Das weltberühmte Musikfestival im schleswig-holsteinischen Wacken ist im Vorjahr für 1,3 Milliarden Euro von einem Investor übernommen worden. Vom 30. Juli bis 2. August präsentiert sich das Rock- und Metal-Spektakel Wacken vielfältiger denn je.
Heavy Metal ist die moderne Form des Rock’n’Roll. Es gibt ihn seit „You really got me“ von den Kinks – der Song mit dem ersten ikonischen Metal-Riff von 1964. Rock’n’Roll entstand aus dem Wunsch, Wut auszudrücken, er war wild und gegen das Establishment. Selbst wenn das alles seit Jahrzehnten etabliert ist und es heute viele bejahrte Künstler gibt, kann man heute nicht mehr von Wildheit und Rebellion sprechen. Aber Metal basiert nach wie vor auf diesen Gedanken. Voriges Jahr ist der Wacken-Open-Air-Gesellschafter Superstruct Entertainment für viel Geld von dem US-Finanzinvestor KKR übernommen worden. Ist dort überhaupt noch Platz für eine Kunstform, die sich kritisch mit gesellschaftlichen, politischen oder kulturellen Normen auseinandersetzt und diese infrage stellt? Es steht viel auf dem Spiel. Doch gemessen an der Glaubwürdigkeit der diesjährigen Künstler in Wacken besteht durchaus noch Hoffnung.
Zum Beispiel Robert Conrad „Robb“ Flynn von der stilprägenden kalifornischen Metal-Band Machine Head. Er wurde bereits zweimal mit dem renommierten Metal Hammer Golden Gods Award ausgezeichnet. Der heute 58-jährige Sänger und Gitarrist ist mit Punkrock und Hip-Hop sozialisiert worden. Die derbe Sprache dieser Genres hat er auf seine eigenen Texte übertragen, weshalb sie zuweilen etwas vulgär sind. Hinter Rob Flynns harten Rhythmen verbergen sich oftmals Protestsongs. Aber ein Rebell sei er deshalb nicht. „Das ist ein abgedroschenes Wort. Ich bin ein Künstler, der darüber schreibt, was er beobachtet. Und ich mag provokative Texte, wobei ich zugeben muss, dass ich 35 Jahre lang über denselben Scheiß gesungen habe. Musik hat heute nicht mehr die Bedeutung wie in den 60er- und 70er-Jahren. Das ist eine Schande. Aber es ist wie es ist. Es gibt nicht mehr viele Künstler, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Das ist ein echtes Problem. Heute regiert der Konsum vor der Kreativität. Aber das heißt nicht, dass es nie wieder einen Song geben wird, der alles verändert.“
Gegen das Establishment
Die größten Stars in Wacken sind dieses Jahr zweifellos Guns N’ Roses. Deren Bassist Duff McKagan hat sich trotz des Mainstream-Erfolges etwas Anarchisches bewahrt. Als Jugendlicher in Seattle war er Punk. Das lebte er auch optisch aus. „Meinem Vater gefiel das überhaupt nicht, er stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs“, erinnert sich der mittlerweile 61-jährige McKagan im Gespräch. „Für meine Mutter war das okay. Für mich habe ich mit Punk etwas Eigenes gefunden. Das hat mich wirklich aus Schwierigkeiten herausgeholt, ich habe zu der Zeit Gras geraucht und LSD genommen und so. Als ich anfing, in Punkbands zu spielen, war der ganze Scheiß weg, aber ich kam später wieder darauf zurück. Meine Mutter hat den positiven Einfluss dieser Musik auf mich erkannt. Sie mochte auch die Platten von Bands wie den Sex Pistols, ‚Anarchy in the U.K.‘ und so. Aber als Kid hatte ich keine Ahnung, was Anarchie ist. Und Stiff Little Fingers aus Belfast. Ihr Debütalbum wurde als Kassettenbombe verpackt. Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber Mutter sah sich das an und sagte zu mir: ‚Diese Kids kommen aus Nordirland, sie schreiben über die Unruhen dort‘. So habe ich durch Punkrock etwas über Politik gelernt.“
Mindestens so legendär wie Guns N’ Roses und durch und durch politisch ist der Ire Bob Geldof, Initiator des berühmten Live-Aid-Festivals. 1975, als der Punk in Großbritannien explodierte, gründete er in Dublin die Boomtown Rats. „Die Gesellschaft stempelte uns als Außenseiter ab, die lokalen Bands hassten uns, die Obrigkeiten ebenso“, erzählt der 73-jährige Rockstar mit der schlohweißen Matte. „Aber wir wurden trotzdem immer populärer. Ich fing dann an, im Fernsehen nicht über Musik, sondern über die korrupte Kirche zu sprechen. Über die Killer im Norden und die Regierung. Da brach die Hölle aus. Aber es machte mir Spaß, eine kulturelle Revolution mit loszutreten. Elvis Presley und Little Richard wussten anfangs gar nicht, was sie da taten. Sie waren Avatare einer kulturellen Revolution. Auch Paul & John und Mick & Keith ahnten in ihrer Fuck-off-Unverschämtheit nichts von ihrer Symbolträchtigkeit. Aber die Sex Pistols, die Ramones, The Clash, die Talking Heads und die Boomtown Rats existierten später nur aus dem Grund, weil wir das System verändern wollten, das uns keine Zukunft versprach. Und es ist uns sogar gelungen.“ Der Rock’n’Roll hat die Gesellschaft weltweit verändert. Heute besitzt er allerdings nicht mehr die Kraft dazu. Der vitale Senior Bob Geldof macht weiterhin Rockmusik, weil das für ihn der einzige Weg sei, sich selbst zu erklären, was mit ihm passiert. „Ich bin auf der einen Seite ein Glückskind, andererseits war mein bisheriges Leben sehr extrem und anstrengend – sowohl privat als auch beruflich. Wenn mir etwas Schreckliches passiert, dann komme ich mir vor wie eine Qualle in einem Ozean der Trauer. Ich muss nur wissen, dass ich ein- und wieder auszuatmen habe. Die Alternative zum Rock’n’Roll wäre, wieder im Schlachthof in Dublin oder im Straßenbau zu arbeiten.“ Der Methusalem beim diesjährigen Wacken-Festival ist übrigens U.K.-Subs-Frontmann Charlie Harper. Der 81-jährige Brite gilt als der älteste noch aktive professionelle Punk-Sänger.
„Eine freie Zeit, und erschwinglich“
Tommy Victor, Sänger und Gitarrist der einflussreichen New Yorker Band Prong, hat das Handwerk des Heavy Metal im legendären Punk-Club GBGB’s erlernt. Dort war er in den späten 1980ern Tontechniker. „In der Lower East Side zu leben und zu arbeiten, war toll“, findet der heute 63-jährige Künstler. „Weil es da unten billig war. Damals gab es in New York City tonnenweise Clubs. Künstler waren omnipräsent. Es war eine freie Zeit, und alles war erschwinglich. Aber eines Tages sagte sich jemand, dass diese Leute, die Musik machen, Kunst machen und schreiben, nicht mehr so billig leben können sollen. Es gibt heute keinen Ort mehr, an dem das möglich ist.“
Damals herrschte in New York Citys Undergroundszene ein optimistischer Geist. Unabhängige Plattenlabels wie Homestead florierten. „Die erste Prong-Platte, die ‚Primitive Origins’-EP, habe ich noch persönlich in Bleeker Bob’s Laden gebracht“, so Victor. „Eintausend Exemplare. Als wir das nächste Mal dort waren, wollten sie mehr. Am Ende hatten wir 3.000 EPs in diesem einen Plattenladen in New York verkauft. Alles in Eigenregie. Ich habe die ganze Pressearbeit selbst gemacht und Demotapes an alle Fanzines geschickt. Ein Laden an der Lower East Side hatte nur Fanzines für die Musikszene, Tausende davon. Selbstgemacht und zusammengeheftet. Unglaublich! Wir waren auf niemanden sonst angewiesen, wir konnten alles selbst machen.“ Auf ähnlich unkonventionelle Weise haben die Do-it-yourself-Anhänger Holger Hübner und Thomas Jensen das Wacken Open Air zu einer international bekannten Marke gemacht. Das Herzstück ist das Musikfestival. Dazu gehören verschiedenste Merchandise-Artikel, die Wacken-Craft-Bier-Brauerei und die Wacken-Foundation. Diese gemeinnützige Stiftung fördert Hard- und Heavy-Metal-Musik.
Tommy Victor sagt von sich, auch er sei von der alten Schule. Wenn man heutzutage junge Bands in einen Raum steckt und ihnen sagt, sie sollen ohne Kopfhörer und Computer jammen, dann wüssten sie nicht, wie das geht. „Und sie haben auch nichts mehr mit dem anderen Geschlecht zu tun. Es ist verrückt! Das Wesen des Rocks ist eigentlich: in die Garage gehen und den Nachbarn anpissen. Jeden in den Wahnsinn zu treiben. (lacht) Versuchen, Mädels rumzukriegen“.
Eine international bekannte Marke
Und wie denken weibliche Wacken-Künstler über das Business? Brauchen Frauen in der Rock- und Metalwelt viel mehr Selbstbewusstsein als Männer? Die finnische Sängerin Tarja Turunen (47), Ex-Frontfrau der Symphonic-Metaller Nightwish, sagt dazu: „Selbst zu Beginn meiner Karriere mit einer Rockband war ich immer allein und musste meinen Weg selbst finden. Es gab niemanden, der mir wirklich sagte, was ich tun sollte, keinen Gesangslehrer. Ich war in gewisser Weise einsam in dieser ganzen Rock-Branche. Denn ich konnte keine Kontakte zu anderen Mädchen und Frauen knüpfen. Zu dieser Zeit gab es nämlich nicht viele von uns. Aber die Zeiten haben sich sehr geändert. Seit ich meine Solokarriere begonnen habe, gibt es eine Menge Rocksängerinnen. Ich bin mit einer Stimme gesegnet, die ganz anders ist als der Rest innerhalb dieses Genres. Und mit dieser Stimme hat es gereicht. Ich musste nie meinen Körper präsentieren oder mehr tun, als ich wollte. Ich kann aus meiner Erfahrung heraus nicht behaupten, dass Frauen mehr Selbstvertrauen brauchen als Männer. Aber ich weiß, dass das nicht bei jeder von uns der Fall ist.“
Fury in the Slaughterhouse sind schon oft in Wacken aufgetreten. Ihr Manager ist kein Geringerer als Holger Hübner, Mitbegründer des Festivals. Es gehört jetzt einem Investor, der an Waffenproduktion beteiligt ist. Fans und Medien befürchten den Ausverkauf. Frage an Fury-Gitarrist Thorsten Wingenfelder: Ändert das etwas für die Besucher? „Da müssen Sie Thomas Jensen und Holger Hübner fragen“, rät er. „Die haben das Festival zwar verkauft, aber das Hoheitsrecht haben sie behalten. Die beiden werden auch älter, und dass die sich das jetzt in irgendeiner Form versilbern lassen, finde ich super. Aber ich weiß, dass sie da künstlerisch immer noch den Finger drauf haben“. Bleibt zu hoffen, dass dieses Festival mit „handgemachter Musik und felsenfesten Ritualen auf einem norddeutschen Acker“ („taz“) seine Authentizität bewahrt und nicht irgendwann zu einer Gelddruckmaschine verkommt.