Die Finanzexpertin Babett Mahnert findet, dass man mehr über Geld reden muss. Vor allen Dingen mit Kindern und Jugendlichen. Außerdem produziert sie einen erfolgreichen Finanzpodcast für Erwachsene: „Die Paartherapie für Dich und Dein Geld.“
Viele von uns reden sehr ungern über Geld. Sie haben das Sprechen über Geld und den richtigen Umgang damit zu Ihrem Beruf gemacht. Warum?
Weil ich glaube, dass wir als Gesellschaft lernen können, dass Geld nicht nur belastend sein kann, sondern auch Spaß macht. Geld bedeutet Möglichkeiten. Möglichkeiten für das eigene Leben, das man damit nach den eigenen Wünschen gestalten kann. Und nicht vergessen dürfen wir den „Impact“, den man mit Geld erzielen kann.
„Impact“? Das ist jetzt Finanzcoach-Sprech. Erklären Sie bitte!
Ich meine damit Wirkung. Mit Geld kann ich Menschen und Projekte unterstützen, die größere Dinge voranbringen. Mit Geld kann man die Welt auch positiv verändern. Zum Beispiel im sozialen Bereich oder im Umweltschutz. In Projekten, die nur auf Spendenbasis funktionieren. Man kann Projekte unterstützen, die man selbst toll findet. Das kann ich aber nur machen, wenn ich meine eigenen Finanzen auf der Kette habe. Ich will damit zeigen, dass man anders investieren kann als nur in Aktien oder ETFs. So kann Geld doch glücklich machen. Indirekt eben.
Nach der Banklehre haben Sie 17 Jahre bei unterschiedlichen Banken gearbeitet und haben in dieser Zeit 10.000 Kundengespräche geführt. Ist das nicht furchtbar langweilig?
Nein, überhaupt nicht. Denn ich habe so viele unterschiedliche Menschen und Geldinteressen dabei kennengelernt. Der Kundenkontakt bei Kontoeröffnungen, der Vergabe von Konsumentenkrediten oder die Geldanlageberatung waren eine gute Vorbereitung auf das, was ich heute mache. Seit 2018 bin ich Finanzcoach und Businesscoach.
Der Boulevard hat sie mal als „Finanzheldin an Schulen“ gepriesen. Heldenhaft und größtenteils ehrenamtlich ist Ihr Herzensprojekt „Schulgold“. Was steckt dahinter?
Das ist Finanzbildung für Kinder und Jugendliche. Mit Workshops auf Selbstkostenbasis an Schulen, in denen wir so ab der 5. Klasse die Schüler mit Finanzwissen versorgen. Wir wollen, dass die Teilnehmer das Thema Geld nicht nur als Streitthema wahrnehmen, sondern es auf eine entspannte Art und Weise kennenlernen. Und Freude dabei haben.
Was fragen die Kinder denn so in diesen Workshops?
Für die Jüngeren ist Taschengeld oft ein Thema. Die Älteren wollen eher wissen, wie sie mit den Kosten eines Auszuges aus dem Zuhause umgehen. Oder was man bei Vertragsabschlüssen beachten muss. In Schulen, die in sozial schwächeren Stadtteilen sind, ist der Umgang mit Schulden ein wichtiges Thema. Speziell dann, wenn Konsumkredite seit Generationen ein gängiger Weg sind, Anschaffungen zu finanzieren. Das sind Kids in den Workshops, die aus einer Konsumschuldenfamilie kommen. Ihnen möchte ich Alternativen zum Schuldenmachen aufzeigen: Zum Beispiel für die neuen Nike-Schuhe, die man unbedingt will, mit dem Sparen dafür zu beginnen, schon bevor sie auf den Markt kommen. Stichwort Schulden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag die Schuldensumme einer Privatperson 2023 im Mittel bei circa 31.600 Euro. Das muss Sie als Finanzexpertin alarmieren, oder? Interessant ist, dass das Thema Schulden nicht mehr so schambehaftet ist, wie das in früheren Generationen der Fall war. Ein Junge erzählte bei einem Workshop offen, dass seine Familie Schulden hat, weil sie 10.000 Euro einer spielsüchtigen Verwandten zurückzahlen muss. Das fand ich mutig. Und seine Offenheit wurde auch von den Mitschülern goutiert.
Einer Ihrer einfachen Ratschläge ist: „Kaufe Dir nichts, was Du Dir nicht leisten kannst!“ Klingt selbstverständlich – wieso muss man es trotzdem anmahnen?
Um diesen Ratschlag zu verinnerlichen, braucht es Wissen. Wenn die Eltern dieses nicht vermitteln können, weil sie es selbst nie gelernt haben, dann muss es von der Schule kommen. Oder eben von Experten und Projekten wie „Schulgold“. Ich will den Jugendlichen zeigen, dass sie Geduld benötigen. Man sollte in der Lage sein, seine Wünsche zurückzustellen. Oder überlegen: Gibt es andere Möglichkeiten? Zum Beispiel etwas gebraucht zu kaufen.
Den Verlockungen der Konsumgesellschaft zu widerstehen, ist schon für Erwachsene eine riesige Herausforderung. Wie viel anfälliger sind Jugendliche da?
Nochmal: Es braucht Wissen, um gegenzusteuern. Man benötigt etwa Einblicke in Marketingstrategien von Firmen. Ein Jugendlicher shoppt für ein iPhone im Internet. Plötzlich heißt es: „Nur noch zwei verfügbar.“ Man muss erst lernen, dass das eine Strategie der Firmen ist, uns zum Kaufen zu animieren und nichts mit echter Verknappung oder Mangel zu tun hat. Aber auch die Bereitschaft, zu verzichten oder zu warten. Andererseits zu sagen: Ich kann mir etwas noch nicht leisten, entwickle aber eine Strategie, dass ich es mir später leisten kann. Überkonsum und die damit verbundene Verschuldung haben auch psychische Komponenten. Was steckt hinter dem andauernden Kaufen? Das zu reflektieren, muss man lernen.
Sie haben auch in Mainz am Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss einen Workshop gegeben. Wie lief das ab?
Ja, das waren drei Tage, für mehrere Altersgruppen. Die Themen bei den Abiturienten waren ein „Wertpapier-Einmaleins“: Da lernt man Fachbegriffe wie „Rendite“, „Volatilität“ oder „Diversifikation“. Es ging um Sparquoten, also was man prozentual vom verfügbaren Geld sparen soll. Wichtig ist, dass die Themen einen echten Bezug zum Leben der Jugendlichen haben. Ein Schüler lernte, eine Reise zu budgetieren, zu seiner Lieblingsband nach London – sich solche sehr konkreten Sparziele zu setzen, wirkt motivierend.
Sie richten sich in Workshops auch direkt an Eltern und geben Tipps. Welche?
Wir orientieren uns in den Workshops an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Das Thema Geld darf für Kinder nicht theoretisch sein: Wenn am Wochenende in der Familie zusammen gekocht wird, ist das eine Gelegenheit, mit den Kindern über Geld zu reden: Was kostet eigentlich mein Lieblingsgericht? Woher kommen die Zutaten? Was kosten die? Wie budgetiert man das? Was bedeutet Inflation? Produkte vergleichen, Preise vergleichen, Einkaufslisten machen. Dann aber auch gemeinsam kochen und essen. Nur so steht nicht das Geld selbst im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Lebensereignis, das man mit dem Geld ermöglichen kann.
Im Sommer 2024 saßen Sie mit Ihrer Geschäftspartnerin Karolina Decker als Expertinnen in der Kinderkommission des Bundestages. Das Thema Finanzbildung scheint in der Politik angekommen zu sein. Oder?
Alle schreien nach Finanzbildung, aber – zumindest aktuell – will niemand dafür bezahlen. Ja, die Politik hat das Thema auf dem Schirm, getan hat sich wenig.
Wie würden Sie das Thema umsetzen?
In der Struktur Schule sehe ich das Thema bei den Lehrkräften. Wir könnten Finanzbildungsangebote für die Lehrkräfte machen. Ich weiß, dass Lehrkräfte viel aufgebürdet bekommen und deshalb muss man sie dafür an anderer Stelle entlasten. Und sie müssen in ihrem Weiterbildungsprozess regelmäßig durch Experten begleitet werden. Wichtig ist, dass man die Finanzbildung für die Schüler regelmäßig anbietet. Und dass man das Lernen messbar macht. Das geht im System Schule recht gut. Was wir jetzt schon machen bei „Schulgold“ sind bundesweite Projekttage mit unterschiedlichen Altersgruppen.
Neben den Projekten an Schulen machten sie unter dem Namen „Goldfrau“ auch Podcasts mit dem Titel „Die Paartherapie für dich und dein Geld“.
Am Anfang war der Podcast gedacht für Frauen, die tiefer in das Thema Finanzen einsteigen wollten. Heute ist es eine Art „Beratungspodcast“ mit diversen Themen rund ums Geld. Das sind Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Wir wollen finanzielle Bildung in der Gesellschaft voranbringen und komplexes Finanzwissen leicht, verständlich und mit viel Freude vermitteln. Wir helfen den Hörern konkret mit Aktionsplänen. Und wir wollen, dass sie sich gute Finanz-Gewohnheiten aneignen. So wie man täglich seine Zähne putzt.
Was ist aus Ihrer Erfahrung wichtig, wenn man den richtigen Umgang mit Geld lernen will?
Vielleicht die Erkenntnis, dass man den erfolgreichen Umgang mit Geld lange üben muss. Die Jugendlichen sollen verstehen, dass es genauso viel Zeit benötigt, wie das Üben eines Flickflacks im Turnen oder eines platzierten Elfmeters im Fußball.