Valentina Maceri (31) war früher Profi-Fußballerin und spielte sogar in der Champions League. Heute ist die Deutsch-Italienerin eine bekannte Sportjournalistin. Mit FORUM spricht sie über ihr soeben erschienenes Buch „Fuck Female Empowerment“.
Frau Maceri, wer hat sich bisher mehr über Ihr Buch beschwert, Frauen oder Männer?
Schon Frauen, was ein Stück weit normal ist. Da wurde ich das ein oder andere Mal als „Pick-me-girl“ oder „Anti-Feministin“ bezeichnet.
Was bedeutet „Pick-me-Girl“?
In dieser feministischen Bubble gibt es ja inzwischen für jede Verhaltensweise einen Begriff. „Pick-me-girl“ steht für eine Frau, die alles tut, um von Männern gemocht zu werden. Und genau das ist ja das Problem: Diese Bubble packt alle Frauen und Männer, die nicht ihrer Meinung sind, in eine anti-feministische Schublade.
Sie waren oft als Expertin im „Doppelpass“ im Einsatz und veröffentlichen im Buch viele schlimme Kommentare, die Sie danach erreicht haben. Viele Kommentare kommen kurioserweise auch von Frauen.
Genau diese Doppelmoral spreche ich in dem Buch an. Viele, die am lautesten überall Female Empowerment fordern, sind oft diejenigen, die die Krallen ausfahren, wenn eine andere Frau Erfolg hat. Das ist scheinheilig.
Ihr Buch heißt „Fuck Female Empowerment“. Auf den ersten Blick würde ich Sie aber als Feministin beschreiben. Wie passt das zusammen?
Erst mal: Ich mag das Wort „Feministin“ nicht mehr, weil es inzwischen aggressive Vibes hat. Aber ich stehe natürlich ein für Gleichberechtigung. Dennoch stehe ich auch hinter diesem etwas provokanten Titel. Denn alles, was ich in dieser Debatte als schwierig oder fragwürdig bezeichnen würde, wird mittlerweile unter dem Deckmantel des „Female Empowerments“ verkauft und verherrlicht. Dabei wird nur noch in Schwarz und Weiß gedacht. Deshalb würde ich mich nicht mehr als Feministin im klassischen Sinne definieren. Sondern einfach als Frau, die für Gleichberechtigung einsteht, da wo es Sinn macht.
Haben wir beim Thema Emanzipation aus einer Grundlage einer bestehenden Ungerechtigkeit heraus zuletzt in eine andere Richtung überzogen?
Hundertprozentig. In meinem Buch beschreibe ich auch ganz genau, warum: Anstatt Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken, hat sich der Feminismus in eine Ideologie verwandelt, die Abhängigkeiten fördert, Männer pauschal als Feindbild zeichnet und individuelle Verantwortung untergräbt. Und vor allem: den gesellschaftlichen Druck auf Frauen UND Männer erhöht.
Aber die Nachteile für Frauen waren vor nicht allzu langer Zeit eklatant. Musste man aus einer solchen Position heraus nicht viel mehr fordern, um am Ende das zu bekommen, was man will?
Wahrscheinlich schon. Aber: Diesen Punkt haben wir doch längst erreicht, oder nicht? Und wir müssen uns auch mal vor Augen führen, wo wir herkommen. Vor nicht allzu langer Zeit durften Frauen nicht einmal wählen. Wir haben große, große Schritte nach vorne gemacht. Wir mussten viel aufholen und erwarten nun, dass wir sofort in allem gleichauf sind. Man musste Dinge einfordern und verfolgen, definitiv. Doch wir haben den Schritt verpasst, alles realistisch und differenziert einzuordnen. Ich würde behaupten, wir haben uns in der einen oder anderen Debatte verrannt.
Sie sagen, Sie mögen den Begriff „Powerfrau“ nicht. Wieso?
Was einst als Zeichen der Stärkung und Gleichberechtigung gedacht war, ist längst überholt – und mehr noch, es wirkt kontraproduktiv. Solche Begriffe erschaffen künstliche Kategorien, indem sie eine Trennung vornehmen: zwischen „starken“ Frauen und demnach „schwachen“ Frauen. Darin liegt das größte Problem an „empowernder“ Sprache: Wird jemand aufgewertet, wird im Umkehrschluss auch jemand abgewertet. Habt ihr schon mal jemanden aussprechen hören, dass ein Mann ein „Powermann“ sei, nur weil er erfolgreich ist oder sein Leben im Griff hat? Suggeriert uns Frauen das nicht automatisch, dass man es uns nicht zugetraut hätte? Und: Es wird immer nur im Karrierekontext verwendet – also sind Frauen, die drei Kinder versorgen, keine Powerfrauen?
Sie schreiben: „Mein zehnjähriges Ich wollte unbedingt ein Junge sein, mein 31-jähriges Ich würde niemals mit einem Mann tauschen wollen“. Wieso das?
Leider hat sich die Form des aggressiven Feminismus durchgesetzt. Männliche Kreaturen wie diese Weinsteins und Epsteins oder Sean „Diddy“ Combs haben ihren Teil dazu beigetragen und wurden, werden – und hoffentlich auch in der Zukunft – zur Rechenschaft gezogen. Aber ein flächendeckender weiblicher Generalverdacht gegen Männer?
Ich habe das Gefühl, als Mann macht das Leben heute weniger Spaß. Die Verunsicherung ist groß. Jetzt werden Feministinnen wieder aufschreien, dass sie das ja auch jahrelang hatten und die Männer nun wissen, wie sie sich jahrelang gefühlt haben. Aber ich bin immer der Meinung, dass man mit gutem Beispiel vorangehen sollte.
Ungleiches wird nicht dadurch besser, dass man es ins andere Extrem verlagert.
Richtig. Feuer mit Feuer zu bekämpfen hat noch nie funktioniert. Extreme haben immer Gegenbewegungen hervorgerufen. Jeder, der unterdrückt wird, hat irgendwann die Schnauze voll. Warum gab es den Feminismus, der im Kern ja gut war? Weil Frauen unterdrückt wurden. Deswegen ist ganz wichtig: Wir müssen alle miteinander den richtigen Weg finden.
Sie standen in einer Branche mit deutlich weniger Frauen bei vielem, was Sie in Ihrer Karriere taten, immer sinnbildlich für „die Frauen“. Männer werden mehr als Individuen bewertet und sind nur für sich selbst verantwortlich. Ist das nicht auch unfair?
Inhaltlich stimmt das. Aber ich habe das immer als Chance gesehen. Ich war mir der Verantwortung bewusst. Das, was ich tue, kann entweder Vorurteile bestätigen oder sie revidieren. Zum Glück ist mir bis jetzt immer Letzteres gelungen.
Nach neuesten Studien sind im Sportjournalismus elf Prozent weiblich. Ist das nicht immer noch zu wenig?
Man muss diese Zahl in Relation setzen. Die relevante Zahl für mich wäre, wie viele Frauen sich für Sportjournalismus interessieren und ernsthaft auf einen Job bewerben, und dann, ob von ihnen etwa dieselbe Zahl die Möglichkeit bekommt wie von den Männern.
In Führungspositionen sind Frauen aber noch klar unterrepräsentiert. Liegt das nur daran, dass Frauen wegen der Probleme der Vergangenheit einfach seltener langjährige Erfahrung haben können? Oder ist es ein strukturelles Problem, weil Männer dieses Revier noch erfolgreich absichern?
Ich denke nicht, dass es noch hauptsächlich ein strukturelles Problem ist. Ich kenne inzwischen viele Frauen in Führungspositionen. Ich kenne aber auch viele, die sagen, dass sie keine Lust auf den Stress haben. Das wiederum hat oft mit der Vereinbarkeit einer Führungsposition und Familie zu tun. Da brauchen wir definitiv noch bessere Möglichkeiten.
Sie sagen, dass Sie es anfangs noch etwas schwerer hatten, weil Sie auf eine feminine Art und Weise in eine Männer-Domäne eingedrungen sind. Haben sich viele Frauen zu lange zu sehr bemüht, sich wie Männer zu verhalten?
Das würde ich so unterschreiben. Und da würde ich mich zu Beginn meiner Karriere hinzuzählen. Inzwischen habe ich mir genug Selbstbewusstsein erarbeitet, mich nicht mehr verbiegen zu wollen. Und nicht mehr zu denken, mich den Männern anpassen zu müssen. Ich bin sicher: Es ist viel besser, sich mit seinen Stärken und seiner Weiblichkeit als Frau einzubringen.
Sie sagen auch, dass man Ihnen auch wegen Ihres feministischen Auftretens noch weniger Kompetenz zugetraut hat.
Wenn man als Mann zum Beispiel einen Fußball-Talk anschaut und da sitzen vier Männer und ich, ist es ein klischeehafter Reflex, zu denken: „Was will die denn da?“. Für mich ist aber entscheidend, was sie denken, wenn sie die Sendung zu Ende gesehen haben. Ich habe die Chance, dafür zu sorgen, dass sie beim nächsten Einschalten nicht mehr diesen Reflex haben.