Vor Kurzem, da trainierte Horst Steffen in der Regionalliga einen Verein, über dessen Namen mancher Fußballfan höchstens gelächelt hatte. Nun soll er bei Werder Bremen eine Ära prägen.
Ein Vierteljahrhundert liegt es zurück, dass Steffen zum letzten Mal selbst in der Bundesliga auf dem Rasen stand. Im Mai 2000 bestritt er sein letztes Spiel für den MSV Duisburg. Danach verschwand sein Name zunächst aus dem Fokus des Profifußballs. Die großen Schlagzeilen machten andere. Doch Steffen, inzwischen 56 Jahre alt, hat über die Jahre einen Ruf erworben, der ihn schließlich an die Weser führte: den eines Trainers, der Menschen versteht – und Fußball. „Horst Steffen war am Ende unsere erste Wahl, weil er das verkörpert, was uns wichtig ist: eine hohe soziale und fachliche Kompetenz sowie starke Führungsqualitäten“, erklärt Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Werder Bremen. Das bringt die Stärken des neuen Werder-Trainers auf den Punkt. Ein genauer Blick lohnt sich.
2000 der letzte eigene Bundesliga-Einsatz
So richtig ins Rampenlicht geriet Steffen mit der SV Elversberg. Als er diese 2018 als neuer Cheftrainer übernahm, steckte der Club in der Regionalliga Südwest fest. Wenig deutete darauf hin, dass dieser Verein jemals an die Tür der Bundesliga anklopfen würde. Selbst mit Steffen klappte es in den ersten beiden Jahren nicht mit dem ersehnten Aufstieg. Als es dann klappte, brachen alle Dämme – in sportlicher Sicht: Es folgte die direkte Drittligameisterschaft, ein sicherer Klassenerhalt, und nun fehlten Nuancen zum Aufstieg in die Bundesliga. Der Ursprung liegt in Horst Steffens Idee. Fußball, sagte er einmal, komme „vom Fußballspielen, vom Agieren mit Ball und vom Zurückerobern verlorener Bälle“. Sein Ansatz war ebenso pragmatisch wie mutig. Elversberg spielte unter ihm einen Stil, der für die Zweite Liga fast schon exotisch wirkte: laufintensiv, zweikampfstark – und zugleich technisch anspruchsvoll. In der Saison 2024/25 erzielte das Team 64 Tore, lag bei Ballbesitz und Passqualität weit vorne und spielte gleichzeitig die drittwenigsten Fouls der gesamten Liga. „Bei der SV Elversberg hat er in den vergangenen Jahren mit seinem Team immer mit die meisten Torchancen in der jeweiligen Liga kreiert und gleichzeitig mit die wenigsten Gegentore kassiert“, betont Filbry. Doch Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Steffen war vor allem ein Trainer, der Menschen zusammenführt. „Ich will, dass alle glücklich sind“, sagt er. Für viele mag das naiv klingen. Doch bei ihm ist es Programm. „Ellbogen ausfahren ist nicht mehr zeitgemäß.“
Steffen, selbst einst ein großes Talent, weiß, wie lähmend der eigene Perfektionismus doch sein kann. „Meinen krampfigen Ehrgeiz verlange ich von keinem meiner Spieler.“ Stattdessen versucht er, eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen gibt. Dabei bleibt er kompromisslos, was Einsatz und Haltung betrifft. „Ich kann kein läpsches Spiel akzeptieren.“ Fisnik Asllani sagt über ihn: „Er hat eine besondere Art, ich habe noch nie einen Trainer gehabt, der so ruhig ist.“ Carlo Sickinger wiederum erklärt: Steffen habe ihm „den Spaß am Fußball zurückgebracht“. Für Steffen ist das das größte Lob. Seine Spieler sollen weniger Angst davor haben, Fehler zu machen, sondern ihr Potenzial entfalten. „Die Spieler merken, dass sie sich entspannen können, und das bringt ihr Potenzial hervor“, erklärt Steffen.
Junge Spieler „ins kalte Wasser werfen“
Auch deshalb konnte Elversberg unter seiner Führung Talente entwickeln, die andernorts kaum Spielzeit erhalten hätten. Namen wie Paul Wanner, Nick Woltemade oder eben Asllani stehen für diese Philosophie. Und so verwundert es nicht, dass ein kurzer Clip aus einem Interview, in dem Steffen auf Fragen antwortet, für Euphorie in Bremen sorgt. „Junge Spieler“ wolle er bevorzugt einsetzen, erklärte er darin, diese eher „ins kalte Wasser werfen“ als vorsichtig heranzuführen. Und bei der Grundsatzfrage Offensiv- oder Defensivfußball lautete seine Antwort: „Offensivfußball.“ Die positiven Reaktionen auf diese Aussagen haben auch damit zu tun, wie die Zeit unter Ole Werner in Bremen zu Ende ging. Werner, der den SVW Jahr für Jahr stabilisierte und sportlich weiterbrachte, blieb mit seiner eher vorsichtigen Spielweise vielen Fans schuldig, was sie sich erhofft hatten: frischen Offensivgeist und das mutige Einbinden junger Spieler. Unter ihm spielten Keke Topp und Justin Njinmah als einzige U23-Spieler eine ernsthafte Rolle, während Talente wie Nick Woltemade mangels Einsatzzeit den Verein verließen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Werner forderte Verstärkungen, die er nie bekam. Auch deshalb ging es zu Ende.
Nun ruht diese Hoffnung auf Steffen, der in Elversberg gezeigt hat, dass man auch mit begrenzten Mitteln attraktiven Fußball spielen kann. Das zeigen auch die Lobeshymnen der Konkurrenten der vergangenen Saison: „Es geht um fußballerische Qualität, und die zeigen sie, seit Nils-Ole Book und Horst Steffen da am Werkeln sind, Woche für Woche“, lobte Lukas Kwasniok, damals Trainer des SC Paderborn und nun als Trainer des 1. FC Köln erneut Konkurrent von Steffen. Auch andere Trainerkollegen waren beeindruckt. „In Elversberg ist in den letzten Jahren etwas zusammengewachsen, ich finde, dass Horst Steffen einen super Job dort macht“, meint Daniel Thioune, Trainer von Fortuna Düsseldorf. Miroslav Klose nannte Elversberg eine „ganz große Mannschaft mit einer klaren Handschrift von ihrem Trainer“.
Trotzdem war Steffens Weg nicht gänzlich frei von irgendwelchen Brüchen. Bei Chemnitz und Preußen Münster musste er jeweils bereits nach weniger als einem Jahr seine Taschen packen. Man warf ihm vor, nicht hart genug zu sein. Steffen räumt heute selbstkritisch ein: „Ich hätte damals vielleicht etwas konsequenter sein können.“ Doch ein beinharter Schleifer wollte er nie werden. Stattdessen entwickelte er einen Stil, der von Disziplin, aber auch von Vertrauen lebt. Und dieser führte ihn mit der SVE an das Tor zur Bundesliga – es öffnete sich nicht.
Beeindruckte Trainer-Kollegen
Die verlorene Relegation gegen Heidenheim im Mai 2025 beendete Steffens Kapitel in Elversberg. Sichtbar angefasst sprach er von einer einmaligen Chance, die für einen kleinen Verein wie Elversberg so schnell nicht wiederkehren würde – auch wenn die Anfrage aus Bremen schon weit vorher kam. „Als die Anfrage von Werder kam, war das zunächst eine große Anerkennung für mich und meine Arbeit. In den Gesprächen wurde mir von den Verantwortlichen sehr viel Wertschätzung entgegengebracht und aufgezeigt, was der Verein in den nächsten Jahren vorhat. Dieser Austausch hat mich absolut überzeugt, und ich habe mich sehr schnell für Werder entschieden. Bremen verfügt über eine gute Mannschaft, die Potenzial hat und sich in den letzten drei Jahren in der Bundesliga sehr gut entwickelt hat. Diese Entwicklung möchte ich gerne zusammen mit den Spielern fortsetzen.“
Doch Bremen ist ein anderes Pflaster. Hier wird Steffen sich beweisen müssen. Die Bundesliga ist schnell, gnadenlos und laut. Dort reicht es nicht, nur junge Talente zu entwickeln. Dort geht es auch um Ergebnisse, um Tabellenplätze, um Erwartungen. Werder hat sich unter Werner im Mittelfeld stabilisiert. Ob das dem Umfeld nun reicht? Steffen muss in Bremen vieles gleichzeitig leisten: eine Mannschaft verjüngen, ihr eine klare Spielidee geben, Ergebnisse liefern. Einfacher wird das nicht dadurch, dass Werder nicht über unerschöpfliche finanzielle Mittel verfügt. Zudem ist Steffen bei aller Qualität als Trainer neu in der Bundesliga. Doch Steffen bringt etwas mit, das ihn auszeichnet: eine Überzeugung, dass Erfolg nicht nur von Taktik abhängt, sondern von Vertrauen. Genau das wird in Bremen entscheiden, ob aus seiner Geschichte an der Weser ein neues Kapitel des Erfolgs wird – oder eben nicht.