Mit Trainer Sandro Wagner geht der FC Augsburg neue Wege. Mehr Aufmerksamkeit wird der FCA dadurch zweifellos bekommen. Doch das wahre Ziel ist natürlich sportlicher Erfolg.
So ganz genau weiß man nicht, warum der FC Augsburg für viele in der Fußball-Bundesliga immer noch etwas unter dem Radar fliegt. Seit 2011 spielen die bayerischen Schwaben ununterbrochen in der Fußball-Bundesliga. Sie gehen nun in ihre 15. Erstliga-Saison in Folge, sind nie abgestiegen und mussten nie in die Relegation. In der „Ewigen Tabelle“ der Bundesliga hat Augsburg, obwohl in den ersten 47 Jahren nie dabei, inzwischen Vereine wie Bayer Uerdingen oder Hansa Rostock überholt.
Aber, und das ist sicher schon ein Teil der Wahrheit, sie erreichten in den bisherigen 14 Spielzeiten nur zweimal einstellige Tabellenplätze, und das nur ganz am Anfang. Die erste und einzige Europacup-Teilnahme ist nun ein Jahrzehnt her, war aber durchaus ehrenwert. In einer Vorrunden-Gruppe der Europa-League mit Athletic Bilbao, Partizan Belgrad und AZ Alkmaar kam der FCA als Zweiter weiter. In der ersten K.o.-Runde scheiterte das Team von Markus Weinzierl dann denkbar knapp mit 0:0 und 0:1 durch ein Elfmeter-Tor am späteren Finalisten FC Liverpool mit Jürgen Klopp, der damals erstmals seit seinem Amtsantritt bei den Reds in Deutschland spielte und noch mehr Aufmerksamkeit auf das Duell lenkte. „Dieses Highlight ist schwer zu toppen“, sagte Trainer Weinzierl nach dem Rückspiel an der Anfield Road.
Ausschläge nach oben blieben aus
Und er sollte mehr Recht behalten, als er damals wohl selbst beabsichtigte. Denn Ausschläge nach oben blieben danach in Augsburg ebenso aus wie welche nach unten. Auch deshalb standen grundsätzlich ähnliche Vereine wie Mainz oder Freiburg immer ein bisschen mehr im Fokus. Vielleicht auch, weil sie vor Augsburg erstmals in der Bundesliga aufschlugen und das Feld des sympathischen Underdogs schneller besetzen konnten. Aber wohl auch, weil sie oft die interessanteren und vor allem auffälligeren Trainer hatten. Klopp, Thomas Tuchel (einstiger Jugendspieler und Nachwuchstrainer in Augsburg) oder Christian Streich: Eine solche Kategorie an Profi-Trainern gab es beim FCA bisher nicht.
Aber die Augsburger scherten sich bisher offenbar auch wenig darum, der sympathische Kultclub zu sein. Der FCA holte bescheidene, oft leise, aber fachlich gute Trainer. Er holte wenig glamouröse, aber zuverlässige und für den Gegner eklige Spieler. Und er konzentrierte sich auf Bodenständigkeit und machte seinen Job, der da vorrangig lautete: Immer in der Liga bleiben.
23 Siege, 25 Niederlagen
#Doch in Augsburg haben sie natürlich Fantasie für mehr. Und dafür steht nicht zuletzt Michael Ströll. 2006 kam er als Praktikant nach Augsburg. Schon ein Jahr später, mit 23, wurde er zum Leiter Controlling und Finanzen berufen, kurz darauf kam er auch zu einigen Einsätzen in der 2. Mannschaft. Nach fünf Jahren im Controlling und einem Jahr als Leiter Finanzen und Organisation stieg Ströll 2013, zwei Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg und immer noch nicht mal 30 Jahre alt, zum Prokuristen auf. 2016 wurde er Kaufmännischer Geschäftsführer und 2023 schließlich als Gesamtverantwortlicher Geschäftsführer CEO des Clubs. Als im März 2024 sein Vertrag bis 2029 verlängert wurde, betonte Ströll, er könne „mit Überzeugung sagen, dass mir die weitere Entwicklung unseres Clubs eine Herzensangelegenheit ist. Wir haben in den vergangenen Jahren viele strukturelle und strategische Themen aufgebaut und auch im sportlichen Bereich wichtige Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt“, erklärte er: „Deswegen bin ich überzeugt, dass wir auf unserem Weg noch lange nicht am Ende sind.“
Das klingt wahrlich nicht so, als sei man in Augsburg zufrieden, wenn man in den nächsten 14 Jahren auch einfach nur in der Liga bleibt. Und das klang erst recht nicht so, als sich der Verein nach der abgelaufenen Saison von Cheftrainer Jess Thorup und Sportdirektor Marinko Jurendic trennte. Der sympathische Däne hatte in seiner knapp zweijährigen Amtszeit eine fast ausgeglichene Bilanz. 23 Siegen standen 25 Niederlagen gegenüber. Doch das reichte einerseits offenbar nicht ganz. Und vor allem trübte der Saison-Ausklang das Gesamtbild sehr. Fünf Spieltage vor Schluss lagen die Augsburger als Zehnter nur drei Punkte hinter einem Europacup-Platz. Statt des großen Angriffs folgten ein 0:0 gegen Frankfurt und danach vier Niederlagen mit 2:11 Toren. Hinzu kamen einige belastende Statistiken in Bezug auf das Offensivspiel. Die drittwenigsten Torschüsse der Liga, die drittwenigsten Treffer, Vorletzter bei den Standard-Toren und sogar Letzter bei den Expected Goals und den Großchancen. Das ist alles andere als Spektakel-Fußball. Auch das ein Grund dafür, dass der FCA bundesweit oft kleiner gesehen wird, als er ist. „Stabilisiert“ habe Thorup den Club, sagte Ströll bei der Verabschiedung, man wolle jedoch „für die weitere Entwicklung“ eine Veränderung auf der Trainerposition vornehmen.
Und wen die Augsburger dann holten, das ist schon ein echtes Statement. Denn Sandro Wagner ist in vielerlei Hinsicht der komplette Gegenentwurf zu Thorup. Und auch zu den meisten Trainern, die vor diesem in Augsburg arbeiteten. Ein echter Star, der polarisiert und aneckt. Der sein Selbstbewusstsein offen zur Schau stellt und auch mal forsche Vorgaben raushaut. Er sei „sicher nicht einer der beliebtesten Spieler“ gewesen, sagte er mal. Das sei auch okay. „Ich fand mich auch immer hochgradig unsympathisch.“ Doch stellte er auch früh klar: „Ich bin überzeugt davon, dass ich als Trainer besser werde, als ich es als Spieler war – weil ich für den Trainerberuf bessere Voraussetzungen mitbringe als damals für meine Spielerkarriere.“
Dabei war Wagner zwar kein Stürmer gewesen, der mit Eleganz und überbordendem Talent gesegnet worden war. Doch er hatte eine mehr als ordentliche Karriere. War U21-Europameister, Nationalspieler, Confed-Cup-Sieger und spielte als Profi schließlich auch noch für den großen FC Bayern München, aus dessen Jugend er einst hervorgekommen war. 180 Erstliga-Spiele mit 44 Toren stehen in seiner Vita. Das alles als Trainer noch zu übertrumpfen, muss man erst mal schaffen.
„Zwischen sachlich und gleichgültig“
Doch so ehrgeizig er auch ist, Wagner geht seinen Weg mit Bedacht. Aufgrund seines Namens hätte er schon früh zu großen Vereinen gehen können. Doch er begann bei der SpVgg Unterhaching und führte diese in die 3. Liga. Ging dann zum DFB, um als Co-Trainer der U20 weitere Grundlagen zu lernen. Schon Sportdirektor Rudi Völler zog ihn bei seinem Einsatz als Interimscoach im Herbst 2023 als Assistent hoch zum A-Team. Als Julian Nagelsmann Bundestrainer wurde, beließ er Wagner im Team. Und schwärmte in den höchsten Tönen von dem vier Monate jüngeren Assistenten, auf den er – festgehalten auf einem schönen Schnappschuss – schon 2006 in der A-Jugend mit 1860 München gegen den FC Bayern getroffen war. „Er hat eine super Mischung aus frechen Sprüchen in alle Richtungen, aber da ist auch immer etwas dahinter. Er ist sehr clever, sehr fleißig, hat eine sehr gute taktische Idee, eine sehr gute Ansprache.“ Schade sei nur, dass „Sandro irgendwann Cheftrainer werden will“.
Dabei scharrte Wagner zweifellos mit den Hufen. Doch eigentlich gab es da ein großes Ziel: die WM 2026 in Nordamerika. Die wollte er ursprünglich unbedingt noch mit der Nationalmannschaft erleben. Doch trotz dieses Bekenntnisses wurde sein Name immer mal wieder gehandelt, wenn irgendwo ein Trainer wackelte. Bei der TSG Hoffenheim zum Beispiel oder auch beim damaligen Deutschen Meister Bayer Leverkusen. Gleichzeitig kühlte das Verhältnis zu Nagelsmann offenbar ein wenig ab. „Ich habe von Anfang an gewusst, dass diese Zusammenarbeit endlich ist“, sagte Nagelsmann zum Abschied: „Und er ist schon auch ein Alphatier, der Cheftrainer sein muss von seinen Charakterzügen.“ Der „Münchner Merkur“ schrieb, die Abschiedsrede habe sich „nicht so warmherzig“ angehört. Nagelsmann habe „irgendwo zwischen sachlich und gleichgültig“ geklungen: „Arbeitszeugnisse sind schon freundlicher verfasst worden.“ Zwei Alphatiere sind auf Strecke vielleicht auch eines zu viel. „Superjob gemacht“, schrieb Nagelsmann Wagner dann noch ins Zeugnis. Und er werde auch „in Augsburg einen guten Job machen“.
Das hoffen sie im Schwabenland. Denn dass Wagner ihnen Aufmerksamkeit bringt, Reibung und auch Sympathien, ist eines. Doch auch in Augsburg zählen Ergebnisse. Die Sehnsucht, in naher Zukunft noch mal in Europa zu spielen, ist sicher da. Jedes Jahr nur gegen den Abstieg zu spielen, hat nach anderthalb Jahrzehnten seinen Reiz verloren. Man will in Augsburg nicht mehr nur die Großen ärgern. Man will möglichst bald selbst ein recht Großer sein.