Christo-Werk
Im Kokon der Kunst
Drei Jahrzehnte ist es her, dass der Reichstag in Berlin unter silbrig schimmerndem Stoff verschwand – und für zwei Wochen für kollektives Staunen sorgte. Zum 30. Jubiläum dieses legendären Kunstereignisses rückt die Neue Nationalgalerie ein weiteres Meisterwerk von Christo und Jeanne-Claude in den Fokus: den „Verpackten 1961 Volkswagen Käfer Saloon“ – ein Kunstobjekt zwischen Alltagssymbol, gesellschaftlichem Statement und ästhetischer Intervention.
Es verdeutlicht das Werk von Christo (1935 bis 2020) und Jeanne-Claude (1935 bis 2009) eindrucksvoll: Ihnen ging es nie um das Spektakel allein. Ihre Arbeiten sind vielmehr temporäre Umcodierungen von Dingen und Orten. Verpacken hieß bei ihnen nicht verstecken, sondern sichtbar machen – das Gewohnte fremd erscheinen lassen, um es neu zu begreifen. Das in gelben Stoff eingepackte und mit Seilen verschnürte Fahrzeug stammt ursprünglich aus dem Jahr 1963 und wurde 2014 erneut realisiert. Nun wird die Leihgabe aus Privatbesitz im Rahmen der Sammlungspräsentation „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft. Sammlung der Nationalgalerie 1945 bis 2000“ gezeigt – „für längere Zeit“, wie das Museum mitteilt. Die Ausstellung thematisiert anhand von rund 160 Werken kritisch und vielschichtig künstlerische Auseinandersetzungen mit Gesellschaft und Zeitgeschichte mit vielen großen Namen wie Joseph Beuys, Francis Bacon, Jean Dubuffet, Alexander Calder und Andy Warhol.
Bereits seit einiger Zeit ist auch Christos „Store Front Project“ (1964) Teil der Sammlungspräsentation – eine Wandarbeit, die ein Schaufenster nachbildet und mit der Ambivalenz zwischen Verheißung und Verschlossenheit spielt. Beide Werke markieren frühe Meilensteine eines Schaffens, das konsequent gesellschaftliche Räume hinterfragt – nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit poetischer Finesse. Der verpackte VW Käfer, ein Sinnbild des westdeutschen Wirtschaftswunders, ein Massenmobilitätsmythos und Pop-Ikone, wird durch die Hülle in ein stilles Monument kultureller Reflexion verwandelt. Der Stoff um das Auto wirkt wie ein Schleier der Geschichte, der zugleich schützt und infrage stellt. Katharina Rolshausen
Kulturverführung vom 11. Juli 2025
Theater: „Bleib mutig, Seraphina“ – ausgerechnet ein Priester hält ihr einen Zettel mit diesen Worten entgegen, als sie vor Gericht steht. Das wird im Jahr 2045 sein. Der Vorwurf an die Frau: wissenschaftlicher Terrorismus. Vor Gericht bringt sie ihre Erfindung, das Produkt Serafim, das den Frauen etwas Vergleichbares wie ewige Jugend verspricht, für Männer allerdings höchst schädliche Nebenwirkungen bereithält. Es spaltet die Gesellschaft. Als Dämonin verschrien, weil sie ein Mittel gefunden hat, biologische Barrieren aufzulösen und Frauen die Lust auf das Leben zu erhalten, hinterfragt die Wissenschaftlerin die Allmacht der Gewohnheit. Ist sie eine visionäre Retterin der Menschheit oder eine blinde Rächerin, wie ihre Gegner behaupten? Um diese Frage geht es in Katja Riemanns und Paula Romys Stück „DI•VI•SI•ON“. Riemann steht auch selbst auf der Bühne. Renaissance Theater, Knesebeckstraße 100, 10623 Berlin, Info und Karten: www.renaissance-theater.de
Fotografie: Nicht nur Modemacherinnen und Modemacher selbst, auch Fotografinnen und Fotografen prägen das, was wir als Mode wahrnehmen. Einer der bedeutendsten dieser Fotografen ist Rico Puhlmann. Ihm widmet die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin im Museum für Fotografie bis zum 15. Februar die Ausstellung „Fashion Photography 50s–90s“. Gestartet als gefragter Kinderdarsteller beim Film, fand Puhlmann (1934–1996) seinen Einstieg in die Branche der Modemagazine als Illustrator, bevor er erst in Berlin, dann von New York aus auch Covermotive und Editorials für die weltweit auflagenstärksten Modejournale schuf. Seine Fotografien dokumentieren über vier Dekaden zentrale Themen der Modegeschichte: Modetrends wie den legendären Berliner Chic der Nachkriegszeit oder die New Yorker Sports- und Streetwear der 70er und sich damit ändernde Dresscodes, die Entwicklung im Selbstverständnis des Modelberufs, ein sich wandelndes Frauen- und Männerbild, die Verbreitung von Schönheitsidealen, die Diversität nicht repräsentierten, sowie Akteurinnen und Akteure und Selektionsmechanismen, die bei der Aufnahme der Bilder in auflagenstarke Magazine und damit ins kollektive Gedächtnis federführend waren. Museum Für Fotografie, Jebensstraße 2, 10623 Berlin, Info und Tickets: www.smb.museum
Kabarett: „Kein anderes Volk der Welt hat wie wir Deutschen eine derartige Fülle an Gesetzen und Paragrafen hervorgebracht“, sagt Johannes Hallervorden. In seinem Kabarettprogramm „Am 8. Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“, das bis Ende August läuft, klärt er auf: „Wir regeln einfach alles: die Eheschließung bei Bewusstlosigkeit (§1314 BGB) und das vorschriftsmäßige Anbringen von Warndreiecken bei Trauerprozessionen (§27 StVO).“ Theater am Frankfurter Tor, Karl-Marx-Allee 133, 10243 Berlin, Info und Karten: www.theater-am-frankfurter-tor.de Martin Rolshausen