Die Aktivitäten ändern sich. Die Faszination für Missionen im All ist ungebrochen. Michel Debraine, Repräsentant der ESA am Weltraumbahnhof Kourou, will diese Begeisterung aus eigenen Erfahrungen an die junge Generation weitergeben.
Michel Debraine weiß, wie die ESA funktioniert und tickt. In seiner Heimat Belgien hat er die Ausbildung zum Maschinenbauingenieur gemacht, in seiner Zeit in Toulouse noch Wirtschaftswissenschaften studiert. Eine weitere Station war natürlich Paris, dann Kourou – wieder zurück nach Europa – und anschließend wieder Kourou.
Er hat an den wichtigsten Projekten der ESA mitgearbeitet, unterschiedliche Aufgaben in verschiedenen Positionen, und ist jetzt Repräsentant der ESA in Kourou. In einer Zeit, in der sich die europäische Raumfahrt neu aufstellt.
Unangefochten führend sind die Europäer weiter bei der Erforschung des Weltraums und wissenschaftlichen Projekten, insbesondere bei Klima- und Wetterforschung. Das jüngste Beispiel ist das im April mit einer Vega-Rakete in Kourou gestartete Biomass-Projekt zur Vermessung der weltweiten Biomasse.
Mit den globalen Veränderungen stellen sich neue Herausforderungen, auf die die Europäer mit neuen Strategien reagiert und dafür auch Geld in die Hand genommen haben.
„Wir gehen in dieselbe Richtung“
An deren Umsetzung ist Michel Debraine mit seinem ESA-Team in Kourou beteiligt. „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass all diese Gelder sinnvoll ausgegeben werden, in einer echten Partnerschaft, in der wir eng zusammenarbeiten.“ Europäische Raumfahrt ist immer ein Zusammenspiel vieler Partner in vielen Konstellationen. An der ESA sind 23 Länder beteiligt, die Entwicklung von Raketen, Satelliten und Komponenten findet in unterschiedlichsten Kooperationsformen statt. Am Ende läuft vieles auf dem Weltraumbahnhof Kourou zusammen. Und das soll jetzt noch intensiviert werden.
Dessen 700 Quadratkilometer großes Areal gehört der französischen Raumfahrtagentur CNES, der Betrieb der Startbasis wiederum ist eine Zusammenarbeit von CNES und ESA.
„Alle 23 europäischen Länder beteiligen sich also an der Investition in den europäischen Weltraumbahnhof. Und es gibt hier eine kleine Vertretung der ESA, um daran mitzuarbeiten, den Weltraumbahnhof weiterzuentwickeln mit Investition in die Zukunft und die Erwartungen an den Weltraumbahnhof zu erfüllen“, erläutert Debraine.
Für die Projekte der neuen „ESA-Strategie 2040“ braucht es natürlich auch die nötigen Mittel. Worüber einerseits im Grunde Einigkeit besteht, andererseits verfolgen ESA-Mitgliedsstaaten auch eigene Ambitionen in Sachen Raumfahrt. „Es wird schwieriger, öffentliche Mittel zu erhalten. Aber die Perspektiven für die Raumfahrt sind so groß, so enorm, dass wir die Mittel für die Raumfahrtaktivitäten erhalten“, ist sich Debraine sicher.
Entscheidend ist die zuständige Ministerkonferenz (die erneut im November tagt). „Es gibt Diskussionen, weil es unterschiedliche Interessen von Deutschland, Frankreich und Italien gibt. Aber am Ende ist es das Ziel, den besten Kompromiss zu finden. Das ist nicht immer die beste, die optimale Entscheidung, aber zumindest ist es eine gemeinsame Entscheidung, und wir gehen in dieselbe Richtung, insofern dann ein guter Kompromiss.“
ESA-Aktivitäten wie Erdbeobachtung, Navigation, wissenschaftliche Programme seien „sehr gut“, aber: „Wenn man keine Trägerrakete und keinen Weltraumbahnhof hat, sind alle anderen Aktivitäten nutzlos.“ Für ihn sind deshalb die Investitionen in Kourou „eine strategische Aktivität“.
Und wie sieht es aus mit den europäischen Startplätzen in Norwegen, Finnland, Großbritannien, Schottland, die neuerdings für Aufmerksamkeit sorgen? „Das ist zu begrüßen“, meint Debraine, „Aber wir sprechen hier nicht über die gleiche Art von Weltraumbahnhof.“ Man könne eben auch nicht große Flughäfen wie Toulouse oder München mit kleinen Flugplätzen für Geschäftsreisen vergleichen. „Es handelt sich um zwei verschiedene Dienstleistungen und Produkte.“
Bei richtig großen und teuren Missionen steht Kourou für große Erfahrung und Vertrauen. Und es gibt einen zusätzlichen Punkt im Blick auf künftige Entwicklungen: Auf dem Weltraumbahnhof Kourou ist noch Platz. Ein Argument für künftige „reusable Launcher“, wiederverwendbare Raketen. „Reusable Launcher bedeutet, zurückzukommen, aber um sicher zurückzukommen, braucht man Platz. Wir bieten einen sicheren Ort und den Platz.“
Verändert hat sich die Nutzlast. Waren früher Satelliten groß wie ein Zimmer, sind sie heute auf einen Kubikmeter geschrumpft. Kundenbedürfnisse haben sich verändert. Und was zu beobachten ist: „Man sieht überall in Europa einen Trend zur Aufstockung der militärischen Weltraumausgaben.“ Alles Entwicklungen, die Debraine zuversichtlich machen, „dass mehr Raumfahrzeuge gestartet werden und die Zahl der Starts im Vergleich zur Vergangenheit wirklich deutlich zunehmen wird“.
„Ich will Optimismus weitergeben“
Daran ist Deutschland maßgeblich beteiligt, sowohl mit Start-ups, die Raketen entwickeln, als auch traditionell mit Unternehmen, die vor Ort in Kourou Bauen und Dienstleistungen anbieten.
Michel Debraine, der nun sein Berufsleben lang die Entwicklung der europäischen Raumfahrt in maßgeblichen Projekten und Funktionen begleitet hat und weiter begleitet, hat seine eigenen Vorstellungen über die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass die ESA ihre Aktivitäten in Europa weiter ausbaut und wächst, um den europäischen Bürgern immer mehr Dienstleistungen anbieten zu können. Außerdem wünsche ich mir, dass die ESA eine Einrichtung ist, die alle europäischen Wünsche und Träume weiter vereint.“
Ein Punkt liegt ihm aber ganz besonders am Herzen: „Mein größter Wunsch, da ich älter werde, ist, dass junge Menschen für die Raumfahrt und für die europäische Raumfahrt arbeiten wollen. Das ist mein Traum, und ich habe wirklich versucht, meinen Optimismus und meine Begeisterung an die junge Generation weiterzugeben. Die Raumfahrt ist wirklich wichtig, weil sie eine globale Aktivität ist, die uns einen Überblick über alle Gesundheitsprobleme, den Klimawandel, die Kommunikation, das Internet gibt – alles geht in den Weltraum. Und sie ist wichtig, weil sie jungen Ingenieuren Träume bietet. Man kann davon träumen, zum Mars zu fliegen, zum Mond zu fliegen, Astronaut zu werden. Und man kann davon träumen, etwas Grundlegendes zu bauen.“ Und fügt dann mit dem Hintergrund seiner ganzen Erfahrung hinzu: „Der Weltraum öffnet wirklich den Horizont.“