Ein Volksentscheid vor gut zehn Jahren hat festgelegt, dass es keine Veränderung auf dem ehemaligen Flughafengelände geben soll. Da geht aber womöglich doch irgendwie was, sagt die Senatsverwaltung und eröffnet eine neue Diskussion.
Für einen Fallschirmspringer kurz vor der Landung mag dieser Gedankengang etwas abgefahren klingen: „Die Grundlage jeder Demokratie ist reflektierte Urteilskraft. In ihr wendet man nicht Regeln an, sondern findet heraus, was Regeln sind. Und wie man von Kant weiß, kann reflexive Urteilskraft ,nicht gelehrt, sondern nur geübt werden‘.“ Aber dieser Mensch landet nicht irgendwo – er geht über dem Tempelhofer Feld nieder. Die Architekten des Berliner Büros Raumlabor und der Landschaftsarchitekt Klaus Overmeyer haben ihn an den Rand einer ihrer Entwürfe für den internationalen stadt- und freiraumplanerischen Ideenwettbewerb zum Tempelhofer Feld gezeichnet. „Übe-Räume für Stadttransformation Tempelhof 2050“ nennen sie ihre Idee.
Der Entwurf ist einer von sechs, die von einer Jury unter der Leitung der Bremer Senats-Baudirektorin Professorin Iris Reuther als preiswürdig ausgezeichnet wurden und nun als Grundlage für eine weitere Diskussion über die Entwicklung des Tempelhofer Felds dienen sollen. Ein Volksentscheid hatte zwar 2014 den unveränderten Erhalt des 380 Hektar großen ehemaligen Flughafengeländes festgelegt, die CDU/SPD-Stadtregierung hat aber in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, das Ganze nochmals zu prüfen.
Keine großen Veränderungen
Diesem Auftrag sei man nun nachgekommen, sagte Christian Gaebler (SPD), der Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, bei der Präsentation der Sieger-Entwürfe. Der Wettbewerb habe „gezeigt, dass man da etwas machen kann“ – und er habe „alle, die sagen, es darf sich nichts ändern, eines Besseren belehrt“. Es handle sich bei den Entwürfen um Ideen, das seien „keine Bauversprechen“.
Viel verändern wollen die Architekten, deren Pläne ausgewählt wurden, eh nicht. Nur in zwei der Entwürfe ist eine Wohnbebauung am Rand des Feldes vorgesehen. In den anderen Skizzen sind unter anderem ein Wald oder eine Sportanlage in Hainen eingezeichnet. Die „behutsame Bebaubarkeit am Rand“ zu untersuchen sei eine Aufgabe an die Teilnehmer des Wettbewerbs gewesen, erklärte Iris Reuther.
Das Ziel des Ideenwettbewerbs war es ganz generell, „im Spannungsfeld aktueller Herausforderungen der Stadtentwicklung tragfähige und diskussionswürdige Ideen für die Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes und seiner Einbindung in die verschiedenen Nachbarschaften und den gesamtstädtischen Kontext auszuloten“. Hierbei galt es, „den vorhandenen Freiraum für sportliche, soziale und kulturelle Aktivitäten zu bewahren, die Herausforderungen des Klimawandels in einer nachhaltigen städtebaulichen und freiraumplanerischen Konzeption einzubinden sowie Möglichkeiten für einen Beitrag zur Deckung des Bedarfs an Wohnraum und hierfür erforderlicher weiterer Nutzungen zu untersuchen“.
Der Ideenwettbewerb ist eingebettet „in einen intensiven Dialogprozess mit der Berliner Bevölkerung“, erklärte die Berliner Senatsbaudirektorin Professorin Petra Kahlfeldt. In zwei sogenannten Dialogwerkstätten im September 2024, zu denen rund 275 zufällig ausgewählte Berliner eingeladen waren, wurden Empfehlungen zu verschiedenen Themenbereichen erarbeitet. Diese Ergebnisse sind direkt in die Wettbewerbsaufgabe eingeflossen und sollen auf Grundlage der nun ausgewählten Entwurfsideen in einer dritten Dialogwerkstatt vertieft werden. Das Preisgericht selbst setzte sich aus fünf Bürgerinnen und Bürgern, die in den Dialogwerkstätten gewählt wurden, sowie aus sechs Experten aus den Bereichen Stadtplanung, Architektur und Landschaftsarchitektur zusammen. Die Preisrichter bewerteten die Entwürfe unter Berücksichtigung von Kriterien wie Funktionalität, Nachhaltigkeit, Innovationskraft sowie stadt- und freiraumplanerischer Qualitäten.
164 eingereichte Entwürfe
Bereits in der ersten Phase des Wettbewerbs, die im Februar abgeschlossen wurde, habe sich das große Interesse an der Zukunft des Tempelhofer Feldes gezeigt, sagte Kahlfeldt. In der ersten Preisgerichtsitzung Ende Februar wurden 164 eingereichte Entwürfe bewertet und 20 Arbeiten für die zweite Wettbewerbsphase ausgewählt. Diese hohe Zahl an Einreichungen unterstreiche die Bedeutung des Areals und seiner Perspektiven – nicht nur für Berlin, sondern weit darüber hinaus. Einer der nun prämierten Entwürfe kommt aus Kopenhagen.
Ziel der Auswahl sei es gewesen, Entwürfe zu prämieren, „die nicht nur herausragende konzeptionelle Ideen und Gestaltungslösungen bieten, sondern auch ein breites Spektrum möglicher Entwicklungen für das Tempelhofer Feld aufzeigen“, teilt die Senatsverwaltung mit. Wie in der Auslobung des Wettbewerbs vorgesehen, wurde keine Rangfolge innerhalb der Preisgruppe festgelegt. Die Jury hat sich in ihrer Sitzung einstimmig dafür ausgesprochen, die Zahl der zu prämierenden Entwürfe von fünf auf sechs zu erhöhen und drei weitere Arbeiten mit Anerkennungen zu versehen. Damit sollen die unterschiedlichen Entwicklungsperspektiven entsprechend gewürdigt werden.
„Uns war wichtig, für diesen besonderen Ort einen Ideenwettbewerb auszuloben, der die ganze Bandbreite an Vielfalt und Ideen für die zukünftige Entwicklung des Tempelhofer Feldes sichtbar macht. Ziel war es, keine vorgefertigten Antworten zu präsentieren, sondern Raum für mutige, überraschende und auch unbequeme Ideen zu geben“, sagt Senator Gaebler. „Die Integration der Belange der Bürgerinnen und Bürger aus dem Dialogprozess und die intensive Mitarbeit der Bürgervertretenden im Preisgericht, zusammen mit unseren internationalen Fachpreisrichtenden, haben gezeigt, dass wir einen guten Weg gewählt haben. Wir konnten aus 20 sehr kreativen, ideenreichen und teils kritischen Entwürfen aus der zweiten Phase die Arbeiten auswählen, die eine große Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten für das Tempelhofer Feld widerspiegeln, die wir uns für die stadtweite Debatte gewünscht haben.“
Preisgerichtsleiterin Iris Reuther ist der Meinung, dass das in Berlin gewählte Verfahren „größten Respekt“ verdiene. „Die ausgewählten, mit Preisen und Anerkennungen bedachten Entwurfsideen zeigen eindrücklich, welche Chancen dieses strategisch bedeutsame Projekt für die Berliner Stadtentwicklung hat, wenn es gelingt, die Potenziale, Erfahrungen sowie die verschiedenen Positionen und Themen in einem offenen Prozess weiterzudenken“, sagte sie.
Das Ganze werde nun erst in der dritten Dialogwerkstatt mit den ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern diskutiert. Im September beschäftigen sich dann das Abgeordnetenhaus und der Senat mit den Ideen. Er wolle diesen Beratungen nicht vorgreifen, versicherte Gaebler. Aber klar sei: „Wir wollen nicht, dass das Tempelhofer Feld ein verlorener Ort wird, an den sich niemand mehr hintraut.“ Deshalb werde der Zaun um das Gelände bleiben und das Areal nachts weiter abgeschlossen.
„Ideen zu entwickeln, ist in einer Demokratie immer möglich“, betonte der Senator. Jetzt, wo fundierte Idee vorliegen, sei es an der Zeit, „nicht nur aus den Schützengräben heraus zu diskutieren“ – und das sage er ganz bewusst in beide Richtungen: denen, die alles so lassen wollen, wie es ist, und denen, die auf Teufel komm raus bauen wollen. Es sei nun an der Zeit, die Frage zu stellen: „Wie kann man ein Miteinander organisieren?“ Die fundierten Ideen, die nun vorliegen „werden einen Nachhall haben“, versicherte Gaebler – und klang ein wenig wie der auf einen der Entwürfe gezeichnete Fallschirmspringer über dem Tempelhofer Feld.