Die Berliner Volksbühne kämpft um ihre Werkstätten und warnt vor Sparmaßnahmen, denn sie zu schließen, würde teurer kommen, als sie zu erhalten.
Am Ende wird es immer eng. Das liege nicht daran, dass es viele Abteilungen gibt und keine „etwas fertig baut“, sagt Stefan Möllers. Es ist vielmehr der Hang zur Perfektion, der die Frauen und Männer in den Werkstätten der Volksbühne dazu bringt, das Zeitlimit auszureizen. Möllers ist Leiter der Werkstätten. Und es sei einfach so: „Die Übergabe an die Bühnentechniker wird immer knapp.“ Mit dieser Übergabe ist die Arbeit der Werkstatt beendet – es sei denn, es ist noch etwas auszubessern.
„Die Abwicklung der Werkstätten wäre eine Katastrophe“
Es ist ein milder Sommertag, und Stefan Möllers tut etwas, was er sonst nicht tut: Er redet über seine Arbeit und die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen, statt zu arbeiten. Das hat damit zu tun, dass am Theaterhorizont eine dunkle Wolke aufgetaucht ist. Der Senat muss sparen. Die erste Welle hat die Kultur bereits hart getroffen. Die zweite, so scheint es, könnte die Werkstätten der Volksbühne mit sich reißen. Es gebe die Überlegung, die Arbeiten, die bisher in den eigenen Werkstätten erledigt werden, zum Bühnenservice Berlin, also den Zentralwerkstätten, zu verlagern. Bedroht seien damit sowohl die im Theatergebäude am Rosa-Luxemburg-Platz selbst befindlichen Kostümwerkstätten als auch die Werkstätten mit Tischlerei, Schlosserei, Malersaal, Plastik, Dekoration und Konstruktion in Pankow. „Deren Abwicklung wäre für die Volksbühne eine Katastrophe: Die eigenen Werkstätten mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehören unverzichtbar zur DNA der Volksbühne“, sagt die künstlerische Betriebsdirektorin Celina Nicolay.
Stefan Möllers steht in einem Raum, in dem die Raumstation ISS auf einem Computerbildschirm zu sehen ist. Es ist nicht die ISS selbst, erklärt Möllers. Man hat Teile davon für ein Stück mehr oder weniger detailgetreu nachgebaut. Die Arbeit daran begann in diesem Raum. Der Werkstattleiter geht weiter in die Dekoabteilung. „Hier wird alles hergestellt, was nicht am Körper getragen wird“, erklärt er. Es geht weiter durch die Tischlerei in den Malsaal. Hier werden Bühnenbilder gemalt, Teile des Bühnenbilds angestrichen und auch mit schwer entflammbaren Beschichtungen versehen.
47 Menschen arbeiten in den Werkstätten – davon 24 plus sechs Auszubildende in Pankow. Dazu kommen noch Praktikantinnen und Praktikanten. Dazu kommen zwei Konstrukteure. Am Rosa-Luxemburg-Platz arbeiten 14 Menschen in den Kostümwerkstätten. Dazu kommen Hospitantinnen und Hospitanten sowie Schülerpraktikantinnen. Die Liste der Berufsgruppen, die die Theaterleitung auflistet, ist lang: Tischlerinnen und Tischler, Plastikerinnen und Plastiker, Malerinnen und Maler, Dekorateurinnen, Konstrukteure, Gewandmeisterinnen, Damen- und Herrenschneiderinnen, Kostümmalerinnen und Schlosser.
Eigene Werkstätten sind günstiger
Die Schlosserei, erklärt Stefan Möllers, muss besondere Herausforderungen meistern. Die Metallteile dürfen nicht zu schwer werden. Zum einen müssen sie auf der Bühne gut zu bewegen sein. Zum anderen müssen sie auch für Tourneen gut verladen werden können. Deshalb wird in der Schlosserei möglichst kleinteilig gearbeitet, sagt Möllers – und steigt ein Stockwerk höher. Dort ist die Plastikabteilung. „Hier wird alles gemacht, was die anderen Abteilungen nicht können“, erklärt Möllers. Zum Beispiel Köpfe von Statuen, Totenschädel, einen Pferdekopf und eine riesige Ananas. Der Schauspieler Milan Peschel und seine Kollegin Kathrin Angerer unterhalten sich in der Werkstatt mit einer Plastikerin. Die beiden sind gekommen, um klarzumachen, dass ein Theater nicht nur von seinen Stars auf der Bühne lebt, sondern von allen, die dazu beitragen, dass ein Stück überzeugt. Für Milan Peschel heißt das: Die eigenen Werkstätten sind wichtig. „Aus irgendeiner Werkstatt kann sowas nicht kommen“, sagt er und lässt den Blick durch den Raum schweifen. „Die verstehen hier die Notwendigkeiten, die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten. Das sind eben selbst Künstlerinnen und Künstler.“
Die Theaterleitung formuliert es so: „Die enge Anbindung an das Haus und die daraus resultierende Identifikation mit der dort stattfindenden Kunst bewirkt im wahrsten Sinne des Wortes maßgeschneiderte Ergebnisse. Der dauernde Austausch zwischen den Gewerken und Künstlerinnen und Künstlern ermöglicht Bestleistungen. Die Zusammenarbeit innerhalb der verschiedenen hauseigenen Kunsthandwerke ermöglicht die Umsetzung von komplexen Ideen parallel zur Entstehung einer Inszenierung.“ Darüber hinaus seien es die langjährigen Arbeitsverhältnisse, die die Volksbühne ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bietet, die „ein Höchstmaß an Qualifikation und Wissensweitergabe sichern“. Deshalb sei auch die Ausbildung in den eigenen Werkstätten wichtig.
Das Ganze rechne sich auch finanziell. „Kurze Wege erhöhen die Effizienz, sparen Fahrt- und Transportkosten insbesondere im Bereich Kostüm. Die Arbeitskraft wird zu höchsten Prozentsätzen fachbezogen eingesetzt“, erklärt die Theaterleitung. Dadurch, dass in den Werkstätten alle Gewerke zusammenarbeiten, gebe es einen „effizienten Materialeinsatz“. Und: „Kreislaufwirtschaft und Recycling sparen Ressourcen. Fundus-Pflege und Reparaturen in hauseigenen Werkstätten erhalten Kostüme zur Wiederverwertung.“
Dass es billiger sei, wenn zentrale Werkstätten, die auch für andere Theater arbeiten, diese Aufgaben übernehmen, sei falsch. Die künstlerische Betriebsdirektorin Celina Nicolay hat das ausrechnen lassen. Die Stundensätze der Volksbühne-Werkstätten betragen unter Berücksichtigung aller Neben- und Overheadkosten – wie sie auch der zentrale Bühnenservice für seine Kalkulation einbezieht – 46,80 Euro. Für die Dekorationswerkstätten sind es 47,20 Euro, für die Kostümwerkstätten 38,60 Euro. „Der Bühnenservice berechnet demgegenüber für seine Dienste 60 Euro pro Stunde zuzüglich Mehrwertsteuer sowohl für Dekorationen als auch für Kostüme“, sagt Celina Nicolay.
Dazu kommen noch Fremdvergaben, denn der Bühnenservice vergibt rund zehn Prozent seiner Aufträge an Fremdfirmen. Deren Stundensätze seien höher als die des Bühnenservice selbst – und werden nach Informationen der künstlerischen Betriebsdirektorin direkt ans Theater weitergereicht. Die Volksbühne könne es sich also gar nicht leisten, die eigenen Werkstätten zu schließen.
Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater
Im Gegenteil: Es ist im Gespräch, dass das Maxim Gorki Theater auf die Volksbühne-Werkstätten zurückgreift, sagt der designierte Intendant der Volksbühne, Matthias Lilienthal. Das Gelände, auf dem die 1939 erbauten Werkstätten stehen, gehört dem Land Berlin. Die Idee, die über die Werkstätten hinausgeht, ist nun die: Bisher haben sowohl die Volksbühne, als auch das Maxim Gorki Theater ihre Probebühnen in angemieteten Räumen untergebracht. Die Mietverträge laufen bald aus. Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre bedeutet das: Die Eigentümer erhöhen die Miete. 2019 habe die Mietsteigerung für die Proberäume 100 Prozent betragen, sagt Celina Nicolay. „Das ist eine gewaltige Mietsteigerungsspirale – und man findet ja auch sonst nichts in Berlin.“ Auf dem Gelände in der Thulestraße in Pankow sei noch Platz, neben den Werkstätten auch Probebühnen für beide Theater zu bauen. Bei einer Abschreibung über 50 Jahre, wie das an anderen Orten in Deutschland üblich sei, könne die Volksbühne das aus eigenen Mitteln finanzieren. Es sei auch bei der Senats-Kulturverwaltung bereits angefragt worden, ob dazu nicht womöglich auch Geld aus dem Strukturentwicklungsfonds des Bundes eingesetzt werden könne– schließlich gehe es um eine sinnvolle Investition, die Geld sparen hilft.
Ob sich die Senatsverwaltung unter der neuen Kultur-Senatorin Sarah Wedl-Wilson darauf einlässt, sei unklar. „Wir wissen nicht, ob die Schließung der Werkstätten noch auf der Agenda steht“, sagt Celina Nicolay. Die Politik berate, nach der Sommerpause werde es mehr Informationen geben– dann soll klarer werden, wie der Berliner Haushalt fürs kommende Jahr aussehen könnte. Matthias Lilienthal will eigentlich nichts sagen, weil er ja noch nicht offiziell im Amt ist, aber bei der neuen Kultursenatorin sei das sicher wie bei allen Menschen, die sich die Werkstätten angeschaut haben: „Man muss diese Werkstätten einfach lieben, so dass man sie nicht schließen kann.“ Lilienthal spricht von einer „offenen Situation“. Aber auch von „einer Situation, in der ich ein klein wenig optimistisch bin“. Es wird also wie in den Werkstätten sein: Am Ende wird es eng, aber alles ist gut.