Betreutes Wohnen im Alter – ein Markt, in dem mittlerweile zahlreiche Unternehmen in Deutschland um Immobilien in guter Lage konkurrieren. Eine Win-win-Situation entsteht nun in Saarbrücken: Ein Kaufhausleerstand endet mithilfe eines seniorengerechten Umbaus.
Leerstände sind ein urbanes Problem, nicht nur in der saarländischen Landeshauptstadt. Saarbrücken kämpft seit Jahren dagegen an, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Jetzt könnte die Stadt allerdings einen Punktsieg erringen: mit urbanem selbstbestimmten Wohnen für Senioren mitten in der Innenstadt. Ein seit 15 Jahren leerstehendes Kaufhaus direkt an einem belebten Knotenpunkt soll dafür umgebaut werden. Der Bauantrag ist gestellt. Stadt und Investoren feiern dies im Saarbrücker Rathaus, Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) ist sichtlich zufrieden. „Wohnen stärkt unsere City“, so der Rathauschef, „denn wer dort wohnt, nutzt nicht nur den nahegelegenen Hauptbahnhof oder die Saarbahn, sondern geht vielleicht auch mal einkaufen, geht auch in andere Gastronomie und nutzt das kulturelle Angebot unserer Innenstadt.“
Kontakt zwischen Alt und Jung herstellen
Gekauft hatte das Gebäude ein Investor aus Kaiserslautern, Hans Sachs. Ursprünglich war ein Hotel geplant, aber die Corona-Pandemie machte dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Da danach nun reichlich neue Hotelzimmer im direkten Umkreis entstanden sind, stellte sich für Sachs die Frage, was mit der Immobilie und ihren 14.000 Quadratmetern in bester Lage geschehen mochte. Mal war sie ein Ort für Kunst und Performances, mal Festivalzentrum des Max-Ophüls-Filmfestivals.
Ein zweiter potenzieller Investor, der Saarbrücker Unternehmer Hartmut Ostermann, hatte vor sechs Jahren nach eigenen Angaben „einen großen Bogen“ um das Objekt gemacht. Der Gründer und Chef der Victor’s Group, ein in Saarbrücken beheimatetes Unternehmen, zu dem deutschlandweit zahlreiche Hotels und Seniorenresidenzen gehören, war sich damals nicht sicher, ob ein solches Projekt überhaupt genehmigungsfähig wäre. Zu ungewöhnlich ist die Umwidmung eines ehemaligen Kaufhauses zu Wohneinheiten an einer zentralen Shoppingmeile noch für Deutschlands Innenstädte, in denen vor allem Konsum oder die Gastronomie Menschen anlocken sollen, wo Wohnungen in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach verdrängt wurden.
Die Zeiten haben sich offenbar geändert. Sachs’ Idee, das Gebäude zu sanieren und umzuwidmen, beinhaltete unter anderem das Aufstocken des Kaufhauses. Daraufhin suchte der Kaiserslauterer Bausanierer mögliche Mieter und fand sie in Ostermanns Unternehmen. Das gemeinsame Projekt soll nun innerhalb von 18 Monaten realisiert werden. Die Pläne des Architekturbüros „Drei Architekten“ in Stuttgart liegen vor: 167 seniorengerechte Wohnungen entstehen in dem sechsstöckigen Gebäude, in Größen von 50 bis 80 Quadratmetern, mit begrünten Balkonen rund um die beiden oberen Etagen. Das Volumen der Investition: rund 40 Millionen Euro. Die Umwidmung solcher Bestandsimmobilien ist teuer, vor allem wegen hoher Anforderungen an den Brandschutz. Die Tiefgarage soll bestehen bleiben, aber modernisiert werden. Teile des Gebäudes werden rückgebaut, Teile wie die Dachterrasse müssen neu gebaut werden.
Wer einziehen möchte, kann zwischen Ein- oder Zweizimmerappartements wählen, inklusive Einkaufsservice, medizinischer Betreuung und Haushaltshilfen. Im sechsten Stock lädt ein kleiner Park zum Ausruhen ein. Die Dachterrasse darüber soll ein Highlight des Umbaus werden. Denn neben grünen Gartenanlagen soll es auch Erholungsecken und eine Rooftop-Bar geben. „Dies soll ein Ort werden, an dem sich Jung und Alt begegnen“, sagt Hartmut Ostermann. Das Gebäude soll auch für die Öffentlichkeit in diesem Bereich zugänglich sein. „Dass die ältere und die jüngere Generation Kontakt zueinander finden, ist für uns wünschenswert. Die Idee ist, ihnen die Angst vor der Frage zu nehmen, wo und wie man seine Eltern im Alter unterbringen könnte. So lernen sie die Einrichtung schon vorab kennen.“ Eine traditionelle Pflegeeinrichtung soll das Gebäude jedoch nicht sein, vielmehr ein selbstbestimmtes Wohnen im Alter mit haushaltsnahen Dienstleistungen und Kurzzeitpflege ermöglichen. Im Erdgeschoss ist eine weitere Gastronomie geplant, ein Veranstaltungsraum könnte Platz für kulturelle Events bieten. Das Konzept dafür ist jedoch noch nicht endgültig.
Die Realisierung dieses Konzeptes soll nicht nur ein Gewinn für Investor Sachs und die Victor‘s Group von Hartmut Ostermann sein, sondern auch für die Landeshauptstadt. Die Straße, in der das Gebäude liegt, war nach dem Ende des Kaufhauses gleichsam am Ende – immer mehr Leerstände leiteten Passanten eher in die angrenzende Bahnhofstraße mit ihren zahlreichen Geschäften statt in die Viktoriastraße, vorbei am größten leerstehenden Innenstadtobjekt Saarbrückens. In der Bahnhofstraße wiederum verschwanden in den vergangenen Jahrzehnten die Wohnungen, stattdessen dominieren nun kleine und große Warenhausketten, Bekleidungshäuser, Buchläden und die Systemgastronomie. Ein modernes Wohnprojekt würde aus dem vorhandenen Angebot umliegender Geschäftsgebäude herausstechen und wäre in seinen Dimensionen einzigartig im Südwesten der Republik.
Entsprechend positiv äußern sich auch die Parteien im Stadtrat. Die FDP hält dies für ein „starkes Signal“. Dass neben der Nutzung als Seniorenwohnheim der Dachgarten und die geplante Gastronomie sowie der Veranstaltungsraum für alle offenstehen könnte, sei ein weiterer Pluspunkt, sagt Helmut Isringhaus, Vorsitzender der liberalen Stadtratsfraktion. „Auch die Verwaltung erkennt die Notwendigkeit eines Umdenkens, da der klassische Einzelhandel in Zukunft nicht mehr die herausragende Stellung in der Innenstadt haben wird.“
„Bringt dauerhaft Leben in ein leeres Gebäude“
Claudia Schmelzer und Jeanne Dillschneider, die beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen, hoben hervor, dass sich seine Partei seit langem für gemischte Nutzungskonzepte einsetze – „mit Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Gewerbe und Kultur an einem Ort. Mit solchen Konzepten kann die Innenstadt auch künftig lebendig, vielfältig und klimaresilient bleiben. Das C&A-Projekt steht beispielhaft für diesen Ansatz: Es bringt dauerhaft Leben in ein seit Jahren leerstehendes Gebäude und schafft dringend benötigten Wohnraum für Menschen, die auf Unterstützung im Alltag angewiesen sind.“
Für den wirtschaftspolitischen Sprecher und Fraktionschef der SPD im Stadtrat, Mirco Bertucci, bleibt der Einzelhandel wichtig, „aber genauso entscheidend sind Gastronomie, Kultur, Freizeit und attraktiver Wohnraum. Ich wünsche mir, dass diese Umnutzung Schule macht. Gerade das Kaufhofgebäude nebenan hat Potenzial für neue Ideen.“ Unterstützt würden diese durch gelockerte Bauvorschriften, neue Förderprogramme und ein Umdenken in den Ämtern.
Die Linke kritisierte, dass Saarbrücken in der Vergangenheit bereits zahlreiche kommunale Immobilien an Investoren abgetreten hatte. Projekte dieser Art würden nur noch zur „Gewinnmaximierung“ in Angriff genommen, so Fraktionsgeschäftsführer Duncan Kirkbride.
Dennoch schafft das Gebäude nun Arbeitsplätze statt leerzustehen – für Saarbrücken angesichts weiterer Leerstände ein Lichtblick.