Die Alternative-Rock-Band Garbage aus Los Angeles schreibt Melodien, die im Kopf bleiben. Wir sprachen mit Frontfrau Shirley Manson, die durch ihre direkte Art auch mal aneckt.
Shirley Manson, das neue Album „Let All That We Imagine Be The Light“ hat seine Wurzeln im Jahr 2016, als Sie am ersten Tag der Tour von der Bühne stürzten und sich die Hüfte zertrümmerten. Es wurde in professionellen Studios aufgenommen, aber auch in Ihrem eigenen Schlafzimmer. Wie fühlt es sich an, ausgerechnet an diesem privaten Rückzugsort über Sterblichkeit zu singen?
Es fühlte sich wie der perfekte Ort an, um diesen Song zu machen. Ich hätte ihn wahrscheinlich auch nicht geschrieben, wenn ich mich nicht gerade von einer schweren Operation erholt hätte und sehr verletzlich gewesen wäre. Wie Sie richtig bemerkt haben, geht es in dem Song „The Day I Met God“ im Wesentlichen um die Sterblichkeit, es geht darum, dass man sich seinem eigenen Untergang stellt.
Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Wissen Sie, ich werde nächstes Jahr 60, also gehen mir diese Fragen sowieso nicht aus dem Kopf. Aber ich hatte ein Jahr lang Hüftprobleme, bevor ich operiert wurde, und dann folgte eine weitere OP. Ich nahm eine Menge von dem Schmerzmittel Tramadol, und ich litt unter Gehirnnebel als Folge davon. Das hatte einen großen Einfluss auf die Texte. Momente des Elends zwangen mich dazu, vieles infrage zu stellen und darüber nachzudenken, wer ich bin und wie ich in dem, was ich als die letzte große Phase meines kreativen Lebens betrachte, vorankommen will.
Haben Sie seit Ihrer Genesung wieder Konzerte gespielt?
Oh, ja. Wir sind Anfang des Jahres durch Südamerika getourt und haben auch einige Liveshows in Mexiko gespielt. Ich bin wieder voll da. Ich bin komplett geheilt. Es ist ein Wunder. Ich meine, einfach nur springen zu können, war ein Gefühl, als ob ich fliegen würde.
Sie singen: „Das Monster schläft, es ernährt sich von Traurigkeit, und wenn es erwacht, macht es mir Angst.“ Geht es hier um Ihren eigenen Seelenzustand?
Ja, um meinen eigenen Geisteszustand und mein eigenes Körpergefühl. Um den Schrecken über meine eigene Sterblichkeit. Gleichzeitig befand sich die Welt in einem außergewöhnlichen Umbruch. Ich lebe in Los Angeles. Ich war mir bewusst, dass die Macht sich von unserer Hoffnungslosigkeit ernährt. Und deshalb will sie, dass wir schwach und deprimiert sind, damit sie uns herumschubsen kann. Also denke ich, dass Hoffnung und Optimismus Widerstand sind und immer eingesetzt werden müssen.
Ist dieses Album Ihre Art, Widerstand zu leisten?
Es ist ein Weg für mich, zu überleben. Deshalb ist das Überleben an sich schon Widerstand. Der Leitgedanke hinter dem Album ist, dass es in dunklen Zeiten am besten ist, nach dem Licht zu suchen. Mir wurde klar, dass die radikalste Form des Widerstands darin besteht, mit dem eigenen Mitgefühl, der eigenen Vergebung und der eigenen Liebe in Kontakt zu kommen. Ich habe erkannt, dass die Kraft der Liebe das Einzige ist, was dem entgegenwirken kann, was wir heute in der Welt erleben.
In dem neuen Video „There is no Future in Optimism“ sehen wir ein schwarz-weißes lesbisches Liebespaar. Ist das ein bewusst gewähltes Statement?
Die LGBTQ-Gemeinschaft ist so sehr unter Beschuss. Deshalb wollten wir unbedingt diese Art von Liebe darstellen. Ich bin so empört über den Rassismus, den Kolonialismus und die weiße Vorherrschaft, die wir derzeit überall auf der Welt erleben! Wir wollten auch unsere Liebe zu allen Hautfarben, allen Geschlechtern, allen Glaubensrichtungen und allen Überzeugungen darstellen. Wir haben zwei Frauen und keine Männer ausgewählt, weil die Rechte der Frauen in Amerika enorm bedroht sind. Ich sehe gerade Dinge, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Die hohen Zustimmungsraten für extremistische Parteien schicken Schockwellen nicht nur durch Ihr Land. Bewegt sich unsere Gesellschaft heute nicht aufwärts, sondern eher rückwärts?
Die Trump-Regierung bietet Frauen 5.000 Dollar an, damit sie Babys bekommen. Sie zwingen also wirtschaftlich angeschlagene Frauen dazu, Kinder zu kriegen und erlauben keine Abtreibungen. Sie wollen also, dass Frauen sich fortpflanzen, aber sie stellen keine Sozialleistungen zur Verfügung, um für diese Babys zu sorgen. Das ist absoluter Wahnsinn! Sorry, ich werde immer hysterisch, wenn ich darüber rede.
Der Auslöser für die Single „There’s No Future In Optimism“ war die Ermordung des farbigen Amerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten im Jahr 2020. Was hat dieses Ereignis mit Ihnen persönlich gemacht?
Die Ermordung eines Schwarzen durch einen weißen Polizisten war eines der schrecklichsten Dinge, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen habe. Vor dem Mord an George Floyd hatte ich als privilegierte weiße Frau nicht viel Zeit damit verbracht, mich über Rassismus, Kolonialismus und weiße Vorherrschaft zu informieren. Aber danach war ich wild entschlossen, mich schlau zu machen, um mitreden zu können.
Die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA ist seit Jahren in Videos dokumentiert. Warum war ausgerechnet das George-Floyd-Video so wirkungsvoll?
Die Ermordung von George Floyd ist elf Minuten lang! Wir sehen, wie sie sich Sekunde für Sekunde entfaltet. Abscheulich! Und dann wurde in den Medien diskutiert, ob der Polizist das Recht hatte, diesem Farbigen das Leben zu nehmen. Wollen die mich verarschen? Ich sehe dieses böse Video noch vor meinem geistigen Auge. Ich werde mich nie wieder davon erholen. Hätte nicht ein schwarzer Teenager den Mut gehabt, den Mord zu filmen, wüssten wir nicht, dass er jemals passiert ist.
Der Fall George Floyd war zu einem Wendepunkt im Kampf gegen den Rassismus geworden. Aber warum haben so viele Schwarze für Trump gestimmt?
Viele Menschen wählen gegen ihr eigenes Interesse. Vielleicht sind sie knapp bei Kasse; sie denken dann nicht an ihre eigene Hautfarbe oder ihr eigenes Volk. Vielleicht sind sie so sehr an den Rassismus in Amerika gewöhnt, dass ihnen klar wird, dass es eigentlich egal ist, wen sie wählen, und sie wählen dann im Sinne von Rassismus, Unterdrückung und weißer Vorherrschaft. Es ist ja nicht so, dass Joe Biden ein großer Gewinn für die schwarze Gemeinschaft gewesen wäre.
Die vielen analogen Synthesizer und Sounddesigns auf der Platte spiegeln die dystopische Stimmung wider, die wir alle gerade erleben. Je düsterer die Zeiten, desto spannender und engagierter die Kunst und Musik – stimmt das?
Ich würde sagen, ja. Ich habe 20 Jahre lang darauf gewartet, dass düstere, alternative Klänge in den Mainstream eindringen. Aber es ist nicht so gekommen. Das liegt daran, dass wir mit Popmusik überschwemmt werden. Ich glaube nicht, dass die jungen Leute sich von einfältiger Popmusik, in der es darum geht, Spaß im Club zu haben, beruhigen oder unterhalten lassen. Junge Menschen, das beweisen die Statistiken, sind heute in großer Not. Sie leiden unter Angstzuständen. Die Selbstmordrate unter Jüngeren war noch nie so hoch. Sie haben weniger Sex. Sie lassen sich nicht mehr auf riskante Verhaltensweisen ein. Aber genau das hat mir in meiner Jugend sehr viel Spaß gemacht!
Während der Obama-Regierung wurde in den USA auf der Grundlage der Gleichberechtigung der Menschen Großartiges erreicht. Und jetzt ist Trump dabei, das alles zu zerstören. Glauben Sie, dass er damit wirklich erfolgreich sein wird?
Ich denke nicht, dass er am Ende erfolgreich sein wird, aber das heißt nicht, dass wir in der Zwischenzeit nicht eine Menge Leid erleben werden. Aber ich glaube auch an die Gegenströmung, die all den Hass, all die Intoleranz und all die Gier zurückdrängen wird. Ich mache mir natürlich Sorgen, wie lange es dauern wird, bis wir dieses Niveau an hasserfüllter Rhetorik dezimieren können. Wenn jemand wie JD Vance sagt, die Universitäten seien der Feind des Volkes, Professoren seien gefährlich, ist das alarmierend. Wenn sie es auf die Bildung abgesehen haben, wenn sie anfangen, Bücher zu verbrennen, was sie auch schon tun, dann wissen wir alle, wohin das führt.
Trump will Transfrauen und -mädchen von Frauensportmannschaften in Schulen und Universitäten ausschließen. Wie denken Sie darüber?
Nun, natürlich hassen sie Trans-Menschen. Sie hassen jeden, der nicht weiß und männlich ist. Aber ich glaube, die Trans-Debatte wird als Ablenkung benutzt. Sie werfen es in die Runde, weil viele Menschen nicht über die LGBTQ-Gemeinschaft Bescheid wissen. Die Trans-Gemeinschaft ist ein winziger Prozentsatz der Weltbevölkerung, eine so verletzliche, marginalisierte Community. Ich habe selten von einem Fall gehört, in dem eine echte Trans-Person jemandem Schaden zugefügt hat. Und doch werden diese Menschen verunglimpft, kriminalisiert und verfolgt, weil sie keine Möglichkeit haben, sich zu wehren. Aber es ist ein Ablenkungsmanöver seitens einer rechtsextremen Regierung. Alle Journalisten sollen wie kleine Fische darauf anspringen und darüber schreiben und debattieren.
Wovon soll Ihrer Meinung nach abgelenkt werden?
In der Zwischenzeit findet die eigentliche Ausrottung, Zerstörung und Demontage der Demokratie statt, ohne dass die Presse dazu einen Kommentar abgibt. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, darüber zu debattieren, ob irgendwo ein Trans-Mädchen in einer Fußballmannschaft spielen sollte. Es ist bizarr! Ich weiß nur, dass es Trans-Menschen seit Anbeginn der Zeit gibt. Es gibt alte ägyptische Kunst, die Transgender und intersexuelle Menschen zeigt. Es gibt nicht nur männlich und weiblich. Warum gab es bei den amerikanischen Ureinwohnern sieben verschiedene Geschlechter? Das gibt es! Es ist nur so, dass die Menschen nicht darüber aufgeklärt worden sind. Und deshalb haben sie Angst davor. Alles, was sie nicht verstehen, wollen sie zerstören. Das ist wie in der Wildnis.
Einige queere Stars und Menschen wollen die USA verlassen. Werden Sie dort bleiben oder könnten Sie sich vorstellen, in Schottland zu leben, wo Sie Verwandte haben?
Viele meiner sehr wohlhabenden amerikanischen Freunde haben Dinge gesagt wie: Wir gehen weg, wir ziehen um, wir gehen hierhin, dorthin oder sonst wohin. Was ich denen sagen möchte, ist: Bleibt und kämpft für euer Land! Amerika ist absolut unglaublich, auch geografisch, buchstäblich atemberaubend. Ich bin erstaunt, dass diese Menschen lieber weglaufen, als zu bleiben und ihre Stimme zu erheben. Und die Landsleute, die nicht gehen können, überlassen sie einfach dem Untergang, ja? Okay, gut, das wars. Aber ich habe eine schlechte Nachricht für euch: Diese rechtsextremen Ideologien breiten sich auf der ganzen Welt aus.