Eloquent, kulturbeflissen, mit diplomatischer Gelassenheit und Savoir-vivre – der „Neue“ könnte kaum besser auf den Posten des französischen Generalkonsuls im Saarland passen. Jérôme Spinoza (51) sieht sich als Vermittler des Deutsch-Französischen und Brückenbauer in einer der spannendsten und dynamischsten Regionen Europas.
Monsieur le Consul général, aus der großen weiten Welt mit supranationalen Themen jetzt ins kleine Saarland mit dem Alltag und den kleinen und großen Sorgen der Grenzgänger sowie den Niederungen der Lokalpolitik. Worin liegt da der Reiz?
Das Saarland ist die ideale Schnittstelle zwischen Deutschland und Frankreich in beide Richtungen, liegt zentral mitten in Europa, eingebettet in der Großregion mit enormen Potenzial. Diese Region verkörpert wie keine andere das Herz Europas und betont den gemeinsamen Willen zur Zusammenarbeit. Trotz einiger Unterschiede zwischen Saarländern, Lothringern, Luxemburgern und Belgiern ein super Ansatz, der in Europa Vorbildfunktion hat. Vielleicht nicht immer einfach, aber motivierend und spannend zugleich. Und Frankreich zeigt mit dem Generalkonsulat im Saarland den Willen und den Wunsch zu einer starken Zusammenarbeit in der Großregion. Daran mitzuwirken, ist eine große Aufgabe.
Das Generalkonsulat hätte dann wohl eher eine Symbolwirkung als eine funktionale Bedeutung, oder?
Das Generalkonsulat in Saarbrücken ist in erster Linie für die Belange der im Saarland lebenden französischen Bürgerinnen und Bürger zuständig, natürlich auch für diejenigen, die sich nur temporär hier aufhalten. Ein Teil der administrativen Vorgänge wird jedoch heute vom Generalkonsulat in Frankfurt erledigt, das über mehr Personal verfügt, insbesondere Kennkarten und Pässe. Des Weiteren kümmert sich das Konsulat um die Beziehungen zu den politischen Stellen im Land sowie zur Zivilgesellschaft. Die Besonderheit des Generalkonsulats in Saarbrücken, und das ist auch die eigentliche Daseinsberechtigung, liegt in den grenzüberschreitenden Beziehungen beider Länder. Das beginnt bei den vielfältigen deutsch-französischen Institutionen im Saarland, also beispielsweise die Deutsch-Französische Hochschule, der Kulturrat, ProTandem in der beruflichen Ausbildung, führt über den Eurodistrikt, sprich der grenznahe Raum, bis hin zur Großregion. Die Idee ist es, den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag 2.0 von Aachen aus dem Jahr 2019 zusehends mit Leben zu füllen und positiv spürbar für alle Menschen zu machen. Der deutsch-französische Bürgerfonds ist so ein Instrument. (In diesem Kontext benutzt der Generalkonsul eine Metapher für das Saarland: Es sei ein Schmetterling, ein kleiner Körper mit großen Flügeln, die von Korsika nach Rügen reichten, und die in vielerlei Hinsicht etwas Großes bewegen könnten.)
Erfolg verleiht ja bekanntlich Flügel. Wo sehen Sie in naher Zukunft das Potenzial für erfolgreiche Projekte?
Zu den vorherrschenden Themen in der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich, aber auch in der Großregion, gehören die Bereiche Mobilität wie die Revitalisierung grenzüberschreitender Bahnstrecken, Energie wie Wasserstoff inklusive Transport und Herstellung mittels Elektrolyseur, Künstliche Intelligenz KI wie die Gründung von Start-up-Unternehmen der Großregion sowie der Gesundheitssektor, wo die MOSAR-Vereinbarung ausgebaut werden soll. Der Bedarf der deutschen Industrie an billigerer dekarbonisierter Energie ist ein möglicher Grund für eine verstärkte Kooperation mit Frankreich.
Was die Bahnstrecken angeht, wird es sicherlich länger dauern. Aber man muss sich nur einmal vorstellen, dass wir im Zentrum Europas leben und es keine durchgehenden Verbindungen zwischen den Europastädten Brüssel, Luxemburg und Straßburg gibt. Es ist höchste Eisenbahn, dies zu ändern. Wir reden gerne über die großen Verbindungen zwischen Berlin und Paris, aber die Menschen hier in der Grenzregion brauchen Mobilität im Kleinen, wir in Frankreich sagen dazu „les trains du quotidien“. Da müssen wir ran und noch mehr tun als bisher.
Das hört sich immer alles schön an, aber dann kommen die Grenzkontrollen und der Geist von Schengen, sprich freies Reisen, geht verloren. Ein Widerspruch an sich.
Grenzkontrollen können wir in der Region kaum verhindern, da das jeweils nationale Entscheidungen sind, die in den Hauptstädten getroffen werden, also Paris und Berlin. Auf der einen Seite verlangen die Menschen mehr Sicherheit aufgrund von Terroranschlägen oder illegaler Migration, auf der anderen Seite möchten die Menschen frei von jeglichen Kontrollen reisen. Beides zusammen ist manchmal schwierig zu realisieren. Das muss den Menschen klar sein. Wir sitzen in der Großregion wahrlich zwischen zwei Stühlen. Der Geist von Schengen, der seine 40 Jahre im Juni feiert, ist durch permanente Grenzkontrollen in Gefahr. Außerdem besteht schon aufgrund des fehlenden Personals kaum die Möglichkeit, alle Grenzübergänge rund um die Uhr zu kontrollieren.
Der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt hat in seiner Vision Saarbrücken als deutsch-französische Hauptstadt und Eurometropole bezeichnet. Wie sieht das denn Frankreich?
Es ist doch schön zu hören, wenn eine deutsche Stadt sich mit so einem klaren Statement zu Frankreich bekennt. Das Saarland ist gleichermaßen Tor zu Frankreich und umgekehrt Tor zu Deutschland. Diesen strategischen Pluspunkt gilt es konsequent zu nutzen für die Menschen und die Wirtschaft in der hiesigen Grenzregion. Es gibt schließlich eine Reihe deutsch-französischer Institutionen und sehr viele kulturelle Highlights in Saarbrücken. Das Deutsch-Französische wird hier gelebt und ich freue mich schon riesig, daran teilnehmen zu dürfen. Sei es bei Konzerten, Ausstellungen, Filmen, Architektur oder Theater.
Die Frankreich-Strategie des Saarlandes und mit ihr die Absicht, bis 2043 das Saarland zweisprachig zu machen, haben vor über zehn Jahren Furore gemacht. Aber mit dem Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarn ist es nicht weit her. Was muss verbessert werden?
Das Saarland hat es immerhin geschafft, den Beobachterstatus in der frankophonen Welt zu erhalten. Das zeigt, dass das Saarland in den über 40 Ländern mit Französisch als Mutter- oder Amtssprache Aufmerksamkeit erzeugt hat, und als Bundesland dort aufgenommen zu werden, verdient Respekt und ist ein Alleinstellungsmerkmal sondergleichen.
Vielleicht sollte man den Fokus künftig noch deutlicher auf die beruflichen Möglichkeiten legen, denn wer Französisch spricht, ist in frankophonen Ländern klar im Vorteil, und gerade Afrika mit Ländern wie Marokko, Kamerun oder Elfenbeinküste wird viel Potenzial nachgesagt, vor allem im Hinblick auf Energie wie Wasserstoff, Solar- und Windenergie. Nicht zu vergessen das französischsprachige Kanada, Quebec. Wer die Sprache spricht, versteht die Landeskultur besser, und das kann für die Wirtschaftsbeziehungen nur nützlich sein.
Vielleicht müssen wir aber auch den Weg zum Spracherwerb vereinfachen. Das gilt genauso für die Französischlernenden im Saarland wie für die Deutschlernenden in Lothringen. Es nützt herzlich wenig, sechs Jahre eine Fremdsprache an der Schule zu lernen, sie anschließend nie zu praktizieren und nach einigen Jahren wieder von vorne zu beginnen. Kontinuität von der Kita über das Abitur oder die Berufsausbildung bis zur Praxis im Beruf. Politik kann hier sicherlich die Weichen stellen, aber letztendlich nur Wegbegleiter sein.
So sehe ich im Übrigen meine Funktion als Generalkonsul. Am Ohr der Menschen sein, Probleme ansprechen, vermitteln und das bestehende Netzwerk in Politik und Wirtschaft auf allen Ebenen in beiden Ländern nutzen als ein Katalysator, der Dinge dynamisch beschleunigt im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft und der Großregion.