Alles beim Alten – und doch irgendwie neu. Dirk Zingler geht in seine nächste Amtszeit als Präsident. Dies tut er aber erstmals hauptamtlich. Ändern dürfte er seinen Führungsstil nicht.
Als Dirk Zingler 2004 zum ersten Mal zum Präsidenten des Fußballclubs 1. FC Union Berlin ernannt wurde, war Angela Merkel zwar schon CDU-Parteivorsitzende, aber noch keine Bundeskanzlerin. Der heutige Hightech-Gigant Apple startete gerade erst seine Entwicklung für das iPhone, das Jahre später den Handy-Markt revolutionieren sollte. Und die beiden heutigen deutschen Fußball-Superstars Jamal Musiala und Florian Wirtz waren gerade mal ein Jahr alte Babys. So viel ist in den Jahren passiert, im Sport und in anderen Bereichen des Lebens. Doch Zingler hält sich bis heute an der Spitze seines Herzensclubs – und ein Ende ist nicht in Sicht. Am 1. Juli ging der Club-Boss in seine nächste Amtszeit, die eine Besonderheit mit sich bringt: Zingler wird seinen Posten künftig gemeinsam mit seinen nun sechs Kolleginnen und Kollegen im Präsidium nicht mehr ehrenamtlich, sondern hauptamtlich ausüben.
Neue Zeitrechnung bei Union
Nach 21 Jahren als Präsident ist der Beginn der neuen Amtsperiode auch für mich noch mal ein Neustart“, sagte Zingler daher. Der Wunsch nach Hauptamtlichkeit sei nicht von Zingler ausgegangen, bekräftigte Unions Aufsichtsratschef Thomas Koch. „Dirk Zingler hat unserem Wunsch entsprochen, Union nach 21 Jahren im Ehrenamt künftig hauptamtlich zu führen, um sich der herausfordernden Aufgabe mit ganzer Kraft widmen zu können“, sagte Koch. Zingler war zuvor vom Aufsichtsrat des Vereins für eine weitere Amtszeit bis 2029 als Präsident bestellt worden. Anders als bei den meisten Bundesligisten wird der Club-Präsident bei Union vom Kontrollgremium ernannt und nicht von den Mitgliedern gewählt. Der 60-jährige Zingler ist Chef des Präsidiums, dem weiter auch Dirk Thieme, Oskar Kosche und Lutz Munack angehören. Neu hinzu kommen zum operativen Führungsgremium Katharina Kienemann (Geschäftsführerin der Alte Försterei Veranstaltungs GmbH), Jennifer Zietz (Geschäftsführerin Profifußball Frauen) und Christian Arbeit (Geschäftsführer Kommunikation).
Der Wechsel in die Hauptamtlichkeit ist auch eine Folge der gestiegenen Anforderungen. „Nachdem es in den ersten Jahren vor allem ums Überleben unseres Klubs ging“, sagte Zingler, „gehen wir mit der inzwischen erarbeiteten Stabilität nun an die Umsetzung des wichtigsten Zukunftsprojektes“. Damit meinte er das millionenteure Modernisierungsprojekt. Das Vereinsgelände an der Alten Försterei, „seit mehr als 100 Jahren die Heimat unseres Klubs, wird sein Gesicht deutlich verändern“, sagte Zingler und versprach: „Am Ende werden wir ein modernes Trainingszentrum und ein bundesligataugliches Stadion für unsere beiden Profimannschaften haben und mehr Platz und bessere Bedingungen für Zuschauer.“
Allein für die Stadionerweiterung auf bis zu 40.000 Plätze sind Investitionen von rund 100 Millionen Euro vorgesehen. Viel Geld – und damit auch viel Verantwortung für das Präsidium. Ein Teil der Summe wird durch den Verkauf von Stadionaktien an Fans wieder reingeholt. Dennoch ist das Projekt nicht ohne Risiko, vor allem bei einem Ausbleiben des sportlichen Erfolgs und einem möglichen Abstieg in die zweite Liga. Doch mit solchen Szenarien will sich Zingler zumindest öffentlich nicht beschäftigen. Er geht lieber voller Tatendrang und Optimismus an die Sache ran. „Ich freue mich darauf, diese Veränderungen, die Union für die nächsten Jahrzehnte prägen werden, gemeinsam mit meinen Kollegen im Präsidium und in enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat nun Stück für Stück umzusetzen“, sagte er.
Der sportliche Erfolg sei dabei immer die Basis, betonte der Präsident. Er versicherte, man werde nicht nur in Steine, sondern auch in Beine investieren. Also „in unseren Kern, in den Fußball“, wie Zingler es ausdrückt. „Der sportliche Erfolg insbesondere der Profimannschaft der Männer als Lokomotive, aber perspektivisch auch der Profimannschaft der Frauen, bildet die Grundlage für den Erfolg des gesamten Clubs.“ Es sei ein geradezu „sensationelles Ergebnis“, dass die Eisernen mit der aktuellen Infrastruktur bei den Männern ins siebte Bundesligajahr in Folge gehen würden, meinte Zingler. Mehr als das Saisonziel Klassenerhalt sei da weiterhin nicht drin – auch wenn das Team in den ersten Bundesliga-Jahren überperformt und sogar erstmals den Sprung in die Champions League geschafft hatte. „Um andere Ansprüche zu stellen, müssen andere Bedingungen herrschen“, sagte der Club-Präsident: „Unsere Trainingsbedingungen und unser Stadion sind nicht bundesligareif. Wir spielen immer noch mit Ausnahmegenehmigung.“
Union ist für Zingler längst ein Herzens- und Lebensprojekt. In Königs Wusterhausen geboren und in Eichwalde aufgewachsen, kam Zingler durch seinen Großvater früh mit Union in Berührung. Seit den frühen 1970er Jahren ist er glühender Fan der Rot-Weißen aus Berlin-Köpenick. Vor seiner ersten Bewerbung um das Präsidentenamt vor mehr als 20 Jahren habe er sich mit seiner Familie beraten, berichtete Zingler einmal. Und die hätte ihm geraten: „Mach es, weil du bist ja sowieso permanent unzufrieden mit denen, die es machen. Dann mach es doch am besten selbst.“
Zingler auch selbst als Sponsor aktiv
Zingler ist Union – und Union ist irgendwie auch Zingler. Er leitet nicht nur seit 21 Jahren als Präsident die Geschicke des Clubs. Er sitzt als Vertreter des Hauptaktionärs auch im Aufsichtsrat der „An der Alten Försterei“ Stadionbetriebs AG – und zwar als dessen Vorsitzender. Zudem bekleidet Zingler als Vertreter des Stifters das Amt des Stiftungsratsvorsitzenden in der Stiftung „UNION VEREINT. Schulter an Schulter.“ Und mit seinem Unternehmen „Die Logistiker“ ist Zingler einer der Club-Sponsoren. Zingler hat sich bei Union unbestritten eine Hausmacht aufgebaut, eine ernsthafte Opposition innerhalb des Vereins gibt es nicht. Zingler tritt entsprechend selbstbewusst auf – auch nach außen.
Immer wieder äußert er sich auch zu gesamtgesellschaftlichen Themen, nicht selten hat er dabei eine kontroverse Meinung. Angesprochen auf einen möglichen Ost-West-Konflikt reagiert Zingler fast schon allergisch („Diesen Ost-West-Fokus finde ich falsch“). Beim Umgang mit der Corona-Pandemie und den Folgen legte er sich öffentlich mit den politischen Entscheidern an. „Unser Land ist in einem katastrophalen Zustand, weil es katastrophal geführt wurde und katastrophal kommuniziert wurde“, hatte er damals gesagt. Nach dem Feuerzeugwurf im Skandalspiel gegen den VfL Bochum legt er sich mit drastischen Worten mit dem Deutschen Fußball-Bund („Der eigentliche unsportliche Skandal hat nach dem Ereignis auf dem Rasen und heute vor Gericht stattgefunden“) und auch dem Ligakonkurrenten („Da soll sich bitte Bochum an die Nase fassen, da haben sie nicht fair gespielt“) an. Bei der Bezahlung im Frauenfußball stellte er Fußball-Deutschland ein „jämmerliches Armutszeugnis“ aus. Und auch zu veganer Ernährung hat er sich – natürlich kontrovers – geäußert. „Ich habe grundsätzlich nichts gegen vegane Würstchen, aber wir werden nicht jeden Wunsch erfüllen. Denn Fußball bedeutet bei uns: Bratwurst, Bier, 90 Minuten Fußball“, erklärte Zingler das Fehlen einer fleischlosen Variante des beliebten Stadion-Essens bei Union. Man sei eben kein Club, „der sich ständig anpasst oder jedem Trend folgt“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb daraufhin von einem „Kulturkampf der Kultclubs“.