Seit 1963 gibt es die Berliner Kneipe „Tunneleck“, die Ralf Vogt von seinem Vater übernommen hat. Der beliebte Treffpunkt in der Nähe eines S-Bahn-Damms soll nun nach dem Willen der Deutschen Bahn verschwinden.
Wer im quirligen Berlin Ruhe und Erholung sucht, findet einige Orte, wo man in grüner Umgebung Entspannung und ersehnte Atempausen findet. Die Spree, jener bescheidene Fluss, der die Hauptstadt von Ost nach West durchzieht, bietet gerade im Westen der Metropole beschauliche Uferwege, die zu ausgedehnten Spaziergängen und gemütlichen Fahrradtouren einladen. Gerade auf dem Abschnitt vom Charlottenburger Schlosspark bis nach Spandau säumen zahlreiche Kleingärten und Lauberpieper-Kolonien den schmalen Sandweg. Liebevoll angelegte Blumenrabatten, Obstbäume, herausgeputzte Gartenlauben und aufgestellte Sitzbänke mit schöner Aussicht laden Radfahrer und Spaziergänger zum Verweilen ein.
In der Kneipe geht es beschaulich zu
Doch regelmäßig durchbrechen deutlich hörbare Fahrgeräusche von der stark genutzten, höher gelegenen Strecke für die S- und Regionalbahnen die idyllische Ruhe. Ihre Gleise verlaufen hinter den Kleingärten. Auch die viel befahrene Stadtautobahn führt hier über die Rudolf-Wissell-Brücke über die Spree. Der Anblick von Lkw-Staus oberhalb der Kleingartenkolonie und das ständige, hintergründige Rauschen des nie abreißenden Verkehrs sind gewöhnungsbedürftig.
Umso beschaulicher geht es dafür im „Tunneleck“ zu, einer urigen Kneipe und Gaststätte, die erst gefunden werden will. Man muss schon genau hinschauen, um die teilweise zugewachsenen Schilder am Spreeweg zu entdecken, die den Weg zu dem kleinen, traditionsreichen Ausflugslokal weisen. Ein schmaler Pfad unterhalb des S-Bahn-Damms führt hinter den Pachtgrundstücken der Laubenpieper vorbei, bevor man sich einem versteckt liegenden Tunneleingang nähert. Da drinnen ist es wirklich zappenduster und man ist gut beraten, die extra angebrachte Beleuchtung einzuschalten, bevor man unter einer niedrigen Decke das Licht am Ende des Tunnels erblickt.
Kaum tritt man ins Helle, fühlt man sich aber willkommen geheißen, denn hier ist alles von wohltuender Normalität. Der kleine Biergarten mit runden Tischchen, einfachen Stühlen, einigen Strandkörben und Spielzeug wirkt so unaufdringlich wie die einfachen Sitzgelegenheiten am Rande eines kleinen Fischteichs. Wer Schickimicki, gehobenes Ambiente und Aperol Spritz auf Eis in langstieligen Gläsern erwartet, ist hier falsch. Die Speisekarte bietet einfache, handfeste Kost, die Preise sind zivil und wer sein Bier aus der Flasche trinken will und rauchen möchte, der kann es einfach tun, ohne schief angeguckt zu werden. Solange es die Witterung erlaubt, lassen sich hier Fahrradfahrer, Spaziergänger und vor allem Kleingärtner und Laubenpächter aus unmittelbarer Nachbarschaft nieder. Noch im Juni hängen bunte Plastik-Ostereier in den Zweigen dichten Buschwerks, und wenn es Anlass zum Feiern gibt, dann ist Platz genug für Kindergeburtstage, Hochzeitsgäste und Jubiläumsfeste. Wird musiziert, dann stört es niemand. An die Fahrgeräusche der S- und Regionalbahn hat man sich schnell gewöhnt. Das „Tunneleck“ ist eine kleine, grüne Oase am Rande der Stadt und ein Treffpunkt für alle in nächster Nachbarschaft, die Gesellschaft ebenso suchen wie den Austausch von Neuigkeiten aus ihrem Laubenpieper-Kiez. Ein Freiluft-Wohnzimmer, in dem auch Fremde willkommen sind.
Es droht der Abriss von allem
Ralf Vogt (62), gelernter Bau- und Möbeltischler und Ur-Berliner, betreibt das „Tunneleck“. Er übernahm die Gaststätte 2011 nach dem Tod seines Vaters und führte fort, was der 1963 begonnen hatte. Anfangs stand auf dem gepachteten Grundstück nur ein Bauwagen und hier bekamen damals die Kleingärtner, was sie gerade brauchten: einen Sack Zement, einen Ballen Torf oder auch einen Kasten Bier. So lag es auf der Hand, hier eine Kneipe und Gaststätte zu bauen. Hinzu kam Ende der 70er-Jahre ein bescheidenes Wohngebäude, dessen Bau vom zuständigen Bezirksamt genehmigt wurde und wo die Familie Vogt auch polizeilich gemeldet war. So wie die gewerbliche Nutzung der Gaststätte Gegenstand des Pachtvertrages mit der Deutschen Bahn war, gab es von keiner Seite aus Widerspruch gegen den Erweiterungsbau. Ralf Vogt, dessen Tochter später den Pachtvertrag übernahm, hat viel Geld in das Anwesen gesteckt. Er hoffte, damit seine Altersexistenz abzusichern.
Doch all seine Erwartungen, das beliebte „Tunneleck“ weiter zu betreiben, zerschlugen sich schlagartig im März dieses Jahres. Die Immobilienverwaltung der DB kündigte vollkommen überraschend den Pachtvertrag zum 30. September, verbunden mit der Forderung, alle baulichen Anlagen zu beseitigen. Gaststätte, Wohnbereich, Außenanlagen – alles soll von der Familie restlos abgerissen und entsorgt werden. Die Begründung: Das Grundstück gehöre der DB und sei als gewidmete Eisenbahnfläche ausgewiesen. Es werde künftig für die Reaktivierung der sogenannten Siemensbahn benötigt.
Die 1929 in Betrieb genommene Siemensbahn verband ursprünglich unter anderem das Industrieareal der Siemenswerke mit der innerstädtischen Ringbahn. Nach dem Bau nahe gelegener U-Bahnstationen wurde sie stillgelegt. Nun soll jedoch bis 2035 der Siemensstadt-Square im Stadtteil Spandau mit 20.000 neuen Arbeitsplätzen und 7.000 Wohnungen entstehen. Dieses Areal soll dann durch die wiederbelebte Siemensbahn an die City angebunden werden. Das war seit einiger Zeit bekannt und dagegen hat auch Ralf Vogt überhaupt nichts einzuwenden. Was ihn aber maßlos enttäuscht und er wie einen brutalen Nackenschlag empfindet, ist die Tatsache, dass er nicht früh genug über die Konsequenzen dieser Verkehrsplanung für sich und seine Familie informiert wurde. Die Bahn verweist darauf, dass rechtzeitig die entsprechenden Planrechtsunterlagen öffentlich auslagen. Wohl wahr und bürokratisch korrekt. Aber reicht das wirklich aus? Wäre es nicht rücksichtsvoller gewesen, sich von Anfang an auch um die entstehenden Probleme der Familie Vogt zu kümmern, um schon im Vorfeld nach gemeinsamen Lösungen zu suchen? Was hätte eigentlich dagegengesprochen, so früh wie möglich einen erträglichen Zeitplan für das Ende seines „Tunnelecks“ mit der DB und den Bezirkspolitikern zu besprechen? Gäbe es einen alternativen Standort für seine traditionelle Gaststätte und wo sollen er und seine Familie überhaupt künftig wohnen? Auf diese Fragen hat Vogt bis heute keine Antwort. Über Reserven, um den verlangten Abriss der Gebäude und deren Entsorgung zu finanzieren, verfügt er nicht. Ihm graut vor dem Tag, an dem er seine Gaststätte, sein Einkommen und die Wohnung wohl verlieren wird.
Vogt sagt, er war zu gutgläubig
Aber nicht nur die DB will ausdrücklich, dass das „Tunneleck“ verschwindet. Denn auch die Rudolf-Wissell-Brücke, die das Kleingartengebiet überspannt, ist vollkommen marode. Sie gehört zu den meistbefahrenen Autobahnbrücken Deutschlands und liegt in unmittelbarer Nähe zum „Tunneleck“. Um Platz für eine temporäre Baumaßnahme zu schaffen, pocht auch die zuständige Baugesellschaft Deges auf den Abriss der Gaststätte und des Wohngebäudes. Obwohl es noch zahlreiche Einwände gegen das Brückenprojekt gibt, wurde die betroffene Familie Vogt auch hier nicht frühzeitig eingebunden. Irrwitzigerweise sind die Zeitpläne für die Reaktivierung der Siemensbahn und für die Sanierung der Autobahnbrücke noch nicht aufeinander abgestimmt, sodass vollkommen unklar ist, wann mit welcher Baumaßnahme überhaupt begonnen wird und wann diese abgeschlossen werden können.
Immer wieder betont Ralf Vogt, dass auch die Brückenarbeiten notwendig und überfällig sind. Auch gegen die Reaktivierung der Siemensbahn hat er grundsätzlich nichts einzuwenden. Vielleicht, so räumt er ein, war er einfach nur zu gutgläubig und vertraute auf ein ungeschriebenes Gewohnheitsrecht, das ihn vor dem Abriss seiner Gaststätte und des Wohnhauses bewahren könnte. Ganz gewiss hätte er misstrauisch werden müssen, als die beiden geplanten Baumaßnahmen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bekannt wurden. Was ihn, seine Familie und die Gäste des „Tunnelecks“ jedoch empört und tief enttäuscht, ist der Eindruck, dass ihnen gegenüber von der DB und der Deges nach dem Motto „Friss oder stirb!“ gehandelt wird.
Nun hat Herr Vogt einen Anwalt eingeschaltet, aber er rechnet sich kaum Chancen aus. Wahrscheinlich wird er weichen müssen. Was mit dem „Tunneleck“ geschehen soll, beweist allerdings, dass notwendige Infrastrukturprojekte nicht nur technische und bauliche Fragen aufwerfen. Sie sind immer auch soziale Baustellen, für die sich die Verantwortlichen offensichtlich viel weniger interessieren. Wenn das „Tunneleck“ verschwindet, ist die Hauptstadt um eine kleine, unscheinbare Oase ärmer und die Existenz einer ganzen Familie bedroht. Und Ralf Vogt? „Wir haben hier jetzt die Arschkarte gezogen“, sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern.