Welche Auswirkungen haben Raketenstarts auf Umwelt und Tiere im tropischen Regenwald und im angrenzenden Ozean? Wie kommen empfindliche Satelliten heil bis zur Startrampe? Fragen für Lina Cumps und Lina Kuhlmann von der Bodensicherheitsabteilung auf dem Weltraumbahnhof.
Von außen sehen viele Gebäude auf dem Weltraumbahnhof aus wie Bürocontainer. Der Eindruck entsteht vielleicht dadurch, dass die Gebäude auf Stelzen gebaut sind. Wohl weniger wegen Hochwasserschutz, sondern weil das Gelände im tropischen Regenwald aufgrund der mehrfachen täglichen heftigen Güsse in der Regenzeit schlicht eine Sumpflandschaft ist.
Lina Cumps und Lina Kuhlmann haben sich ihr Büro im Gebäude „Uranus“ (die Gebäude sind nach Planeten oder Monden benannt) einigermaßen wohnlich eingerichtet, soweit es der überschaubare Raum zulässt. Die beiden jungen Frauen verstehen sich offensichtlich bestens, auch wenn ihre Arbeitsbereiche eigentlich recht wenige gemeinsame Schnittmengen haben.
Hinter Lina Cumps hängt zwischen Karten noch ein Plakat an der Wand, das von den jüngsten Umwelttagen kündet. Cumps ist für eineinhalb Jahre als „Ingénieur environnement“ auch an solchen Projekten beteiligt. Hauptsächlich geht es bei ihr darum, die Auswirkungen der Raketenstarts auf Umwelt und Tiere zu erfassen. „Wir haben hier eine wirklich große Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Deshalb ist dies ein sehr wichtiger Bereich, den wir schützen müssen, weil wir viele verschiedene Ökosysteme haben, zum Beispiel Wald, aber auch Graslandschaften und Mangroven.“
Selbst Bienen helfen mit bei der Überwachung
Weil wir bei der Fahrt durch das riesige Gelände auch Schilder mit Warnung vor Wildwechsel gesehen haben, auf denen nicht wie hierzulande ein Reh, sondern ein Jaguar abgebildet war, fragen wir natürlich danach. Selbst ihr ist hier noch keiner über den Weg gelaufen. Aber es gibt sie. Wie es überhaupt hier im Amazonasgebiet eine reichhaltige und vielfältige Flora und Fauna gibt.
Dass der extreme Donner bei Starts und die Rückstände aus den Boostern Folgen haben, ist naheliegend. Die zu messen und die Daten als Grundlage für mögliche Konsequenzen zu sammeln, ist eine der zentralen Aufgaben für Lina Cumps.
Der unbeschreibliche Lärm, der bei einem Start durchaus auch noch in der 60 Kilometer entfernten Hauptstadt Cayenne zu hören ist, scheint für die Tierwelt keine größeren Auswirkungen zu haben. Tiere erholen sich relativ schnell davon, und derzeit gibt es auch nicht so viele Starts, was sich aber ändern dürfte.
Was Schadstoffe aus den Boostern betrifft, werden diese nicht nur bei Pflanzen und Tieren auf dem Gelände auf Rückstände untersucht, sondern auch im Wasser. Schließlich ist es einer der Hauptstandortvorteile von Kourou, dass die Raketen ihre Flugbahnen übers Meer nehmen. „Wir schauen uns die Fischpopulation an, ob sie noch in Ordnung ist, die Population der Wirbellosen im Wasser und auch die Flora im Wasser.“ Für Luftmessungen werden vor jedem Start Auffangvorrichtungen installiert. Wobei die Natur bei den Messungen von Schadstoffen selbst mithilft: „Wir haben Bienenstöcke, weil Bienen sehr kleine Härchen haben und sehr empfindlich auf Veränderungen reagieren. Sie können tatsächlich Aluminium in ihren Härchen auffangen, was wir dann untersuchen können mit speziellen Mikroskopen.“
„Bis jetzt haben wir noch keine großen Auswirkungen entdeckt, die die Launches (Starts) auf die Umwelt haben. Die Partikel sind nicht wirklich weiter als im Umkreis von 500 Metern zu finden. Wenn man bedenkt, dass das Space Center 700 Quadratkilometer groß ist, ist das überhaupt nicht viel.“ Welche Folgen allerdings eine Explosion haben würde, kann sich Lina Cumps auch nicht recht vorstellen. „Was ich im Falle eines Unfalls sagen kann, ist, dass Aluminium und Chlorsäuren sehr schnell absorbiert werden.“
Wie an allen anderen Stellen ist auch Lina Cumps dabei, eine neue Zeit auf dem Weltraumbahnhof Kourou vorzubereiten. Ariane 5 und Vega waren gestern, heute sind es Ariane 6 und Vega C, „und bald auch die Mikro-Trägerraketen“. Neue Systeme mit anderen Boostern erfordern neue Methoden. „Was ich jetzt also mache, ist, nach neuen Messungen zu suchen.“
Auf die werden dann andere aufbauen können. Die Biologin und Weltraumwissenschaftlerin Lina Cumps hat für das Projekt einen 18-Monate-Vertrag, ein Jahr ist bereits vorbei. Ein Jahr, in dem es auch schon mal Heimweh gab nach ihrer Familie in Brüssel, ihrem dreijährigen Patenkind. Aber nach dem Jahr in Kourou fühlt sie sich „wie zwei Personen. Eine will hier bleiben, die andere zurück.“
„Eine große Chance und gute Erfahrung“
Lina Kuhlmann kann das nachvollziehen. Auch sie ist mit einem Eineinhalb-Jahresvertrag hier, aber in einem völlig anderen Aufgabengebiet. „Wir sind in derselben Abteilung, der Bodensicherheitsabteilung, aber ich arbeite enger mit den Satelliten zusammen. Deshalb heißt meine Position ‚Payload Safety Engineer‘. Der Satellit kann also auch als Nutzlast bezeichnet werden.“ Und diese besondere Nutzlast ist teuer und hochsensibel. „Wir verfolgen alle Vorgänge rund um den Satelliten. Das beginnt damit, dass der Satellit hier im Hafen oder mit dem Flugzeug ankommt, bis er in die Rakete integriert wird. Während dieser Zeit kann es zu einigen riskanten Vorgängen kommen, zum Beispiel, wenn der Satellit betankt wird oder andere Tests mit dem Satelliten durchgeführt werden. Wir beobachten diese Vorgänge und stellen sicher, dass im Grunde nichts schiefgeht, dass alle Vorschriften eingehalten werden und dass es hier keine Unfälle mit Folgen für die Standorte oder das beteiligte Personal gibt.“
Wenn so eine Fracht mit dem Flugzeug auf dem Flughafen in der Hauptstadt Cayenne ankommt, geht es über die einzige direkte größere Verbindungsstraße 70 Kilometer nach Kourou. Für Cayenne, in dem Schleichtempo im Dauerstau eher das normale Fortbewegungstempo ist, heißt so ein Transport dann erstmal, dass zeitweise gar nichts geht.
Von der Ankunft über den Transport bis in den Reinraum und die Betankung der Satelliten muss alles auf das Akribischste überwacht werden. Eine ebenso spannende wie verantwortungsvolle Herausforderung.
Beide jungen Frauen halten ihre Entscheidung für die eineinhalb Jahre auf dem Weltraumbahnhof trotz der großen Distanz zu Familie und Freunden nach wie vor für richtig.
„Wir wussten von Anfang an, dass wir diese Art von Vertrag unterschrieben haben. Und ich denke, nach der Universität ist es schön, etwas zu haben, das feststeht. Weil man nach dem Studium noch nicht wirklich weiß, was man für den Rest seines Lebens arbeiten möchte, finde ich es gut, so viele Jobmöglichkeiten wie möglich zu haben. Und wenn man dann arbeitet, merkt man, was einem wirklich gefällt. Das ist also eine großartige Gelegenheit, ja“, sagt Lina Cumps. Und Lina Kuhlmann ergänzt: „Ich finde es auch eine wirklich gute Gelegenheit, um zu lernen, wie der Weltraumbahnhof funktioniert. Im Allgemeinen ist es nicht so einfach, hierherzukommen und anzufangen zu arbeiten. Ich würde auch nicht für unbestimmte Zeit nach Französisch-Guayana kommen wollen, um hier mein Leben zu verbringen. Aber es ist eine wirklich gute Gelegenheit, in kurzer Zeit viel zu lernen.“
Und beide sind sich einig: „Es ist eine gute Erfahrung, am Weltraumbahnhof zu arbeiten, denn normalerweise hätte man diese Erfahrungen nicht machen können.“