Der Weltraumbahnhof Kourou soll flexibel, digital und nachhaltig werden. Dafür stehen 100 Millionen Euro zur Verfügung. Valérie Daras kontrolliert die Umsetzung für die ESA und muss dabei zusammenbringen, was noch nicht so recht zusammenpasst.
Es ist ein klarer Appell: „Europa ist, vor allem dank der ESA, im Weltraum bereits präsent. Deshalb muss man sich darüber klar werden, was wir dort machen wollen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass alle Möglichkeiten in Betracht gezogen und sämtliche Herausforderungen bewältigt werden.“ Was klingt wie ein aktueller Diskussionsbeitrag, wurde schon vor einiger Zeit gesagt. Von Antonio Rodotà, der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation um die Jahrtausendwende war (1997 bis 2003).
Es klingt aktuell, weil es im Grunde um dieselben Herausforderungen geht, wenn auch unter gänzlich geänderten Rahmenbedingungen. Strategiediskussionen gehören ohnehin seit ihrer Gründung zur ESA. Es geht um Ziele, Prioritäten und ums Geld.
Viel Geld, aber es gibt auch viel zu tun
Ist darüber auf der politischen Ebene einmal ein Konsens erzielt, kommen Menschen ins Spiel, die dann für die konkrete Umsetzung sorgen. Wie Valériey Daras. Als Projektmanagerin überwacht sie auf dem Weltraumbahnhof Kourou einen ehrgeizigen 100-Millionen-Investitionsetat. Sie studierte Informatik und Netzwerktechnik in Toulouse, war in der Softwareentwicklung eines Unternehmens tätig, das auch im Auftrag der CNES (Französische Weltraumagentur) tätig ist. Und irgendwann war der Wunsch da, direkt in Kourou zu arbeiten und zu leben. Dort war sie dann zunächst direkt für CNES für Wartung und Betrieb von IT-Systemen zuständig, bis sie vor zwei Jahren zur ESA wechselte, mit der Verantwortung für ebendieses 100-Millionen-Projekt.
Ob sie von dieser enormen Summe beeindruckt war? „Am Anfang ja“, sagt Valérie Daras, und ergänzt: „Inzwischen sage ich: Es könnte mehr sein. Es gibt viel zu tun.“ Etwas allgemein ausgedrückt geht es bei dem Projekt um die Digitalisierung der Raketenbasis. Das alleine klingt nach einer Notwendigkeit, die sich überall stellt, und damit eher nicht so aufregend. Nur ist es eben auf dem Europäischen Weltraumbahnhof auch in dieser Beziehung noch mal etwas Spezielles. Das gesamte Projekt steht unter dem Kürzel FDS, „more flexible, more digital, more sustainable spaceport“. Es geht also schlicht darum, die gesamte Basis flexibler zu machen und damit natürlich auch wettbewerbsfähiger.
Valérie Daras macht das an einer Reihe von Beispielen konkret. Etwa bei den Anlagen, in denen die Satelliten für Start und Einsatz vorbereitet werden. „Die wurden vor 20, 25 Jahren gebaut, und es war perfekt für große Satelliten. Man hat damals sehr große Satelliten gebaut, heute ist das alles viel kleiner. Und dafür ist die Fläche nicht gut optimiert. Wir arbeiten also daran, dass wir mehrere Satelliten gleichzeitig vorbereiten können.“ Es ist nur ein Beispiel von vielen für die großen Veränderungen, mit denen sich der Weltraumbahnhof neu aufstellt.
Hinter der Summe von 100 Millionen Euro verbergen sich für die konkrete Umsetzung 130 Einzelprojekte. „Wir müssen überall daran arbeiten“, unterstreicht Daras. Vor allem aber an einer Entwicklung, die auf Nachhaltigkeit abzielt. Alleine dafür ist knapp die Hälfte des Budgets reserviert.
Gemeint ist damit unter anderem eine andere Strategie bei den Investitionen. Wenn bisher die ESA bei dem CNES investiert hat, war das nur für Systeme des CNES und deren User. „Bei meinem Programm war sehr wichtig: digitale Transformation – aber für alle auf der Basis. Das heißt, was jetzt investiert wird, muss neben der Ariane Group oder Avio (italienischer Raumfahrtkonzern) auch für zukünftige weitere Nutzer nützlich sein“, erläutert Daras.
Deshalb ist es auch eine der Herausforderungen, möglichst „alle zusammenzubringen und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln“. Was bei den unterschiedlichen Interessenlagen und Herangehensweisen eine Herausforderung ist, die einigermaßen zeitintensiv ist, selbst wenn im Grunde alle dieselben Ziele verfolgen: Es soll effektiver und konkurrenzfähiger werden. „Die Industrie hat hohes Interesse, schon von den Kosten her. Aber alle an den Tisch zu bekommen, bleibt schwer. Jeder hat seine eigenen Systeme, Abläufe, Interessen – alles sehr kompliziert.“
Dahinter stehen eben auch harte industriepolitische Interessen. Deshalb arbeitet Daras auch eng mit der Pariser ESA-Zentrale zusammen, „weil dort die industrial policies gemacht werden“. Konkret sieht das dann so aus: „Ich sage, für welches Projekt wir welche Kompetenzen brauchen, und die gucken dann nach, in welchen Ländern es die gibt.“ In diesem Prozess soll dann einigermaßen gewährleistet sein, dass die europäische Industrie entsprechend profitiert.
Trotzdem ist nach einigen grundlegenden Änderungen und angesichts des gesamten Umfelds alles „sehr politisch“, die Grundstimmung zumindest einigermaßen nervös. Eine der wichtigsten Änderungen war, dass Arianespace nicht mehr alleine die Raketen managt. Dadurch wurde die italienische Avio unabhängiger. Und demnächst werden vielleicht neue Raketen dazukommen, das heißt auch neue Industrie. „Politisch ist das alles kompliziert.“
Das gilt dann erst recht auch für die Ebene des Ministerrats, der über die Budgets entscheidet. Als Valérie Daras vor zwei Jahren zur ESA wechselte, waren die 100 Millionen Euro für ihr FDS-Projekt bereits beschlossen. Allerdings auch mit kleinem Haken: 70 Millionen sind garantiert, die restlichen Millionen sind fakultativ, müssen also noch mal bestätigt werden (woran es allerdings keinen Zweifel gibt). Gleichzeitig, erläutert Daras, „haben wir in den letzten beiden Jahren daran gearbeitet, was wir für die nächsten Jahre ab 2026 brauchen“.
„Wir haben alle das gleiche Ziel“
Über künftige Budgets gibt es allerdings einige Unsicherheiten. Schließlich verfolgen eine Reihe der 23 ESA-Mitgliedstaaten auch eigene Raumfahrt-ambitionen, für die sie auch Geld brauchen, und da wäre es in der Folge schon verwunderlich, wenn nicht auch über das gemeinsame ESA-Budget und damit auch über Investitionen in Kourou diskutiert würde. Zumal auch europäische Raketenstartplätze von sich reden machen: Andøya Spaceport in Norwegen, Esrange in Schweden, Cornwall Airport in Newquay (Großbritannien), Sutherland Airport (Schottland), und selbst in Deutschland wird über einen eigenen Raketenstartplatz diskutiert.
Kourou in Äquatornähe war lange Zeit sehr wichtig für geostationäre Umlaufbahnen. „Inzwischen gehen Satelliten aber auch auf andere Bahnen, und das kann man auch von anderen Standorten machen“, räumt Daras ein. Trotzdem bleibt Kourou als der autonome Zugang zum Weltall für Europäer weiter von zentraler Bedeutung.
Auch deshalb arbeitet Valérie Daras weiter mit engagierter Begeisterung an der Umsetzung ihrer Projekte, um Kourou fit zu machen, trotz einiger Ungewissheiten: „Im Team läuft alles gut, sehr viel Arbeit, intensiv und komplex.“ Aber am Ende gilt: „Wir haben hier eigentlich das gleiche Ziel.“