Felder an das Meer. Ihnen bleibt dann auch im Süden nichts als umzusiedeln.
Besonders schwierig ist die Situation für Frauen, die eigentlich vor der Verfassung gleichgestellt sind: In vielen ländlichen Regionen Ghanas leisten Frauen einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit. Sie besitzen traditionell aber nur selten eigenes Land oder haben gesicherte Nutzungsrechte. Wenn Landnutzungsrechte für Frauen fehlen, haben sie bei Umsiedlungen oder Flucht oft keinen Anspruch auf neues Land oder Entschädigung.
Vertreibung durch Naturkatastrophen
In Ostafrika und der Sahelzone treiben Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle Millionen Menschen in die Flucht. In Äthiopien wurden Hunderttausende, im Südsudan fast eine Million Menschen durch Naturkatastrophen vertrieben. Es wird eng, besonders wenn die Schutz- und Rückzugsgebiete immer weniger werden. Die Menschenrechtsorganisation FIAN und die NGO Focus on the Global South veröffentlichten Anfang Juni ihren Bericht „Lords of the Land: Transnational Landowners, Inequality and the Case for Redistribution“. Der Studie zufolge kontrollieren die zehn größten privaten Landbesitzer weltweit zusammen über 400.000 Quadratkilometer Land – eine Fläche so groß wie Japan. Landaneignung gehe oft mit Gewalt, Zwangsräumungen, Umweltzerstörung und Klimaauswirkungen einher, heißt es in einer Pressemitteilung zur Studie. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten bis zu 640 Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen werden.
Noch schützen Deiche Deutschlands Norden. Für die Niederlande, die unter dem Meeresspiegel liegen, sind die Aussichten für manche Landstriche schlechter. Sie könnten aufgegeben werden. Beispielsweise für die USA gibt es digitale Werkzeuge, die lokal vor Folgen des Klimawandels warnen. Ein Kartenklick oder die Postleitzahl verraten, wie weit sich Menschen an Sturmfluten und andere Katastrophen anpassen müssen. Und wann. Oder ob sie besser beizeiten gehen.
Auf der Grundlage von 51 Millionen Datensätzen zeigt „Climate Central“ mithilfe des Programms „CoastalDEM“ auf einer interaktiven Karte, welche Orte am stärksten von Überschwemmungen bedroht sind. Eckdaten sind hier die Jahre 2050 und 2100. Forscher der erwähnten US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation „Climate Central“ kommen in einer Studie zum Schluss, dass bis zum Jahr 2100 bis zu 640 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren könnten – wenn der weltweite CO2-Ausstoß nicht drastisch reduziert wird. Also auch der Klimawandel und damit der Anstieg der Meeresspiegel nicht gebremst werden. Die Lawine rollt.