Die Erleichterung über den Premieren-Meistertitel war vor allem Jaron Siewert anzumerken. Der Trainer zerstreute leichte Zweifel, er sei für den ganz großen Coup bei den Füchsen Berlin vielleicht zu jung.
Kaum zu glauben, aber wahr: Jaron Siewert, der schon lange als riesengroßes Trainertalent gilt und früher sogar als „Julian Nagelsmann des Handballs“ bezeichnet wurde, war in der Trainer-Ausbildung gar kein Überflieger. Tatsächlich fiel der heutige Meistercoach der Füchse Berlin bei der Prüfung für die A-Lizenz zunächst durch. Siewert musste in eine Nachprüfung gehen und diese bestehen. Dort wurde er nach seinen Zielen als Trainer gefragt, seine Antwort damals lautete nach eigener Aussage: „Mal die Champions League oder die deutsche Meisterschaft mit Paul Drux und Fabian Wiede zu gewinnen.“ Zumindest Letzteres hat er sich erfüllt – und das mit gerade mal 31 Jahren. „Jetzt hat sich der Kreis geschlossen, schon relativ früh in meiner Karriere“, sagte Siewert dem RBB: „Ich bin in Reinickendorf geboren, bin dort zur Schule gegangen, habe nur bei den Füchsen gespielt. Jetzt Meister geworden zu sein, ist natürlich ein Mega-Ding.“
„Die glücklichsten Menschen der Erde“
Was soll da jetzt noch kommen? Der Angriff auf den Champions-League-Titel wäre so eine Herausforderung, die Siewert reizen dürfte. In der abgelaufenen Mega-Saison verpassten die Füchse den Triumph in der Königsklasse, als sie sich im Endspiel des Final Fours dem Ligakonkurrenten SC Magdeburg klar geschlagen geben mussten. Das Double blieb dem Team um Rückraum-Superstar Mathias Gidsel zwar verwehrt, dennoch war Siewert „mega stolz“ auf das Erreichte: „Was war das für ein Ritt, besonders die letzten sechs Monate nach der Winterpause? Was haben wir da alles für Spiele geliefert?“ Er, die Spieler und alle Beteiligten im Club hätten das Recht, sich wie „die glücklichsten Menschen auf der Erde“ zu fühlen.
Er selbst wurde auch noch mit der Auszeichnung zum „Trainer der Saison“ gekürt. „Das ist sehr verdient. Jaron ist ein absoluter Zukunftstrainer, für unsere Mannschaft und für Deutschland“, sagt der Däne Gidsel. Ein solches Lob aus dem Munde des Welthandballers, der eine überragende Saison gespielt hat, sagt viel aus. Auch für Sportvorstand Stefan Kretzschmar, der mit Siewert bei den Füchsen sehr eng zusammenarbeitet und ihm auch in schwierigen Zeiten intern wie extern immer den Rücken gestärkt hat, ist es eine verdiente Auszeichnung: „Erst einmal ist er ein tadelloser Mensch, mit dem es Spaß macht zusammenzuarbeiten. Zweitens hat er es als Trainer verdient, weil er ein gutes Konzept für die Mannschaft entwickelt hat. Drittens ist er für die Füchse Berlin ein Teammanager, weil er die Mannschaft zusammenhält.“
Siewert selbst will die Sommerpause nutzen, um sich vor allem mental von den Strapazen zu erholen. Den Titel-Druck, den ambitionierten Hauptstadtclub nach missglückten Versuchen in den vergangenen Jahren endgültig zu Meisterehren zu führen, spürte er deutlich. „In den letzten zwei, drei Monaten war die Anspannung extrem groß“, gab Siewert zu. Der packende Dreikampf an der Spitze mit den Konkurrenten aus Magdeburg und Melsungen war nichts für schwache Nerven. „Niemand durfte sich eine Niederlage erlauben, selbst ein Punktverlust bedeutete fast schon das Ausscheiden aus dem Titelkampf“, sagte der Berliner Trainer. Er gab zu, „ein paar schlaflose Nächte“ gehabt zu haben, weil „die Anspannung vor jedem Spiel immens groß“ gewesen sei. Er wolle sich darüber aber gar nicht beschweren, denn: „Druck ist etwas Positives.“ Man habe die Erwartungshaltung, die zu einem großen Teil auch von innen herauskam, „als Rückenwind aufgenommen“, beschrieb es Siewert. Man habe den Druck „wirklich ausgehalten und mit dem Gewinn des Meistertitels dann sozusagen vergoldet“.
Und doch dürfte Siewert froh sein, dass der Titelgewinn endlich unter Dach und Fach ist. Denn nachdem sein talentiertes Team in den Vorjahren in den entscheidenden Momenten regelmäßig Nerven gezeigt hatte, war auch der Trainer zumindest in den Medien mitunter hinterfragt worden. Leichte Zweifel, ob dem sehr jungen Coach vielleicht die Erfahrung für den ganz großen Wurf fehlt, wurden laut. Doch diese Zweifel hat Siewert nun endgültig ausgeräumt. Gegen Skepsis anzukämpfen, war für ihn nicht neu. „Ich war schon mit 23 Jahren der jüngste Zweitliga-Trainer. Ich konnte mit den Schlagzeilen umgehen“, sagte der frühere Trainer von TUSEM Essen. Auch als ihn Geschäftsführer Bob Hanning vor fünf Jahren nach Berlin zurückholte und den früheren Füchse-Jugendcoach gleich mit dem Posten des Cheftrainers ausstattete, spürte Siewert die Zweifel. Er selbst legte diese aber schnell ab. „Vom Können her war ich mir relativ schnell sicher, dass ich das gewuppt kriege. Zum Glück ist dann auch alles so eingetreten, wie wir uns das alle erhofft haben“, sagte er.
Und selbst wenn nicht: Siewert hat auf dringlichste Weise erfahren, dass sportlicher Erfolg im Leben nicht das Wichtigste ist. Im Sommer vor drei Jahren erlitt er einen leichten Schlaganfall, der seine Sicht auf die Dinge noch mal etwas veränderte. „Ich bin reflektierter, lebensbejahender geworden“, sagte er: „Man weiß nie, wie schnell der Erfolg ein Ende findet.“ Seitdem lebt er zwar noch etwas bewusster – aber nicht wirklich anders als zuvor. „Ich habe die Ärzte auch gefragt, ob ich in meinem Leben etwas ändern muss, aber es gibt nichts“, verriet der Coach. Doch da er weder raucht noch viel Alkohol trinkt, sich dafür gesund ernährt und Sport treibt, konnten ihm die Ärzte keinen Tipp geben. Er nimmt jetzt zwar Blutverdünner und lässt sich in regelmäßigen Abständen kontrollieren, doch wirkliche Einschränkungen sind das für ihn nicht. Deshalb betont Siewert auch, dass er von allen ganz normal behandelt werden möchte: „Ich brauche keinen, der mich mit Samthandschuhen anfasst.“
Vertrag bis Ende nächster Saison
Und so geht Siewert auch die Zukunftsplanungen mit den Füchse-Bossen an. Sein aktueller Vertrag läuft am Ende der nächsten Saison aus, genau wie der seines Förderers Kretzschmar. „Spätestens bis zum Winter“ will der Club Klarheit in der Frage nach der Verlängerung haben, betonte Präsident Frank Steffel: „Die Vertragssituationen von Jaron Siewert und Stefan Kretzschmar sind zwei große, wichtige Themen, die wir in diesem Sommer vernünftig und in aller Ruhe besprechen werden.“ Man wolle sich die Planungen und Vorstellungen des sportlichen Führungsduos anhören, so Steffel. Eine Garantie für den Verbleib von Siewert und Kretschmar gebe es aber trotz des Premieren-Meistertitels in dieser Saison nicht. „Die größten Fehler macht man immer im Erfolg“, meinte der CDU-Politiker: „Deswegen müssen wir aufpassen, dass wir jetzt keine Fehler machen.“ Und auch diese Steffel-Sätze klingen eher nach Abschied als nach Vertragsverlängerung: „In einer Mannschaft sollte es auch immer ein bisschen Veränderung geben. Das Bessere ist des Guten Feind, und Stillstand ist immer Rückschritt!“
Bei Siewert sei man vereinsintern „super happy, wie er bei uns zu einer echten Persönlichkeit gereift ist“, betonte Steffel: „Die Frage für ihn ist doch: Wann ist für ihn der beste Zeitpunkt, etwas Neues zu machen?“ Mit dieser Frage wird sich der Trainer sicher auch in dieser Sommerpause beschäftigen. Klar ist, dass ihn nur wenige Aufgaben so reizen würden wie die bei den Füchsen.