Nicolas Woll aus Merchweiler hat in den frühen 2000er-Jahren die Möglichkeiten des Internets erkannt und seine kreativen Ideen verwirklicht. Mit selbst designten Vasen geht er gerade neue Wege und hat bereits mehrere Preise damit gewonnen.
Das Büro von Nicolas Woll kann mit jedem gut sortierten Einrichtungshaus mithalten. Hier stehen auf Designermöbeln Vasen in vielen Farben und Größen. Einige sehen aus wie moderne Kunstwerke, andere gehen in die Richtung von klassischen Flaschen- oder Kugelvasen. Dabei ist allerdings nur die Form klassisch – die Herstellung der Vasen ist es nicht. Denn die Modelle, deren Prototypen im Büro zu sehen sind, werden mit moderner Technik per 3D-Druck hergestellt.
Eines der Objekte, das tatsächlich aussieht wie ein ausgefallenes Kunstobjekt, war anfangs nur ein Missgeschick – jetzt wird es regelmäßig bestaunt. Eigentlich sollte eine 3D-gedruckte Vase daraus werden. Das hat nicht ganz funktioniert, eindrucksvoll sieht es trotzdem aus: Der Boden ist noch solide, aber je weiter das Gebilde nach oben wächst, desto wilder und fragiler werden seine Formen.
Technik des 3D-Drucks kreativ genutzt
Beim 3D-Druck werden Gegenstände Schicht für Schicht aus einem zähflüssigen Material hergestellt, das dann als fertige Form aushärtet. Der Drucker verfügt über einen flexiblen Arm, an dessen Ende sich eine Düse befindet, aus der das jeweilige Material herauskommt. Zunächst wird per digitaler Vorlage die Form durchgegeben, die entstehen soll. Dann fährt der Drucker die gewünschte Kontur Schicht für Schicht ab und druckt auf diese Weise den gewünschten Gegenstand. So entstehen auch die Vasen. Je nach Modell kann das in Nicolas Wolls Fall bis zu 15 Stunden dauern.
Am häufigsten werden dazu Kunststoffe und in der Industrie auch Metalle oder sogar auch Keramik verwendet. Von winzigen, präzisen Teilen über Alltagsgegenstände wie den Vasen bis hin zu großen Elementen ist je nach Drucker vieles möglich, das in anderen Herstellungsprozessen nur mit wesentlich mehr Aufwand herzustellen wäre. Selbst ganze Häuser wurden auf diese Weise schon aus Spezialbeton gedruckt.
Das Material, auf das Woll sich für seine Vasen konzentriert, ist eines, das relativ häufig zum Einsatz kommt. Es wird umgangssprachlich auch als Bio-Kunststoff bezeichnet. Polylactid, kurz PLA, ist ein Kunststoff, der nicht auf Erdölbasis, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen wie Maisstärke oder Zuckerrohr hergestellt wird und damit aus natürlichen und nachwachsenden Quellen stammt. Unter industriellen Bedingungen ist das Material sogar komplett biologisch abbaubar, auch wenn das Versprechen „kompostierbar“ nicht heißt, dass Gegenstände wie Einweggeschirr oder -besteck aus PLA so einfach auf dem Komposthaufen oder in der Grünen Tonne landen sollten, da sie sich dort nicht zersetzen.
Ans Wegwerfen soll bei der Vasenkollektion, die unter der Marke Iconic Home verkauft wird, ohnehin niemand denken. Die Modelle sind im gehobeneren Preissegment angesiedelt und sollen sich bewusst nicht in die Riege von austauschbarer Wegwerfdekoration einreihen.
Designs wie das des wilden Kunstwerks kommen übrigens dabei heraus, wenn einer von Wolls 80 3D-Druckern nicht das macht, was er soll. „Spaghetti“, nennt man das Ergebnis unter den Kollegen. Die dünnen Fäden des 3D-Druck-Materials sind in bizarren, wilden Formen erstarrt, anstatt sich Schicht für Schicht zur eigentlich gewünschten Kontur zusammenzusetzen. Und das sieht im Anschluss so eindrucksvoll aus, dass dieser Fehldruck eben auch als Blickfang durchgeht. Im Idealfall bleibt er aber ein Unikat, denn was am Ende das Ergebnis sein soll, sind eben doch ganze und fertige Vasen.
In Eigenregie alles erarbeitet
Wie beim Fehldruck, der zum Kunstwerk wird, ergeben sich auch im wahren Leben viele Dinge aus Zufällen und Unvorhergesehenem. Möglichkeiten erkennen und spontan nutzen, diesen Balanceakt hat Nicolas Woll, der heute 46 Jahre alt ist, gemeistert. So wurde aus dem Abiturienten von vor über 25 Jahren der Firmenchef von heute, der sich in Eigenregie in den letzten beiden Jahrzehnten so ziemlich alles beigebracht und erarbeitet hat, was man für ein gut funktionierendes Unternehmen im Onlinehandel braucht.
Das Prinzip der modernen Start-up-Unternehmen hat er vorgelebt, als es noch kein Trend war. Als die typischen jungen Gründer mit ihren innovativen Geschäftsideen in den 2010er-Jahren in aller Munde waren, hatte Nicolas Woll schon eine gut funktionierende Firma etabliert, weil er die Möglichkeiten, die die noch jungen 2000er-Jahre boten, früh erkannt und genutzt hatte. Stilecht allerdings waren die Anfänge dann allerdings auf gewisse Weise auch: Während Steve Jobs mit Apple in der Garage seiner Eltern startete und Jeff Bezos für Amazon ebenfalls eine Garage nutzte, begann Nicolas Woll in der Studentenbude neben dem Zeichenbrett.
In der Zeit um die Jahrtausendwende eröffnete das Internet zahlreiche neue Wege, so ergab sich auch ein neues Geschäftsfeld: der Onlinehandel. Die Möglichkeiten waren vielfältig – man musste sie eben nur erkennen und nutzen. Das hat Nicolas Woll getan. Neben seinem Architekturstudium, das er nach dem Abitur begann, folgte er auch seinem Interesse für Digitales und für die neue Online-Welt und arbeitete sich in den sich bis heute immer wieder ändernden Möglichkeiten des Internets voran. Woll erinnert sich an die Zeit: „Man musste damals einfach neugierig bleiben und bereit sein, sich in neue Themen reinzufuchsen. Es gab keine Blaupause, vieles war Learning by Doing.“
Nach Abstechern in verschiedene Onlineshopping-Modelle landete er dabei nicht gleich beim aktuellen 3D-Druck, sondern erst einmal beim Thema Wandgestaltung. Was man heute unter dem Begriff „Wandtattoos“ kennt – also selbstklebende Motive für die Wände der Wohnung – wurde maßgeblich von ihm in den 2000er-Jahren mitgeprägt. Das Prinzip, Dinge mit selbstklebenden Folien zu gestalten, wurde zuvor fast ausschließlich im professionellen Bereich der Werbetechnik angewandt, etwa um Firmenfahrzeuge oder Schaufenster zu beschriften oder mit Firmenlogos zu bekleben.
Die Idee, das Herstellungsverfahren auch für den privaten Bereich zu nutzen und ansprechende Designs, Sprüche und Ornamente zum Aufkleben auf die heimische Wand anzubieten, stellte sich als goldrichtig heraus. Auch wenn Wandtattoos heute von zahlreichen Unternehmen angeboten werden und in Sachen Wanddekoration mittlerweile nicht mehr unbedingt zu den angesagtesten Trends gehören, so war es zumindest damals eine aufregende Neuheit und damit ein Produkt, das sich über viele Jahre hinweg behaupten konnte. Mitgeprägt wurde der heute riesige Markt für Wandtattoos im Online-Bereich von Nicolas Woll und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die er im Laufe der Jahre nach und nach einstellte.
Mit der Nachfrage wurden nicht nur die Angestellten mehr, sondern auch die Notwendigkeit für eine größere Produktionsstätte. Im Jahr 2015 zog die Firma um in ein von Nicolas Woll gestaltetes modernes Firmengebäude, das den Ansprüchen des Unternehmens entsprach.
Neben Hochzeit, Kindern und Hausbau entwickelte Nicolas Woll so in den letzten beiden Jahrzehnten ein Unternehmen, das heute Hunderttausende Kundinnen und Kunden in ganz Europa hat. Woll ist als Geschäftsführer dabei immer noch der Dreh- und Angelpunkt– so wie es sich in einem Unternehmen, das auf diese Art individuell gewachsen ist, eigentlich fast schon gehört. An ihm hängen viele Entscheidungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Vom Design neuer Produkte über finanzielle Fragen bis hin zu technischen Lösungen laufen die Fäden bei ihm zusammen. Das trägt nicht immer unbedingt zur Entspannung bei.
„In unserer Branche gibt es kein ‚Fertig‘“
Freizeit gibt es für Selbstständige nicht wirklich, das weiß auch Nicolas Woll. Das gehöre eben dazu, sagt er, wenn ihn auch im Urlaub Anfragen erreichen, weil irgendetwas nicht funktioniert, wenn er vom Strand aus auf die Systeme in der heimischen Firma zugreift, die Alarmanlage einstellt oder das Hoftor öffnet. Trotzdem bemüht er sich, auf seinen Körper zu hören und auch die eigene Gesundheit nicht zu vernachlässigen, auch wenn das Abschalten nicht immer leichtfällt.
Den Kopf auszuschalten, das fällt ihm vor allen Dingen immer dann schwer, wenn er neue Ideen hat, die er dann natürlich auch umsetzen will, wie kreative Menschen es eben tun. „Ich habe gelernt, dass gute Ideen selten anständig schlafen“, sagt er. „Sie klopfen meistens dann an, wenn man eigentlich gerade abschalten will.“ Wolls Gespür dafür, was man besser tun und was man besser lassen sollte, scheint heute wie damals gut zu funktionieren. So war es auch die Idee, sich der Herstellung von 3D-Druck-Vasen zu widmen, die ihn mehr als eine Nacht wachhielt, die sich am Ende auszahlte. Nach viel Theorie und auch praktischem Ausprobieren hatten die Vasen irgendwann ihre Marktreife. Wirklich fertig ist ein Produkt oder ein Unternehmen aber nie. „In unserer Branche gibt es kein ‚Fertig‘. Produkte, Prozesse, sogar Kundenbedürfnisse verändern sich ständig. Wir müssen immer beweglich denken“, sagt Woll.
Der Erfolg seiner Ideen und seines Designs gibt ihm recht. Die Vasen, die im Gegensatz zu den Wandtattoos eher eine andere Zielgruppe ansprechen, wurden bereits mit renommierten Designpreisen wie dem Red Dot Award ausgezeichnet. Auch das Interesse aus dem Ausland ist groß. Auf einer interaktiven Karte kann Woll sehen, zu welchen Orten in Europa die Vasen schon verkauft worden sind. Von Merchweiler aus haben sie ihren Weg über den ganzen Kontinent gefunden, nach Sofia, nach Zagreb, an die Algarve, nach Italien. An der Côte d’Azur, in St. Gallen oder Rom verkaufen mittlerweile auch Händler die Vasen in ihren Läden. Sogar nach New York wurde kürzlich eine große Bestellung verschickt.
Aus dem Saarland in die ganze Welt. Wie es weitergeht? Das weiß Woll selbst noch nicht: „Keine Ahnung, aber das ist ja das Spannende“, sagt er. „Die besten Ideen kommen meistens dann, wenn man sie nicht geplant hat.“