Der Ukraine-Krieg macht Russlands Wirtschaft mehr zu schaffen, als es scheint
Auf den ersten Blick hat der Ukraine-Krieg der russischen Wirtschaft nicht viel anhaben können. China und Indien kauften in rauen Mengen Öl – wenn auch zu stark verbilligten Preisen. Der Ölpreisdeckel, den westliche Staaten gegen Russland verhängt haben, sieht eine Obergrenze von 60 Dollar pro Barrel vor. Die Volksrepublik verschickte zudem „Dual-Use“-Güter wie Computerchips, mit denen auch Raketen gefertigt werden können. Der Iran lieferte massenweise Shahed-Drohnen, die Russland mittlerweile in Lizenz baut. Präsident Wladimir Putin hat die Wirtschaft seines Landes auf Kriegsproduktion getrimmt. Waffen werden im Akkord hergestellt. Dadurch entsteht der Eindruck; dass die Fabriken ausgelastet und Arbeitskräfte beschäftigt sind.
Entgegen den Hoffnungen im Westen haben die 17 EU-Sanktionspakete die Konjunktur in Russland bislang nicht abstürzen lassen. Doch die Kreml-Propaganda, die die westlichen Handelshürden gern als puren Theaterdonner kleinredet, greift zu kurz. Der Langzeit-Effekt ist nicht zu unterschätzen. „All diese Strafmaßnahmen wirken nicht sofort, sondern mittelfristig. Die Sanktionen der letzten drei Jahre summieren sich in ihrer Wirkung“, sagt Michail Kassjanow, der von 2000 bis 2004 Regierungschef unter Präsident Putin war.
In der Tat: Die Robustheit der russischen Wirtschaft täuscht, wie ein Blick hinter die Kulissen der Staats-PR zeigt. So betrug das Wachstum im ersten Quartal 2025 nur 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im letzten Quartal 2024 wurde noch ein Plus von 4,5 Prozent erzielt. „Wir stehen am Rande einer Rezession“, räumt selbst der russische Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow ein. „Das Land befindet sich in einer Stagflation“, urteilt das Zentrum für makroökonomische Analysen und kurzfristige Prognosen (TsMAKP), eine dem Kreml nahestehende Denkfabrik. Von einer Stagflation spricht man, wenn Stagnation – wirtschaftlicher Stillstand – und Inflation miteinander einhergehen.
Die offizielle Inflationsrate liegt bei rund zehn Prozent im Jahresvergleich. Unabhängige Institute taxieren sie jedoch auf über 15 Prozent. Der Schein-Boom durch die Kriegsproduktion treibt die Preise nach oben. Jeder der rund 600.000 russischen Soldaten bekommt rund 2.000 bis 3.000 Euro pro Monat. Das kostet den Staat zwischen 14,4 und 21,6 Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommen Einmalzahlungen von derzeit 30.000 Dollar pro Vertragssoldat. Das Personal im Krieg fehlt jedoch der zivilen Wirtschaft. Die Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften, wodurch die Betriebe gezwungen sind, exorbitant hohe Löhne zu zahlen. Die Teuerung frisst aber die Lohnerhöhungen auf. Das befeuert die Inflation und dämpft das Wachstum.
Der durch jahrelange Rohstoffexporte verwöhnte russische Staat sitzt nicht mehr auf einem Sack voller Geld. Der Ölpreisdeckel des Westens und der Knick bei den Steuereinnahmen sorgen dafür, dass die Etatüberschüsse abschmelzen. Die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina zieht eine ernüchternde Bilanz: Die Rücklagen, die in den vergangenen Jahren das öffentliche Budget stützten, seien „erschöpft“.
Der kostspielige Ukraine-Krieg wird zu Putins schwacher Flanke. Rund 150 Milliarden Dollar pro Jahr verschlingt der Waffengang, sagen Experten. Nach Einschätzung von Vladislav Inozemtsev, russischer Ökonom und Mitbegründer der in Zypern angesiedelten Denkfabrik Center for Analysis and Strategies in Europe (CASE), hat der Kremlchef noch etwa ein Jahr Spielraum, um die aktuellen Militärausgaben aufrechtzuerhalten.
Russlands Ex-Premier Kassjanow sieht darin eine Chance für den Westen. Derzeit gebe Putin zwischen sieben und acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Krieg aus, so Kassjanow. Würde der Westen seine Unterstützung für die Ukraine verdoppeln, müsste Putin rund 15 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung für den Krieg abzweigen. „Angesichts geringer Einnahmen durch Ölexporte wird ein dramatischer Anstieg der Staatsausgaben zu einer Finanzkatastrophe führen“, prognostiziert der frühere Ministerpräsident. „Das wird Putin zwingen, eine Waffenruhe zu akzeptieren und eine Friedensvereinbarung zu verhandeln.“ Die entscheidende Frage ist, ob die Europäer bereit sind, diese gigantischen Kosten zu tragen und ob sie den dazu nötigen langen Atem haben.